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Die dunkle Geschichte der Lobotomie

Veröffentlicht 2026-06-02·4 Min. Lesezeit

Ein Eingriff, der die Psychiatrie prägte

Stellen Sie sich vor: Ein Chirurg schlägt eine Eisahle durch den Augenhöhlenrand direkt ins Gehirn, bewegt sie hin und her, und erklärt den Patienten danach für geheilt. Das ist die Transorbital-Lobotomie, eine Technik, die der amerikanische Arzt Walter Freeman in den 1940er Jahren entwickelte und die er in mobilen Kliniken in ganz Amerika durchführte, manchmal mit einer Eisahle aus der Küchenschublade.

Dies ist keine Horrorgeschichte. Dies ist Medizingeschichte. Und sie sagt viel darüber aus, wie gesellschaftliche Kräfte, wissenschaftlicher Ehrgeiz und das Leiden von Patienten zusammenstoßen können.

Die Anfänge: Moniz und der Nobelpreis

Der Ursprung der Lobotomie liegt beim portugiesischen Neurologen António Egas Moniz. 1935 entwickelte er die präfrontale Leukotomie, einen Eingriff, bei dem Verbindungen zwischen dem präfrontalen Kortex und dem Rest des Gehirns durchtrennt wurden. Moniz glaubte, dass psychiatrische Erkrankungen durch fehlerhafte neuronale Schaltkreise entstanden und dass das Durchschneiden dieser Verbindungen die Patienten befreien würde.

Seine ersten Ergebnisse schienen vielversprechend. Patienten, die vorher agitiert und unkontrollierbar gewesen waren, wurden ruhig. Das interpretierte Moniz als Heilung. 1949 erhielt er dafür den Nobelpreis für Medizin, eine Entscheidung, die bis heute als eine der umstrittensten in der Geschichte des Preises gilt.

Was Moniz als Heilung definierte, war in vielen Fällen keine Heilung, sondern die Zerstörung der Persönlichkeit. Die Patienten wurden ruhig, weil das, was sie zu Menschen gemacht hatte, beschädigt oder vernichtet worden war.

Freeman und die Massenproduktion

In den USA griffen die Neurochirurgen Walter Freeman und James Watts Moniz' Technik auf und verfeinerten sie. In den frühen 1940er Jahren entwickelten sie die Transorbital-Lobotomie, die keinen Chirurgen erforderte. Freeman war kein Chirurg, sondern Neurologe, was die Chirurgen wütend machte. Aber das hielt ihn nicht auf.

Freeman reiste mit einem umgebauten Van, den er "Lobotomobile" nannte, durch die USA und führte Eingriffe in psychiatrischen Anstalten durch. Er soll über 3.400 Lobotomien durchgeführt haben, manchmal bis zu 25 pro Tag. Die Patienten wurden häufig mit Elektroschocks betäubt, nicht mit sicherer Anästhesie.

Wer wurde lobotomiert? Hauptsächlich Frauen. Patienten, die als "schwierig" galten. Menschen mit Depressionen, Angstzuständen, Schizophrenie, aber auch Homosexuelle, Rebellische, oder einfach Personen, die ihren Familien zur Last fielen. In psychiatrischen Großanstalten, die unter chronischer Überfüllung litten, war die Lobotomie attraktiv: Sie machte die Patienten handhabbar.

Die Patienten: Stimmen, die verschwanden

Rosemary Kennedy, die Schwester des späteren US-Präsidenten John F. Kennedy, wurde 1941 mit 23 Jahren lobotomiert. Ihr Vater Joseph Kennedy hatte es arrangiert, ohne die Mutter zu informieren. Rosemary hatte eine leichte geistige Beeinträchtigung und Stimmungsschwankungen. Nach der Operation konnte sie kaum sprechen, musste für den Rest ihres Lebens institutionalisiert werden und blieb von der Kennedy-Familie für Jahrzehnte im Verborgenen gehalten.

Howard Dully war zwölf Jahre alt, als er 1960 von Freeman lobotomiert wurde. Seine Stiefmutter hatte Freeman mehrfach kontaktiert und darauf bestanden, dass mit dem Jungen etwas nicht stimmte. Dully überlebte und veröffentlichte 2007 ein Buch über seine Erfahrungen. Er beschreibt, wie er nach der Operation ein Gefühl von Leere trug, das ihn jahrzehntelang begleitete.

Diese zwei Fälle stehen für Tausende. Etwa 40.000 bis 50.000 Menschen wurden allein in den USA lobotomiert, in Großbritannien und anderen Ländern kamen weitere zehntausende hinzu.

Warum niemand frühzeitig stoppte

Wie konnte das so lange weitergehen? Mehrere Faktoren spielten zusammen.

Erstens herrschte in der Psychiatrie eine Verzweiflung. Psychiatrische Anstalten waren überfüllt, Ressourcen fehlten, und es gab kaum wirksame Behandlungen. Wenn jemand eine Lösung anbot, wurde sie ergriffen, ohne ausreichend nachzufragen.

Zweitens wurden Patienten psychischer Erkrankungen systematisch entmachtet. Ihre Berichte über Schaden galten als unzuverlässig, ihre Beschwerden als Symptom der Erkrankung. Wer nach einer Lobotomie klagte, dass etwas nicht stimmte, wurde als nicht geheilt eingestuft, nicht als Beweis gegen den Eingriff.

Drittens gab es strukturelle Interessen. Krankenhäuser sparten Geld. Ärzte gewannen Ansehen. Familien wurden von der Pflege von Angehörigen entlastet. Die Lobotomie löste soziale Probleme, auch wenn sie medizinisch oft schadete.

Das Ende der Lobotomie

Die Einführung von Chlorpromazin, dem ersten wirksamen Antipsychotikum, 1952 in Frankreich veränderte die Psychiatrie grundlegend. Erstmals gab es eine Substanz, die Symptome der Schizophrenie lindern konnte, ohne das Gehirn dauerhaft zu beschädigen. Andere Psychopharmaka folgten.

Gleichzeitig wuchsen die Kritik an der Lobotomie und das Bewusstsein für ihre Schäden. Freeman verlor seine Krankenhausprivilegien 1967, nachdem eine seiner Patientinnen nach ihrer dritten Lobotomie gestorben war. Er starb 1972, weitgehend in Ungnade.

Heute ist die Lobotomie in den meisten Ländern verboten oder wird in keiner ernstzunehmenden medizinischen Einrichtung mehr durchgeführt. Was bleibt, sind die Betroffenen, die überlebten, und die Frage, wie eine solche Praxis jemals medizinischer Standard werden konnte.

Was die Lobotomie über Psychiatrie lehrt

Die Geschichte der Lobotomie ist keine Geschichte böser Männer. Die meisten Ärzte, die sie durchführten, glaubten, das Richtige zu tun. Das macht sie noch beunruhigender.

Sie zeigt, wie gefährlich es ist, wenn soziale Kontrolle als medizinische Behandlung verkleidet wird. Wenn "schwierige" Patienten zu "Geheilten" werden, indem man ihnen etwas wegnimmt. Wenn die Stimmen der Betroffenen systematisch nicht gehört werden.

Moderne Psychiatrie hat aus dieser Geschichte gelernt, aber Vorsicht bleibt geboten. Jede Generation neigt dazu, die Fehler der vorherigen für offensichtlich zu halten, während die eigenen unsichtbar bleiben.

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