Die dunkle Geschichte der Eugenik
Es gibt eine Idee, die im 19. Jahrhundert als Wissenschaft galt, im 20. Jahrhundert Millionen Menschen das Leben kostete und heute zu den größten intellektuellen Verbrechen der Geschichte zählt. Diese Idee heißt Eugenik. Und ihre Geschichte ist weit komplizierter, weit globaler und weit erschreckender als die meisten Menschen ahnen.
Der Ursprung einer Idee
Francis Galton, Cousin von Charles Darwin, prägte 1883 den Begriff Eugenik, abgeleitet vom griechischen Wort für "gut geboren". Er beobachtete, dass außergewöhnliche Fähigkeiten in bestimmten Familien gehäuft auftraten, und zog daraus einen Schluss, der logisch erschien, aber fatal war: Wenn begabte Eltern begabte Kinder zeugen, dann könnte die Menschheit durch gezielte Fortpflanzungssteuerung verbessert werden.
Galton war kein Randdenker. Er war ein anerkannter Wissenschaftler, Statistiker, Geograf. Seine Ideen fanden Gehör bei den Gebildeten seiner Zeit. Universitäten richteten eugenische Lehrstühle ein. Zeitschriften wurden gegründet. Die Eugenik galt als Anwendung der Darwinschen Evolutionstheorie auf die menschliche Gesellschaft.
Amerika: Das Labor der Eugenik
Bevor irgendjemand an das Dritte Reich denkt: Die Vereinigten Staaten waren Vorreiter der praktischen Eugenik. Das sollte nicht vergessen werden.
Indiana verabschiedete 1907 als erster Staat der Welt ein Zwangssterilisierungsgesetz. Bis 1931 hatten 30 amerikanische Bundesstaaten ähnliche Gesetze. Insgesamt wurden in den USA bis in die 1970er Jahre schätzungsweise 60.000 Menschen zwangsweise sterilisiert. Das Ziel: Menschen, die als "unfit" galten, also als geistig behindert, kriminell, epileptisch oder arm, sollten sich nicht fortpflanzen.
Der Supreme Court segnete diese Praxis 1927 im Fall Buck v. Bell ab. Richter Oliver Wendell Holmes schrieb in seiner Mehrheitsmeinung einen Satz, der bis heute erschaudern lässt: "Three generations of imbeciles are enough." Das Urteil wurde nie förmlich aufgehoben.
Die amerikanischen Eugeniker bauten auch ein Klassifizierungssystem auf. Wanderausstellungen zeigten der Öffentlichkeit, wer als "fit" und wer als "unfit" galt. "Fitter Family"-Wettbewerbe auf Jahrmärkten kürten die eugenisch gesündeste Familie. Es war eine Massenbewegung, getragen von Ärzten, Politikern, Philanthropen.
Großbritannien und die internationale Vernetzung
In Großbritannien war die Eugenik tief in der politischen Elite verankert. Winston Churchill saß im eugenischen Bildungskomitee. John Maynard Keynes, der berühmteste Ökonom des 20. Jahrhunderts, war Direktor der British Eugenics Society. William Beveridge, Architekt des britischen Wohlfahrtsstaats, sprach sich für die Sterilisierung von Männern aus, die "von dem Staat abhängig sind".
Es gab internationale Kongresse, transatlantische Briefwechsel, gemeinsame Forschungsprojekte. Die eugenische Bewegung war ein globales Netzwerk aus Wissenschaftlern, Politikern und Philanthropen. Die Rockefeller Foundation finanzierte eugenische Forschung in Deutschland noch in den frühen 1930er Jahren.
Deutschland: Vom Gesetz zum Massenmord
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, fanden sie eine eugenische Infrastruktur vor, die sie ausbauen und radikalisieren konnten. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses trat im Januar 1934 in Kraft. Es war eng an amerikanischen Vorbildern modelliert. Amerikanische Eugeniker gratulierten ihren deutschen Kollegen.
Zwischen 1934 und 1945 wurden in Deutschland schätzungsweise 400.000 Menschen zwangssterilisiert. Wer als "erbkrank" galt, ob wegen Schizophrenie, Epilepsie, angeborenem Schwachsinn, Blindheit, Taubheit oder schwerem Alkoholismus, wurde vor Erbgesundheitsgerichte gebracht und zur Sterilisation verurteilt.
Dann kam die Aktion T4. Ab 1939 wurden Menschen mit Behinderungen systematisch ermordet. Zunächst durch Verhungernlassen, dann durch Gas. Bis 1941 waren mehr als 70.000 Menschen in deutschen Heil- und Pflegeanstalten getötet worden. Die T4-Aktion war die direkte Vorstufe des Holocaust. Dieselben Männer, dieselben Methoden, dieselbe Bürokratie wurden für die Vernichtung der europäischen Juden eingesetzt.
Die Wissenschaft dahinter war von Anfang an falsch
Das Erschreckende an der Eugenik ist nicht nur die Grausamkeit der Praxis. Es ist auch die intellektuelle Verblendung, auf der sie beruhte.
Die Eugeniker verstanden Vererbung falsch. Sie ignorierten den Einfluss von Umwelt, Ernährung, Bildung und sozialen Bedingungen auf menschliche Fähigkeiten. Sie verwechselten soziale Klasse mit biologischer Fitness. Armut galt als erblich, Reichtum als Zeichen genetischer Überlegenheit.
Die Genetik, die Galton und seine Nachfolger vorschwebte, existierte nicht. Mendels Gesetze waren zwar bekannt, aber die Eugeniker wendeten sie falsch an. Komplexe Eigenschaften wie Intelligenz, Kriminalitätsneigung oder moralischer Charakter lassen sich nicht auf einzelne Gene zurückführen. Das wussten damals einige Genetiker, aber ihre Warnungen wurden ignoriert.
Das Ende und das Erbe
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Eugenik diskreditiert. Die Nürnberger Prozesse offenbarten das Ausmaß der deutschen Verbrechen. Eugenik wurde mit Nazismus gleichgesetzt und verschwand als respektable Wissenschaft. Die internationalen eugenischen Gesellschaften wurden aufgelöst oder umbenannt.
Aber das Ende der Eugenik als Bewegung bedeutete nicht das Ende ihrer Praktiken. Zwangssterilisierungen fanden in den USA, in Schweden, in der Schweiz und anderen Ländern noch Jahrzehnte nach dem Krieg statt. In einigen amerikanischen Bundesgefängnissen wurden Insassinnen noch in den 2000er Jahren ohne angemessene Einwilligung sterilisiert.
Und heute? Die Gentechnik, die Pränataldiagnostik, die Möglichkeit, Embryonen auf genetische Eigenschaften zu untersuchen, werfen neue eugenische Fragen auf. Sie sind nicht identisch mit den Schrecken des 20. Jahrhunderts. Aber wer die Geschichte kennt, weiß, wie schnell aus wissenschaftlichen Versprechen moralische Katastrophen werden können.
Was bleibt
Die Geschichte der Eugenik ist eine Geschichte über die Gefährlichkeit von Ideen, die simpel klingen, aber auf falschen Annahmen beruhen. Sie zeigt, wie Wissenschaft zur Legitimation von Unterdrückung missbraucht werden kann. Und sie zeigt, dass die schlimmsten Verbrechen oft nicht von bösen Einzelnen begangen werden, sondern von gewöhnlichen Menschen, die glauben, das Richtige zu tun.
Francis Galton, der das alles in Gang setzte, starb 1911 als angesehener Mann. Er erlebte nicht, wozu seine Ideen führen würden. Aber seine Bücher waren es, die auf den Schreibtischen der Männer lagen, die Tötungsprogramme planten. Das ist keine Kleinigkeit.