Attila der Hunne: Wie ein Mann fast das Romische Reich zerstorte
Im Jahr 447 n. Chr. verwustete eine Armee aus dem Osten den Balkan so grundlich, dass romische Quellen von einem Blutbad schrieben, das keine Stadt uberlebte. Der Mann, der diese Armee fuhrte, war nicht der erste Hunnenfurst, aber er wurde der bekannteste: Attila, von seinen Feinden "Geiel Gottes" genannt, von seinen Untergaben einfach "der Herr".
Die Geschichte Attilas ist keine Geschichte von Barbarei gegen Zivilisation. Sie ist eine Geschichte von Politik, Machtkalkulation und den Grenzen eines der komplexesten Gemeinwesen, die je existierten: das spatantike Rom.
Wer die Hunnen wirklich waren
Die Hunnen tauchten in romischen Quellen um 370 n. Chr. auf, als sie die Goten ostlich des Schwarzen Meeres angriffen und in Bewegung versetzten. Wer sie genau waren, wo sie ursprunglich herkamen, ist bis heute nicht vollstandig geklart. Die lange vertretene These, dass sie identisch mit den Xiongnu aus chinesischen Quellen seien, ist unter Historikern umstritten.
Was feststeht: Die Hunnen waren hochmobile Reitervolk-Verbaende, Meister im berittenen Bogenschiessen, gefurchtet fur ihre Fahigkeit, feindliche Formationen aus der Distanz zu dezimieren, bevor sie uberhaupt in Nahkampfreichweite kamen. Ihr zusammengesetzter Bogen war eine Prazisonwaffe, die romische Ingenieure respektierten und forderten.
Gesellschaftlich waren sie keine einheitliche Nation. Sie bestanden aus vielen Gruppen unterschiedlicher Herkunft, zusammengehalten durch militarische Fuhrung und Erfolg. Wer gewann, zog mehr Gruppen an. Wer verlor, zerfiel schnell.
Attilas Aufstieg
Attila wurde um 400 n. Chr. geboren, vermutlich in der pannonischen Tiefebene, dem heutigen Ungarn. Er wuchs in einer Familie auf, die bereits zur Fuhrungsschicht der Hunnen gehorte. Sein Onkel Rugila herrschte uber einen bedeutenden Teil des Hunnenreichs und nutzte die militarische Starke seiner Reiter, um sowohl Ostrom (Byzanz) als auch die westliche Romhalfte zur Zahlung von Tributgeldern zu zwingen.
Nach Rugilas Tod um 434 n. Chr. ubernahmen Attila und sein Bruder Bleda gemeinsam die Herrschaft. Dieses Arrangement funktionierte fur etwa ein Jahrzehnt. Im Jahr 445 n. Chr. war Bleda tot. Romische Quellen behaupten, Attila habe ihn ermorden lassen. Ob das der Wahrheit entspricht, ist nicht beweisbar. Das Ergebnis war eindeutig: Attila war nun Alleinherrscher.
Was ihn von seinen Vorgangern unterschied, war nicht nur militarisches Geschick. Attila verstand die romische Politik. Er sprach Latein, kannte die Strukturen des Romischen Reiches, wusste genau, welche Senatoren sich bestechen liessen, welche Generalen er beeinflussen konnte, und welche Unsicherheiten er ausnutzen konnte.
Der erste grobe Angriff: Der Balkan 441-447
Der erste grosse Feldzug gegen Ostrom begann 441 n. Chr. Der offizielle Anlass war ein Vertragsbruch: Ostrom hatte zugesagt, fliehende Untertanen der Hunnen nicht zu schutzen, hatte es aber dennoch getan. Attila nutzte das als Rechtfertigung.
Die Hunnen stormten durch Moesia und Thrakien, plunderten Naissus (das heutige Nis in Serbien) vollstandig aus und drangen bis Konstantinopel vor. Die Stadt selbst konnten sie nicht einnehmen, ihre Mauern waren das Beste, was die Spatantike an Festungsbau kannte. Aber das Umland verwusteten sie so grundlich, dass der ostromanische Kaiser Theodosius II. einem demutigendem Frieden zustimmte: dreimal so viel Tribut wie bisher und die Auslieferung aller hunniischen Ueberlaufer.
444 n. Chr. brach Attila den Frieden erneut. Der Grund war diesmal: Ostrom hatte nicht genug Ueberlaufer ausgeliefert. 447 folgten die verheerendsten Feldzuge. Marcianopolis fiel. Philippopolis fiel. Romische Quellen zahlen uber 70 Stadte, die zerstort oder schwer beschadigt wurden. Attila stand mit seiner Armee in Sichtweite von Konstantinopel.
Der Westen: Gallien und Italien
450 n. Chr. verlagerte Attila seinen Blick nach Westen. Die offizielle Begrundung war kurios: Honoria, die Schwester des westromanischen Kaisers Valentinian III., hatte Attila einen Ring geschickt und ihn angeblich um Hilfe gebeten gegen ihren Bruder, der sie zu einer ungewollten Heirat zwingen wollte. Attila interpretierte das als Heiratsantrag und forderte die Halfte des westromanischen Reiches als Mitgift.
Valentinian lehnte ab. Attila marschierte in Gallien ein.
Was folgte, ist als "Katalaunische Schlachten" bekannt, die entscheidende Auseinandersetzung des Jahres 451 auf den Katalaunischen Feldern in der heutigen Champagne. Auf der einen Seite Attilas Hunnen und ihre germanischen Verbundeten, auf der anderen Seite ein romisch-westgotisches Bundnis unter dem romischen Feldherrn Aetius. Es war eine der grosten Schlachten der Spatantike.
Das Ergebnis war unentschieden, aber Attila zog sich zuruck. Es war das erste Mal, dass seine Armee klar gestoppt worden war.
452 versuchte er es erneut, diesmal in Italien. Aquileia wurde nach langer Belagerung eingenommen und so grundlich zerstort, dass sie nie wieder zur Bedeutung fand. Mailand fiel. Attila drang die Po-Ebene entlang vor. Rom selbst schien offen.
Dann kam er nicht. Papst Leo I. reiste Attila entgegen und verhandelte. Was genau gesagt wurde, ist nicht uberliefert. Spatere kirchliche Quellen erzahlen von einer gottlichen Erscheinung, die Attila zuruckschrecken liess. Wahrscheinlichere Grunde: Die Armee litt unter Seuchen, die Versorgungslinien waren lang, Ostrom griff nun seinerseits an den Donau-Grenzen an.
Der plotzliche Tod und das Zerfall des Reiches
453 n. Chr. heiratete Attila erneut, eine Frau namens Ildico. Am Morgen nach der Hochzeitsnacht wurde er tot in seinem Bett gefunden. Ildico war aufgelost und weinend neben ihm. Romische und spatere Quellen boten viele Erklarungen an: Mord durch die neue Frau, ein Herzanfall, innere Blutungen durch ubermabigen Alkoholgenuss, moglicherweise eine Ruptur einer erweiterten Ader durch das Trinken.
Das Hunnische Reich zerbrach schnell. Attilas Sohne strittten um das Erbe, die unterworfen germanischen Stamme nutzten die Gelegenheit zur Revolte. Auf den Gefilden am Nedao-Fluss 454 n. Chr. schlugen die Gepiden und ihre Verbundeten die Hunnen vernichtend. Innerhalb weniger Jahre war das Reich, das ganz Europa in Angst versetzt hatte, Geschichte.
Was Attila wirklich wollte
Die Frage nach Attilas Motiven ist spannend, weil romische Quellen ihn fast ausnahmslos als blutrungigen Barbaren darstellten. Das war Propaganda. Attilas Feldzuge hatten in erster Linie wirtschaftliche Ziele: Tribut, Beute, Handelsvorteile.
Er war kein Ideologe, der die romische Zivilisation zerstoren wollte. Er wollte Reichtum und Einfluss. Das machte ihn, aus romischer Perspektive, in gewissem Sinne noch gefahrlicher, weil seine Forderungen immer neue Erfullung verlangten. Ein Feind, der vernichten will, ist berechenbar. Einer, der immer mehr will, ist es nicht.
Interessant ist auch, wie Attila mit unterlegenen Volkern umging. Es gab keine systematischen Ausrottungen. Stadte, die sich ergaben, wurden geplundert, aber die Bevolkerung lebte meistens weiter. Widerstand wurde hart bestraft, Kapitulation nicht.
Das Erbe Attilas
Attila ist eine der wenigen historischen Figuren, die in der Kultur der Volker, die er bekampfte, weiterleben. In der deutschen Nibelungensage erscheint er als Etzel, eine ambivalente Figur. In nordischen Sagas taucht er als Atli auf, ein geiziger und grausamer Konig, der seine eigene Frau zur Feindschaft treibt.
Ungarn betrachtet Attila als eine Art Vorfahren, obwohl die historische Verbindung zwischen den Hunnen und den spateren magyarischen Stammen kaum belegt ist. Sein Name wurde zum Symbol fur Starke und nationale Grosse, ein Umstand, den Historiker mit gemischten Gefuhlen betrachten.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass ein einziger Mann mit der richtigen Mischung aus militarischem Geschick, politischem Kalkul und dem richtigen historischen Moment das machtigste Reich seiner Zeit an den Rand des Zusammenbruchs bringen konnte. Rom uberlebte Attila, aber nicht lange. 476 n. Chr. endete das Westromische Reich. Die Hunnen hatten es nicht zerstort, aber sie hatten die Risse vertieft, aus denen es letztendlich zerbrach.