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Die Geschichte der Attentate als politisches Werkzeug

Veröffentlicht 2026-06-02·5 Min. Lesezeit

Ein einzelner Schuss kann die Weltgeschichte verändern. Das ist eine faszinierende und erschreckende Tatsache. Gavrilo Princip feuerte am 28. Juni 1914 in Sarajevo zwei Schüsse ab und löste damit eine Kette von Ereignissen aus, die 17 Millionen Menschen das Leben kostete. Aber war es wirklich so einfach? Und was bewirken Attentate tatsächlich?

Die Antike: Tyrannenmord als Tugend

In der griechischen und römischen Antike galt der Tyrannenmord als legitim, sogar als heroische Tat. Harmodios und Aristogeiton, die 514 v. Chr. in Athen den Tyrannen Hipparchos töteten, wurden als Befreier gefeiert. Ihre Statuen standen auf der Agora. Der Tyrannenmord war in der antiken politischen Theorie ein letztes Mittel gegen illegitime Herrschaft.

Cäsars Ermordung am 15. März 44 v. Chr. ist das bekannteste Attentat der Antike und eines der lehrreichsten. Die Verschwörer, Brutus, Cassius und andere Senatoren, wollten die Republik retten. Was folgte, war Bürgerkrieg. Die Republik, die sie zu retten gedachten, war bereits zu weit geschwächt, um ohne Cäsar zu überleben. Sein Adoptivsohn Octavian nutzte das Chaos, um selbst Kaiser zu werden. Das Attentat beschleunigte genau das, was es verhindern sollte.

Mittelalter und frühe Neuzeit

Im Mittelalter war politischer Mord allgegenwärtig, aber selten als Attentat im modernen Sinne geplant. Oft war es Machtkampf innerhalb der herrschenden Schichten. Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury, wurde 1170 in seiner eigenen Kathedrale von Rittern König Heinrichs II. erschlagen. Ob der König den Mord befahl oder nur unvorsichtig sprach, ist bis heute umstritten.

Die Assassinen, eine islamische Sekte des 11. bis 13. Jahrhunderts im heutigen Iran und Syrien, machten das Attentat zur Staatspolitik. Ihr Name ist der Ursprung des englischen Worts "assassin". Sie töteten gezielt Herrscher und Feldherren, die ihnen gefährlich wurden. Ob der Mythos des berauschten Attentäters, der im Paradies der Assassinen aufgewachsen ist, historisch stimmt, ist fraglich. Aber ihre politische Wirksamkeit war real: Sie terrorisierten und lähmten Gegner über Jahrzehnte.

Das 19. Jahrhundert: Ideologie und Attentat

Mit dem Aufkommen politischer Ideologien im 19. Jahrhundert änderte sich die Logik des Attentats. Anarchisten, Nationalisten, Sozialisten sahen im Attentat auf Staatsoberhäupter eine politische Aussage. Die "Propaganda der Tat" lautete das Schlagwort anarchistischer Kreise: Ein spektakulärer Akt soll die Massen aufwecken und zum Aufstand bewegen.

Zwischen 1881 und 1914 wurden zahlreiche europäische Staatsoberhäupter ermordet: Zar Alexander II. von Russland (1881), Präsident Carnot von Frankreich (1894), Kaiserin Elisabeth von Österreich (1898), König Umberto I. von Italien (1900), US-Präsident McKinley (1901). Keines dieser Attentate löste die erwartete Revolution aus. Stattdessen folgten meist Repressionswellen gegen politische Bewegungen.

Sarajevo 1914: Das Attentat, das die Welt veränderte

Gavrilo Princip war 19 Jahre alt, als er Franz Ferdinand, den österreichisch-ungarischen Thronfolger, erschoss. Er war Mitglied der Mlada Bosna, einer serbisch-nationalistischen Untergrundorganisation, und wollte die südslawische Einheit vorantreiben.

Was folgte, war nicht das, was er sich vorstellte. Österreich-Ungarn stellte Serbien ein Ultimatum, das darauf ausgelegt war, abgelehnt zu werden. Die Bündnissysteme griffen. Deutschland, Russland, Frankreich, Großbritannien: Innerhalb von sechs Wochen war Europa im Krieg. Princip starb 1918 in österreichischer Haft, ohne zu wissen, was aus seinem Akt geworden war.

Das Attentat in Sarajevo wird oft als Auslöser des Ersten Weltkriegs bezeichnet. Das stimmt nur teilweise. Die Spannungen, die zum Krieg führten, waren schon vorhanden. Princips Schuss gab dem Konflikt einen Anlass, aber nicht seine Ursache.

Der 20. Juli 1944: Das Attentat, das scheiterte

Claus von Stauffenberg legte am 20. Juli 1944 eine Bombe unter den Konferenztisch in Hitlers Hauptquartier Wolfsschanze. Hitler überlebte, weil jemand die Aktentasche mit der Bombe hinter einen massiven Eichentischfuß verschoben hatte. Stauffenberg und seine Mitverschwörer wurden noch in derselben Nacht erschossen.

Das gescheiterte Attentat hatte verheerende Folgen für den deutschen Widerstand. Tausende wurden verhaftet, gefoltert, hingerichtet. Die SS nutzte es, um ihre Kontrolle über das Militär weiter auszubauen. Hitler interpretierte sein Überleben als Zeichen der Vorsehung und ließ den Krieg trotz hoffnungsloser Lage weiterführen. Historiker streiten bis heute, ob ein erfolgreicher Anschlag den Krieg erheblich verkürzt hätte.

Kennedy, King, Malcolm X: Amerika 1963-1968

Die Mordwelle der 1960er Jahre in den USA veränderte das Land tief. John F. Kennedy wurde am 22. November 1963 in Dallas erschossen. Wer den Auftrag gab, wenn es einen Auftraggeber gab, ist eine der meistdiskutierten offenen Fragen der Geschichte. Lee Harvey Oswald, der als Täter gilt, wurde zwei Tage später selbst erschossen, bevor er aussagen konnte.

Malcolm X wurde 1965 ermordet, Martin Luther King Jr. 1968, Robert Kennedy ebenfalls 1968. Dieser konzentrierte Angriff auf progressive Führungsfiguren, ob koordiniert oder nicht, unterbrach eine politische Bewegung in ihrem Momentum. Die Bürgerrechtsbewegung überlebte Kings Tod, aber sie fragmentierte sich. Die politische Landschaft Amerikas veränderte sich in den folgenden Jahrzehnten grundlegend.

Wann funktionieren Attentate?

Die historische Bilanz ist ernüchternd. Attentate auf Diktatoren und Tyrannen haben in den wenigsten Fällen zu echtem politischen Wandel geführt, weil das System, das den Tyrannen hervorbrachte, durch seinen Tod nicht verschwindet. Cäsars Mörder bekamen kein wiederhergestellte Republik. Princips Schuss brachte keine südslawische Befreiung.

Attentate wirken am ehesten dort, wo sie eine Person treffen, die tatsächlich unersetzbar ist, und wo eine starke Alternative bereitsteht. Beides ist selten der Fall. Meistens erzeugen Attentate Märtyrer, lösen Repressionswellen aus oder destabilisieren einen Staat auf eine Weise, von der nicht die Unterdrückten profitieren, sondern die Stärksten.

Die Logik des Verzweifelten

Wer ein Attentat plant, glaubt meist, dass alle anderen Mittel erschöpft sind. Das mag stimmen oder nicht. Was die Geschichte zeigt: Die Wirkung eines Attentats ist fast nie die intendierte. Systeme sind robuster als einzelne Personen. Und die Reaktion auf politische Gewalt ist meistens mehr Gewalt, nicht weniger.

Das macht die Faszination, die Attentate auf Historiker, Schriftsteller und das Publikum ausüben, nicht kleiner. Es ist die Spannung zwischen der Dramatik des Moments und der Komplexität der Konsequenzen. Ein Schuss. Und dann eine Welt, die man nicht vorhersehen konnte.

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