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Das Geheimnis der Mary Celeste

Veröffentlicht 2026-06-02·5 Min. Lesezeit

Ein Schiff ohne Menschen

Am 4. Dezember 1872 sichtete die Besatzung der britischen Brigg Dei Gratia im Nordatlantik ein führerloses Schiff. Es war die Mary Celeste, eine amerikanische Brigg, die gut einen Monat zuvor von New York nach Genua aufgebrochen war. Das Schiff war noch seetüchtig, die Segel teilweise gesetzt, der Laderaum voll mit Alkoholfässern. Aber die sieben Besatzungsmitglieder, der Kapitän Benjamin Briggs, seine Frau Sarah, seine zweijährige Tochter Sophia und vier Matrosen waren spurlos verschwunden.

Kein Zeichen von Gewalt. Keine Leichen. Keine verbrannten Segel. Das letzte Logbucheintrag datierte auf den 25. November. Was zwischen diesem Datum und dem 4. Dezember geschah, ist bis heute eines der größten ungelösten Rätsel der Seefahrtsgeschichte.

Was an Bord gefunden wurde

Die Untersuchung der Dei Gratia-Besatzung lieferte ein seltsames Bild. Die Kajüte des Kapitäns war geordnet. Kleidung hing noch an Haken. Ein unvollendetes Frühstück, so berichteten manche frühen Quellen, stand noch auf dem Tisch. Neuere historische Untersuchungen haben diese Details bezweifelt, aber das Grundbild blieb: Die Mary Celeste sah nicht so aus, als hätte jemand in Panik geflohen.

Das Rettungsboot fehlte. Die letzte Logbuchposition zeigte eine Position unweit der Azoren. Die Pumpen waren funktionsfähig. Der Laderaum enthielt 1.701 Fässer rohen Methylalkohols, von denen neun leer waren. Diese Detail ist wichtig für eine der überzeugendsten Erklärungen.

Ein Sextant und ein Barometer fehlten ebenfalls, was darauf hindeutet, dass die Besatzung Zeit hatte, bestimmte Gegenstände mitzunehmen, bevor sie das Schiff verließ. Das war kein Überstürzter Fluchtversuch.

Die wichtigsten Theorien

Im Laufe der Jahrzehnte wurden Dutzende Erklärungen vorgebracht. Die meisten lassen sich in ein paar Kategorien einteilen.

Die Alkoholdampf-Theorie gilt unter Historikern heute als wahrscheinlichste Erklärung. Die neun leeren Fässer deuten darauf hin, dass Alkohol ausgelaufen war. Methylalkohol ist flüchtig und bildet bei Kontakt mit Luft explosive Dampfwolken. Eine kleine Explosion oder sogar der Druck eines entweichenden Dampfstoßes hätte die Besatzung in Panik versetzt, auch ohne dass dabei Flammen entstanden. Kapitän Briggs hätte das Schiff als Vorsichtsmaßnahme verlassen, mit der Absicht, es zu beobachten und zurückzukehren, sobald die Gefahr vorbei war. Aber das Schiff trieb davon, und die Besatzung im überlasteten Rettungsboot überlebte das rauhe Atlantikwetter nicht.

Eine andere Theorie betrifft Navigationsfehler kombiniert mit einem seismischen Ereignis. Im Atlantik gibt es gelegentlich Wassersprünge durch unterseeische Erdbeben, sogenannte Seaquakes. Ein solches Ereignis hätte die Besatzung erschreckt und den Eindruck erweckt, das Schiff sinke, ohne tatsächlich Schaden anzurichten.

Die Piraterie-Theorie wurde früh ins Spiel gebracht, aber sie passt nicht zu den Fakten. Nichts von Wert wurde gestohlen. Der Alkohol war noch da. Gewalt war nicht erkennbar. Piraten hätten das Schiff und die Ladung mitgenommen oder zumindest geplündert.

Der umstrittene Bericht

Die Untersuchung in Gibraltar durch den britischen Vizeadmiral Frederick Solly-Flood war geprägt von Misstrauen gegenüber der Dei Gratia-Besatzung. Solly-Flood vermutete zunächst, die Männer der Dei Gratia hätten die Besatzung der Mary Celeste ermordet, um Bergelohn zu kassieren. Diese Theorie ließ sich nicht belegen. Trotzdem erhielt die Dei Gratia nur einen Bruchteil des üblichen Bergelohns, was auf anhaltenden Verdacht hindeutet.

Dieser Verdacht war ungerechtfertigt. Die Dei Gratia war ein anderes Schiff, das erst Tage nach der Mary Celeste aufgebrochen war. Ein koordinierter Mord wäre logistisch kaum möglich gewesen. Dennoch verzögerte Solly-Floods Misstrauen die Freigabe des Schiffs und trübte die historische Aufzeichnung.

Arthur Conan Doyle und der Mythos

Einen Großteil seiner mystischen Aura verdankt das Schiff Arthur Conan Doyle, dem Schöpfer von Sherlock Holmes. 1884 veröffentlichte er eine Kurzgeschichte namens "J. Habakuk Jephson's Statement", die lose auf der Mary Celeste basierte. Doyle nannte das Schiff darin "Marie Celeste" und erfand dramatische Details hinzu. Diese Geschichte wurde von vielen als echter Bericht missverstanden und prägte die Vorstellung eines übernatürlichen Rätsels.

Das ist symptomatisch für viele historische Mysterien: Wenn die Fakten nicht ausreichen, füllt die Fantasie die Lücken. Über die Jahrzehnte wurden Atlantis, Außerirdische, Zeitreisen und bermudadreieck-ähnliche Erklärungen ins Spiel gebracht. Alle entbehren jeder sachlichen Grundlage.

Das spätere Schicksal des Schiffes

Die Mary Celeste selbst hatte ein trauriges Ende. Nach dem Vorfall 1872 wechselte sie mehrfach den Besitzer. Jeder vermied es, auf dem verfluchten Schiff zu fahren. Im Januar 1885 ließ Kapitän Gilman Parker das Schiff absichtlich auf ein Riff vor Haiti auflaufen, um Versicherungsbetrug zu begehen. Parker wurde verhaftet und vor Gericht gestellt. Er starb wenige Monate später, bevor ein Urteil gesprochen werden konnte.

Das Wrack der Mary Celeste wurde 2001 von einer Expedition identifiziert, die von dem Autor Clive Cussler finanziert wurde. Es liegt in etwa zehn Metern Tiefe vor der haitianischen Küste.

Was die Wissenschaft heute sagt

Moderne Recherchen und die Arbeit des Historikers Andrew Beahrs sowie anderer Fachleute haben die Alkohordampf-Theorie weiter unterstützt. Ein Experiment des britischen Fernsehsenders Channel 4 im Jahr 2006 zeigte, dass ein Brand aus Alkoholdampf eine kurze, schadlose Druckwelle erzeugen kann, die trotzdem spectakulär genug ist, um eine Schiffsbesatzung in Panik zu versetzen. Keine Flammen, kein Ruß, keine Brandspuren, genau das, was auf der Mary Celeste nicht gefunden wurde.

Wahrscheinlich verließ Kapitän Briggs das Schiff mit allen an Bord, befestigte das Rettungsboot mit einem Seil an der Brigg und wartete, bis die Gefahr vorüber sein würde. Das Seil riss. Das Schiff segelte davon. Die Besatzung ertrank im Atlantik.

Ein Rätsel, das bleibt

Keine Theorie erklärt alle Details vollständig. Die fehlenden Beweise machen eine abschließende Antwort unmöglich. Aber das ist der Charakter echter Mysterien. Sie existieren in den Lücken zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir nie wissen werden.

Die Mary Celeste bleibt deshalb faszinierend, nicht weil sie übernatürlich ist, sondern weil sie zeigt, wie wenig es braucht, damit eine ganz normale Tragödie zur Legende wird.

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