historydark history

Die Geschichte der Assassinen

Veröffentlicht 2026-06-02·5 Min. Lesezeit

Wer waren die Assassinen wirklich?

Der Name "Assassinen" klingt nach Legenden und Schauergeschichten. Doch hinter dem Mythos steckt eine historische Realität, die nicht weniger faszinierend ist. Die Assassinen, arabisch Haschischiyyin oder korrekter Nizariyya, waren eine schiitische Splittergruppe des Islam, die im 11. Jahrhundert im heutigen Iran entstand. Ihr Gründer war Hasan-i Sabbah, ein Mann von außerordentlicher Bildung und rücksichtsloser politischer Entschlossenheit.

Hasan-i Sabbah wurde um 1050 in der Nähe von Rey geboren, der heutigen Hauptstadt des Iran. Er studierte Theologie, Philosophie und Mathematik, bevor er sich der ismailitischen Lehre zuwandte, einer Strömung des schiitischen Islam, die den Imam als einzige legitime Autorität in weltlichen wie religiösen Fragen ansah. Die damals herrschende sunnitische Macht, das Seldschukenreich, unterdrückte diese Lehre. Hasan-i Sabbah suchte nach einem Weg, das Gleichgewicht zu verschieben, ohne eine Armee aufzustellen, die er nicht hatte.

Alamut: Die Bergfestung als Zentrum der Macht

1090 nahm Hasan-i Sabbah die Bergfestung Alamut im Elbursgebirge ein, angeblich ohne einen einzigen Tropfen Blut zu vergießen. Er soll die Besatzung schrittweise von der ismailitischen Lehre überzeugt haben, bis der Kommandant die Festung kampflos übergab. Alamut, was "Adlernest" bedeutet, lag auf einem fast unzugänglichen Fels in etwa 2100 Metern Höhe. Von dort aus leitete Hasan-i Sabbah sein Netzwerk über drei Jahrzehnte, ohne die Burg ein einziges Mal zu verlassen.

Die strategische Logik war einfach: Wenn man gegen ein mächtiges Imperium nicht im offenen Feld kämpfen kann, muss man seine Führung lähmen. Die Assassinen spezialisierten sich auf gezielte Tötungen hochrangiger politischer und militärischer Ziele. Ihre Opfer waren Wesire, Generäle, Kalifen und Kreuzfahrerfürsten. Das Ziel war nie blindes Chaos, sondern präziser politischer Druck.

Die Methode: Geduld, Verkleidung, Präzision

Ein Assassine-Anschlag erforderte oft monatelange Vorbereitung. Die Täter lernten die Sprache, Kleidung und Gewohnheiten ihrer Zielpersonen. Sie nahmen Dienste in den Haushalten ihrer Opfer an, arbeiteten als Stallknechte, Händler oder Leibwächter, bis der richtige Moment kam. Der bevorzugte Weg war der Dolch, nicht das Gift oder der Pfeil aus der Ferne. Das hatte einen Grund: Ein öffentlicher Tod, vollzogen von jemandem aus dem engsten Umfeld des Opfers, verbreitete mehr Schrecken als jede Armee es hätte tun können.

Berühmte Opfer der Assassinen waren der seldschukische Wesir Nizam al-Mulk (1092), einer der mächtigsten Männer seiner Zeit, sowie Konrad von Montferrat, König von Jerusalem, der 1192 nur wenige Tage nach seiner Krönung ermordet wurde. Letzterer Fall ist besonders interessant, weil sowohl Richard I. von England als auch Saladin als Auftraggeber in Betracht gezogen wurden. Die Assassinen selbst gaben keine Erklärungen ab.

Der Mythos vom Haschisch und vom Paradies

Marco Polo schrieb im 13. Jahrhundert, der Anführer der Assassinen habe seine Kämpfer mit Haschisch betäubt, sie in einen prächtigen Garten gebracht, der das Paradies imitierte, und ihnen erklärt, sie hätten einen Vorgeschmack auf das Jenseits erhalten. Nur durch das Töten im Auftrag des Meisters könnten sie dorthin zurückkehren. Diese Geschichte ist fast sicher eine Legende. Sie erklärt aber, warum europäische Chronisten so fasziniert von der Furchtlosigkeit der Assassinen-Kämpfer waren: Menschen, die den Tod nicht fürchteten, galten als übernatürlich gefährlich.

Das Wort "Assassine" selbst gelangte über die Kreuzzüge ins Französische und von dort in fast alle europäischen Sprachen, wo es schlicht "Attentäter" bedeutet. Die Verbindung zum Haschisch ist sprachgeschichtlich umstritten, linguistisch aber nicht auszuschließen.

Der Einfluss auf die Kreuzfahrerstaaten

Die Assassinen waren keineswegs nur Feinde der Christen. Ihr Verhältnis zu den Kreuzfahrerstaaten war komplex und pragmatisch. Sie töteten sunnitische Herrscher, die den Kreuzfahrern gefährlich wurden, und schlossen zeitweise Schutzabkommen mit christlichen Fürsten. Der Hospitaliterorden zahlte zeitweise Tribut an sie, nicht aus Schwäche, sondern weil beide Seiten erkannten, dass sie voneinander abhingen.

Der Anführer Rashid ad-Din Sinan, bekannt als "Der Alte vom Berg", regierte die syrischen Assassinen zwischen 1162 und 1193. Er war der mächtigste Vertreter der Organisation außerhalb Irans und führte eine fast vollständig autonome Politik gegenüber dem ismailitischen Imam in Alamut. Unter ihm erreichte die Macht der syrischen Assassinen ihren Höhepunkt.

Der Untergang: Die Mongolen zerstören Alamut

1256 kam das Ende. Der Mongolenführer Hulagu Khan, Enkel Dschingis Khans, rückte mit einer gewaltigen Armee auf Alamut vor. Die Festung, die über 160 Jahre als uneinnehmbar gegolten hatte, fiel nach kurzer Belagerung. Der damalige ismailitische Imam Rukn ad-Din Khurshah ergab sich in der Hoffnung auf Nachsicht. Hulagu Khan ließ ihn trotzdem töten. Die Festungen des Assassinenordens in Iran wurden systematisch zerstört, ihre Bibliotheken verbrannt, ihre Einwohner getötet.

Die syrischen Assassinen überlebten noch etwas länger, wurden aber 1273 von den Mamluken unter Baybars weitgehend aufgerieben. Baybars, selbst ein Meister politischer Gewalt, erkannte, dass er keinen unabhängigen Machtfaktor in Syrien dulden konnte. Was von der Organisation blieb, wurde Teil seines Apparats, eine Privatarmee im Dienst des Mamlukenreichs.

Was von den Assassinen blieb

Die ismailitische Gemeinschaft existiert bis heute. Die Nizariten, wie sie korrekt heißen, zählen weltweit einige Millionen Anhänger und werden vom Aga Khan geleitet, der als direkter Nachfahre des Propheten Mohammed und als Imam der Gemeinschaft gilt. Mit politischen Attentaten hat diese moderne Gemeinschaft nichts zu tun.

Was bleibt, ist das Bild: eine kleine, technisch brillante Organisation, die durch Präzision, Geduld und psychologischen Terror ein Großreich in Schach hielt. Die Assassinen haben bewiesen, dass ein Netzwerk von einigen hundert entschlossenen Menschen die Politik einer ganzen Epoche beeinflussen kann. Das ist kein Mythos, das ist Geschichte.

Bücher über die Assassinen

Wer tiefer in die Geschichte der Assassinen eintauchen möchte, findet in der englischsprachigen Literatur einige hervorragende Werke. Bernard Lewis' "The Assassins: A Radical Sect in Islam" gilt als Standardwerk und ist trotz seines Alters von 1967 noch immer unübertroffen in seiner historischen Genauigkeit. Farhad Daftary hat mit "The Assassin Legends" eine kritische Auseinandersetzung mit den Mythen vorgelegt. Für deutsche Leser bietet Martin Paters "Die Assassinen" einen guten Einstieg.

Die Geschichte der Assassinen – Skriuwer.com