Das Heilige Römische Reich: Geschichte eines Jahrhunderte langen Experiments
Ein Reich mit einem irreführenden Namen
Voltaire formulierte es so: "Das Heilige Römische Reich ist weder heilig, noch römisch, noch ein Reich." Diese Bemerkung aus dem 18. Jahrhundert trifft einen wahren Kern. Das Heilige Römische Reich war ein politisches Gebilde von außerordentlicher Komplexität, das von 962 bis 1806 bestand und in keiner Phase seiner Geschichte einem modernen Nationalstaat ähnelte. Es war ein Verband aus Königreichen, Herzogtümern, Bistümern, Reichsstädten und Grafschaften, zusammengehalten von einer Verfassung, einem Kaiser und einer gemeinsamen Idee.
Die Idee war die folgende: Es gab einst ein Römisches Reich, das die christliche Welt geeint hatte. Dieses Reich war nicht untergegangen, sondern auf die germanischen Völker übertragen worden. Der Kaiser war nicht einfach ein König unter Königen, er war der weltliche Arm der Christenheit, legitimiert durch die Tradition Roms und die Salbung durch den Papst. Das war in der Praxis kompliziert, theoretisch aber von enormer ideologischer Kraft.
Die Gründung: Otto I. und die Kaiserkrönung von 962
Das Datum der Gründung ist umstritten. Manche Historiker beginnen mit Karl dem Großen und seiner Kaiserkrönung im Jahr 800. Andere setzen den Beginn bei Otto I., der am 2. Februar 962 in Rom von Papst Johannes XII. zum Kaiser gekrönt wurde. Diese Krönung gilt als der eigentliche Beginn des Heiligen Römischen Reiches, weil sie eine institutionelle Kontinuität begründete, die Karl der Große nicht hinterlassen hatte.
Otto I. war König des Ostfrankenreiches, das aus der Teilung des Karolingerreiches hervorgegangen war. Er hatte die Ungarn 955 in der Schlacht auf dem Lechfeld vernichtend geschlagen und damit die zentrale Bedrohung für Mitteleuropa beseitigt. Dieser Sieg gab ihm die Autorität, die ein Kaisertum erforderte. Die Krönung in Rom war der formale Abschluss einer Machtstellung, die er sich bereits erkämpft hatte.
Der Investiturstreit: Kaiser gegen Papst
Die größte Krise des frühen Reiches war der Investiturstreit, ein Kampf um die Frage, wer das Recht hatte, Bischöfe und Äbte in ihre Ämter einzusetzen. Bischöfe waren im Mittelalter nicht nur religiöse, sondern auch weltliche Machtträger. Wer sie kontrollierte, kontrollierte große Teile des Reiches. Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. trugen diesen Konflikt mit maximaler Schärfe aus.
1076 exkommunizierte Gregor VII. den Kaiser. Das war kein Kirchenstrafsymbol, das war politische Vernichtung: Alle Untertanen des Kaisers waren von ihrem Treueeid entbunden. Heinrich IV. reagierte mit dem berühmten Gang nach Canossa im Januar 1077. Er stand drei Tage im Schnee vor der Burg des Papstes, barfuß und im Büßergewand, bis Gregor ihn empfing und die Exkommunikation aufhob. Der Konflikt war damit nicht gelöst, aber Heinrich hatte die unmittelbare politische Krise überstanden. Der Kompromiss kam erst 1122 mit dem Wormser Konkordat: Geistliche wurden künftig zuerst kirchlich und danach weltlich investiert.
Die Goldene Bulle von 1356
Das wichtigste Verfassungsdokument des Reiches war die Goldene Bulle, erlassen von Kaiser Karl IV. im Jahr 1356. Sie regelte die Kaiserwahl: Sieben Kurfürsten, drei geistliche (die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln) und vier weltliche (der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg), hatten das alleinige Recht, den Kaiser zu wählen. Damit wurde die Macht des Papstes aus dem Wahlprozess ausgeschlossen.
Die Goldene Bulle schuf auch eine Form politischer Stabilität, die das Reich über Jahrhunderte zusammenhielt. Sie war kein Instrument des Fortschritts, sondern der Konservierung. Sie sicherte den Kurfürsten ihre Privilegien und gab dem Reich eine Verfassung, die trotz aller Krisen bis 1806 gültig blieb.
Die Habsburger und das Kaisertum
Seit 1438 stellten die Habsburger fast ununterbrochen den Kaiser. Das machte das Kaisertum faktisch erblich, obwohl es rechtlich eine Wahl blieb. Die Habsburger kombinierten die Kaiserwürde mit einer geschickten Heiratspolitik, die ihnen Burgund, Spanien, Böhmen und Ungarn einbrachte. Karl V., der 1519 Kaiser wurde, beherrschte ein Reich, über das die Sonne nicht unterging: Europa, Spanien, Teile Italiens, Amerika.
Doch diese Größe war das Problem. Karl V. konnte nicht gleichzeitig in Deutschland die Reformation bekämpfen, in Spanien regieren, den Osmanen widerstehen und Franzosen in Schach halten. 1555 akzeptierte er mit dem Augsburger Religionsfrieden, dass lutherische Fürsten in ihren Territorien die Konfession bestimmen durften. "Cuius regio, eius religio" war der Grundsatz, der das Reich de facto in konfessionelle Blöcke teilte.
Der Dreißigjährige Krieg und seine Folgen
1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus, der verheerendste Konflikt, den das Reich je erlebte. Was als Religionsstreit zwischen protestantischen Böhmen und dem katholischen Kaiser begann, wurde zu einem gesamteuropäischen Krieg, in dem Schweden, Frankreich, Dänemark und die Spanischen Habsburger ihre Interessen austrugen. Deutschland war das Schlachtfeld.
Am Ende dieses Krieges, nach dreißig Jahren Plünderung, Hungersnot und Seuchen, hatte das Reich zwischen einem Drittel und einem Viertel seiner Bevölkerung verloren. Manche Regionen waren nahezu entvölkert. Der Westfälische Frieden von 1648 beendete den Krieg und verwandelte das Reich endgültig in ein lockeres Konglomerat weitgehend souveräner Territorien. Der Kaiser behielt den Titel, aber die reale Macht hatten die Fürsten.
Das Ende: Napoleon und die Abdankung von 1806
Napoleon Bonaparte gab dem Reich den letzten Stoß. 1804 hatte er sich zum Kaiser der Franzosen erklärt, eine direkte Herausforderung an den habsburgischen Kaisertitel. 1806 zwang er 16 süddeutsche Fürsten, aus dem Reich auszutreten und den Rheinbund zu gründen, ein napoleonisches Protektorat. Kaiser Franz II. zog die Konsequenz: Am 6. August 1806 legte er die Kaiserkrone nieder und erklärte das Reich für aufgelöst.
Das Heilige Römische Reich hatte 844 Jahre bestanden. Es hatte kein Steuersystem, keine ständige Armee, keine einheitliche Verwaltung. Es war ein Verband aus Überzeugung und Tradition, nicht aus institutioneller Kraft. Und genau das machte es zu einem der faszinierendsten politischen Experimente der Geschichte: ein Reich, das mit keinem modernen Begriff wirklich greifbar ist.