Der echte König Artus
Der Mythos, den jeder kennt
König Artus ist einer der bekanntesten Herrscher der Geschichte, und er hat möglicherweise nie existiert. Camelot, die Tafelrunde, Excalibur, Merlin, Lancelot und Guinevere. Diese Bilder gehören zum kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt. Aber welchen historischen Kern hat diese Geschichte? Und wenn es einen Artus gab, wie sah er wirklich aus?
Die Antwort ist komplizierter als ein einfaches Ja oder Nein. Es gibt keine zeitgenössischen Quellen, die einen König Artus belegen. Aber es gibt historische Kontexte, in denen eine Figur wie Artus Sinn ergibt, und es gibt frühe Quellen, die einen solchen Namen erwähnen. Das ist Stoff für eine spannende Suche.
Britannien nach den Römern
Um Artus zu verstehen, muss man die Welt kennen, in der er gelebt haben soll. Nach dem Rückzug der römischen Legionen um 410 n. Chr. war Britannien ein fragmentiertes Land. Lokale Häuptlinge kämpften um Macht. Sachsische, anglische und jütische Stämme aus Nordgermanien drangen immer tiefer ins Innere vor. Die romanisierte Bevölkerung Britanniens, die Briten, kämpfte ums Überleben.
In diese Zeit fällt der mögliche historische Artus. Nicht ein König mit glitzernder Krone und steinernem Schloss, sondern ein Kriegshäuptling oder Heerführer, der die zerstrittenen britischen Stämme zeitweise geeint und die sächsische Expansion verlangsamt haben könnte.
Die frühesten Quellen
Der älteste mögliche Hinweis auf Artus findet sich in "Y Gododdin", einem walisischen Gedicht, das wahrscheinlich um 600 n. Chr. entstand. Es beschreibt eine verlorene Schlacht und lobt einen Krieger, der tapfer war, "obwohl er kein Artus war." Das setzt voraus, dass Artus beim Publikum als Maßstab für kriegerische Tapferkeit bekannt war.
Im 9. Jahrhundert erwähnte der walisische Mönch Nennius in seiner "Historia Brittonum" einen gewissen Arthur, der zwölf Schlachten gegen die Sachsen angeführt haben soll. Die letzte davon, die Schlacht am Mount Badon, endete mit einem entscheidenden britischen Sieg. Diese Schlacht ist historisch belegt, auch wenn die Quelle keine Namen des Anführers nennt.
Der entscheidende Schritt zur Legende kam mit Geoffrey von Monmouth, der um 1136 seine "Historia Regum Britanniae" schrieb. Hier wird Artus zum großen König, Bezwinger von Sachsen, Iren, Normannen und sogar dem Römischen Reich. Geoffrey behauptete, er folge einer alten walisischen Quelle. Diese Quelle hat niemand je gesehen. Die meisten Historiker betrachten Geoffreys Werk als kreative Geschichtserfindung.
Mögliche historische Vorbilder
Wer könnte das Vorbild für Artus gewesen sein? Historiker haben mehrere Kandidaten vorgeschlagen.
Ambrosius Aurelianus war ein Romano-Brite, der laut Gildas, einem zeitgenössischen Schreiber des 6. Jahrhunderts, die Briten erfolgreich gegen die Sachsen anführte. Er war der letzte Vertreter einer römischen Adelsfamilie in Britannien. Er passt in die Zeit, aber sein Name ist ein anderer.
Riothamus war ein britischer Anführer, der um 470 n. Chr. mit einer Armee nach Gallien übersetzte, um die Römer gegen die Westgoten zu unterstützen. Er verschwand danach spurlos, möglicherweise verraten von einem Vertrauten, eine Parallele zu Mordred im Artus-Mythos. Sein Name bedeutet auf Lateinisch "Höchster König".
Ein weiterer Kandidat ist ein Offizier namens Lucius Artorius Castus, ein römischer Kommandant aus dem 2. oder frühen 3. Jahrhundert. Sein Name klingt wie Artus. Er diente in Britannien und führte Truppen auch in andere Regionen. Einige Forscher sehen in ihm die historische Wurzel, aber die zeitliche Lücke von mehreren Jahrhunderten macht diese Theorie schwierig.
Camelot und Glastonbury
Wo war Camelot? Auch diese Frage beschäftigt Forscher seit Jahrhunderten. Mehrere britische Orte beanspruchen die Ehre, darunter South Cadbury in Somerset, Winchester und Tintagel in Cornwall.
South Cadbury ist besonders interessant. Archäologische Ausgrabungen in den 1960er Jahren unter der Leitung von Leslie Alcock zeigten, dass die dortige Hügelanlage um 500 n. Chr. tatsächlich bewohnt und befestigt war, mit Spuren von Importwaren und einem größeren Gebäude. Das beweist keinen König Artus, aber es zeigt, dass jemand mit erheblichen Mitteln dort residierte, genau in der Zeit, in der Artus gelebt haben soll.
Glastonbury Abbey behauptete im 12. Jahrhundert, das Grab von Artus und Guinevere gefunden zu haben. Zufälligerweise geschah das, kurz nachdem das Kloster durch einen Brand beschädigt worden war und Geld brauchte. Die meisten Historiker betrachten diesen Fund als mittelalterliche Fälschung, ein cleverer PR-Stunt, der Pilger anlocken sollte.
Die Entstehung des romantischen Artus
Der Artus, den wir heute kennen, ist ein mittelalterliches Konstrukt. Nach Geoffrey von Monmouth ergänzten französische Troubadoure die Geschichte um Lancelot, die Liebesaffäre mit Guinevere und den Heiligen Gral. Chrétien de Troyes schrieb im 12. Jahrhundert die ersten Gral-Romane. Thomas Malory fasste im 15. Jahrhundert die gesamte Tradition in "Le Morte d'Arthur" zusammen, dem bis heute einflussreichsten Artus-Text in englischer Sprache.
Dieser romantische Artus spiegelt die Werte seiner Zeit wider: Ritterlichkeit, höfische Liebe, religiöse Questen. Er hat mit einem möglichen britischen Kriegshäuptling aus dem 5. Jahrhundert wenig gemein. Aber er erzählt etwas Wichtiges über die Gesellschaften, die ihn immer wieder neu erfunden haben.
Was die Legende bedeutet
Artus ist ein "Once and Future King", ein König, der schläft und zurückkehren wird, wenn Britannien ihn braucht. Diese Idee macht ihn zu mehr als einer historischen Figur. Er ist ein kulturelles Versprechen: dass es in der dunkelsten Zeit einen Anführer geben wird, dass Gerechtigkeit siegen kann, dass die Gemeinschaft stärker ist als die Summe ihrer Teile.
Ob Artus je gelebt hat oder nicht, er lebt in der Vorstellung von Millionen Menschen. Das ist eine eigene Art von historischer Realität.