Das Byzantinische Reich und seine Kaiser
Das Reich, das sich selbst nicht so nannte
Die Byzantiner nannten sich selbst Romaioi, Römer. Ihr Reich war für sie das Römische Reich, weitergeführt, nicht ein Nachfolgestaat. Den Begriff "Byzantinisches Reich" haben sie nie verwendet. Er wurde erst im 16. Jahrhundert von einem deutschen Humanisten geprägt, um das oströmische Reich von dem zu unterscheiden, was im Westen als "das" Römische Reich galt. Bis zu seinem Ende 1453 sah Konstantinopel sich selbst als die legitime Fortsetzung des Imperium Romanum.
Diese Perspektive ist wichtig, um zu verstehen, warum das Byzantinische Reich so lange überdauerte. Es lebte von der Kraft dieser Idee, gespeist durch die Kirche, das Recht und eine Verwaltungstradition, die sich über mehr als ein Jahrtausend erstreckte. Kein anderes politisches System der Antike überlebte so lange in institutionell erkennbarer Form.
Justinian I.: Rückeroberung und Kodifizierung
Der größte Kaiser des frühen Byzantinischen Reiches war Justinian I., der von 527 bis 565 regierte. Sein Ziel war die Wiederherstellung des alten römischen Imperiums. Mit seinen Feldherren Belisar und Narses errang er spektakuläre Erfolge: Nordafrika wurde den Vandalen entrissen, Italien den Ostgoten, Teile Spaniens den Westgoten. Das Mittelmeer war für wenige Jahrzehnte wieder ein "römisches Meer".
Diese Rückeroberungen kosteten das Reich eine Generation lang enormen Aufwand und enorme Ressourcen. Italien wurde durch den Gotenkrieg verwüstet. Die Bevölkerung sank, die Städte lagen in Trümmern, die Wirtschaft brach zusammen. Justinians militärische Erfolge waren daher teuer erkauft und nicht dauerhaft: Nach seinem Tod gingen die meisten Gebiete verloren.
Bleibendes Erbe war etwas anderes: der Corpus Juris Civilis, die Kodifizierung des römischen Rechts unter Justinians Aufsicht. Dieses Werk, das das gesamte römische Recht in einem System zusammenfasste, wurde zur Grundlage des europäischen Zivilrechts. Ohne Justinian gäbe es kein deutsches Bürgerliches Gesetzbuch, kein französisches Code Civil und keine der modernen Rechtssysteme, die auf römischem Recht basieren.
Herakleios und die persische Bedrohung
Um 600 stand das Reich vor dem Untergang. Die Avaren belagerten den Balkan, die Sassaniden unter Chosrau II. hatten Syrien, Palästina, Ägypten und Teile Anatoliens überrannt. Jerusalem war gefallen, das Heilige Kreuz war in persischer Hand. Kaiser Herakleios, der 610 die Macht übernommen hatte, organisierte eine der großartigsten militärischen Comebacks der Geschichte.
Er reformierte die Armee, schloss ein Bündnis mit den Chasaren im Norden Persiens und führte einen langen Feldzug tief in sassanidisches Territorium. 628 besiegte er Chosrau II. vernichtend. Die verlorenen Provinzen wurden zurückgewonnen, das Heilige Kreuz nach Jerusalem zurückgebracht. Herakleios schien die Welt gerettet zu haben.
Dann kamen die Araber. Innerhalb von zehn Jahren nach seinem Sieg über Persien verlor Herakleios Syrien, Palästina und Ägypten an die islamischen Heere. Er selbst starb 641, gebrochen und krank, ohne eine Antwort auf diese neue Bedrohung gefunden zu haben. Das byzantinische Reich überlebte, aber es war nie wieder das gleiche.
Die Makedonische Dynastie: Das goldene Zeitalter
Das 9. bis 11. Jahrhundert war das goldene Zeitalter des Byzantinischen Reiches unter der Makedonischen Dynastie. Kaiser Basileios I. begründete 867 die Dynastie, die für rund 200 Jahre das Reich regierte. Unter Basileios II., dem "Bulgarentöter", erreichte das Reich seine maximale mittelalterliche Ausdehnung.
Basileios II. erhielt seinen Beinamen durch seine Behandlung einer gefangenen bulgarischen Armee. 1014 ließ er 15.000 bulgarische Gefangene blenden, mit Ausnahme jedes hundertsten, den er mit einem Auge ließ, damit er die anderen nach Hause führen konnte. Als der bulgarische Zar Samuel die zurückkehrende Armee sah, erlitt er einen Schlaganfall und starb. Der Bulgarenschlachter war kein sanfter Mann, aber er war ein wirksamer Herrscher.
Der Erste Kreuzzug und die Beziehung zum Westen
1095 wandte sich Kaiser Alexios I. Komnenos an Papst Urban II. mit der Bitte um westliche Militärhilfe gegen die Seldschuken. Was er bekam, war mehr als er erwartet hatte. Der Erste Kreuzzug schickte Hunderttausende westliche Ritter durch Konstantinopel. Alexios war nicht erfreut. Das Verhältnis zwischen Byzanz und den Kreuzfahrern war von Anfang an belastet: Misstrauen, unterschiedliche religiöse Praxis, Sprache und politische Ziele.
Die Spannungen kulminierten 1204 im Vierten Kreuzzug, als ein ursprünglich nach Ägypten geplanter Kreuzzug stattdessen Konstantinopel plünderte. Die Kreuzfahrer, angestachelt durch venezianische Interessen, brachen in die Stadt ein und richteten ein dreitägiges Massaker an. Kirchen wurden geplündert, Kulturgüter gestohlen, Frauen vergewaltigt. Das war ein Tiefpunkt der mittelalterlichen Geschichte. Das Lateinische Kaiserreich, das auf den Trümmern entstand, hielt bis 1261.
Der Untergang: 1453
Das Byzantinische Reich, das 1261 wiederhergestellt wurde, war ein Schatten seiner selbst. Es kontrollierte nur noch Teile Griechenlands und Thrakiens. Die Osmanen hatten Anatolien übernommen und drängten nun auf Europa. Kaiser Konstantin XI., der letzte byzantinische Kaiser, herrschte über eine sterbende Metropole.
Als Mehmed II. 1453 Konstantinopel belagerte, standen dem Kaiser 7000 Verteidiger gegen eine osmanische Armee von vielleicht 80.000 Mann gegenüber. Die Stadt hielt 53 Tage. Am 29. Mai öffnete sich eine unversperrte Pforte in der Mauer. Konstantin XI. soll in den letzten Kämpfen gefallen sein, sein Leichnam wurde nie eindeutig identifiziert.
1453 war das Ende eines Reiches, das sich selbst als ewig verstanden hatte. Es hinterließ ein Rechtssystem, eine Kunsttradition, die orthodoxe Kirche und das Erbe der griechischen Antike, das byzantinische Gelehrte im Laufe der Jahrhunderte bewahrt und weitergetragen hatten. Viele dieser Gelehrten flohen nach dem Fall der Stadt in den Westen und brachten griechische Manuskripte mit sich. Ihr Wissen befeuerte die Renaissance.