Die Geschichte der Kreuzfahrerstaaten
Ein Reich am Ende der Welt
1099 nahmen die Kreuzfahrer Jerusalem ein. Es war das Ziel des Ersten Kreuzzugs, ausgerufen von Papst Urban II. vier Jahre zuvor. Was folgte, war ein Massaker. Muslime, Juden und auch einige Christen wurden in der Stadt getötet. Die Chronisten, auch die christlichen, beschrieben die Straßen voller Blut. Jerusalem war in christlicher Hand, und der Preis war hoch.
Aus diesem Sieg entstanden vier politische Gebilde, die die Geschichte als Kreuzfahrerstaaten kennt: das Königreich Jerusalem, die Grafschaft Tripolis, das Fürstentum Antiochia und die Grafschaft Edessa. Sie existierten für fast zwei Jahrhunderte in einer feindlichen Umgebung, umgeben von islamischen Mächten, die ihre Vertreibung als religiöse Pflicht betrachteten. Die Geschichte dieser Staaten ist eine Geschichte des Überlebens gegen die Wahrscheinlichkeit.
Das Königreich Jerusalem: Ein Experiment in der Fremde
Das Königreich Jerusalem war kein normales Feudalreich. Es war ein westeuropäisches politisches System, transplantiert in eine Region mit einer anderen Bevölkerung, einem anderen Klima und vollständig anderen strategischen Bedingungen. Die Kreuzfahrer, die blieben, mussten improvisieren.
Sie taten das erstaunlich pragmatisch. Das Assizenrecht von Jerusalem, das um 1100 entwickelt wurde, gilt als eines der progressivsten Rechtssysteme des Mittelalters. Es schützte die Rechte des Adels gegenüber dem König in einem Maß, das in Westeuropa kaum bekannt war. Das war nicht Fortschrittsgeist, sondern Notwendigkeit: Der König brauchte die Ritter, die Ritter wussten es und forderten ihren Preis.
Die Bevölkerungsstruktur war komplex. Die Franken, wie die westeuropäischen Einwanderer genannt wurden, waren numerisch in der Minderheit. Muslimische und östlich-christliche Bauern stellten den Großteil der Bevölkerung. Das Zusammenleben war nicht harmonisch, aber funktional. Manche Kreuzfahreraristokraten lernten Arabisch, übernahmen lokale Gebräuche und waren für westliche Besucher kaum noch von Muslimen zu unterscheiden.
Die Ritterorden als tragende Säule
Die drei großen Ritterorden waren für das Überleben der Kreuzfahrerstaaten unabdingbar: die Johanniter (später Malteser), die Templer und der Deutsche Orden. Diese Orden kombinierten monastische Disziplin mit militärischer Expertise und erheblichen Ressourcen, die aus ganz Europa flossen. Sie bauten und unterhielten die mächtigsten Burgen des Mittelalters: Krak des Chevaliers, Belvoir, Atlit.
Die Templer und Johanniter waren zugleich ein Problem. Sie gehorchten dem Papst, nicht dem König von Jerusalem. Sie hatten eigene Interessen, eigene Diplomatie, eigene Rivalitäten. Die Eifersucht zwischen den Orden führte mehr als einmal dazu, dass sie gegensätzliche Politiken verfolgten, wenn Koordination überlebenswichtig gewesen wäre.
Saladin und die Rückeroberung Jerusalems
1187 änderte sich alles. Saladin, der ägyptisch-syrische Sultan und Begründer der ayyubidischen Dynastie, hatte die islamischen Mächte der Region unter seiner Kontrolle vereint. Er wartete auf einen Fehler der Kreuzfahrer. Er bekam ihn.
König Guy von Lusignan ließ sich von Raynald von Châtillon zu einem strategischen Fehler verleiten: Er marschierte mit dem gesamten Heer des Königreichs in die Wüste östlich des Sees Genezareth, ohne sichere Wasserversorgung. Bei den Hörnern von Hattin trieb Saladin die erschöpfte und durstige Armee in eine Falle. Das Heer des Königreichs Jerusalem wurde vernichtet. Jerusalem fiel drei Monate später, im Oktober 1187, fast kampflos.
Saladins Einnahme Jerusalems war das Gegenteil des Massakers von 1099. Er ließ die christliche Bevölkerung gegen Lösegeld frei abziehen, respektierte Kirchen und heilige Stätten. Das war keine Großherzigkeit, es war Kalkül: Ein blutiger Sieg hätte den Widerstand im Rest der Kreuzfahrerstaaten versteift und den Dritten Kreuzzug noch heftiger gemacht.
Der Dritte Kreuzzug: Richard und Saladin
Der Dritte Kreuzzug brachte die Könige von England, Frankreich und Deutschland ins Heilige Land. Friedrich Barbarossa ertrank auf dem Weg. Philipp II. von Frankreich kehrte früh zurück. Richard I. von England blieb und lieferte das bemerkenswerteste militärische Duell des Mittelalters.
Richard konnte Saladin im offenen Feld nie entscheidend schlagen. Er konnte Jerusalem nicht zurückgewinnen, obwohl er zweimal in Sichtweite der Stadt stand. Der Friedensvertrag von 1192 sicherte den Kreuzfahrern die Küstenstädte und den Zugang für Pilger, nicht mehr. Jerusalem blieb in islamischer Hand. Saladin starb 1193, Richard wurde auf dem Rückweg gefangen und musste für ein gewaltiges Lösegeld freigekauft werden.
Das 13. Jahrhundert: Langsamer Verfall
Die späten Kreuzfahrerstaaten lebten von venezianischem und genuesischem Handel, päpstlicher Unterstützung und der Unfähigkeit der islamischen Mächte, sich zu einigen. Als diese Faktoren wegfielen, war das Ende nah.
1244 verloren die Kreuzfahrer Jerusalem endgültig, diesmal an die Khwarezmischen Söldner der Ayyubiden. 1268 fiel Antiochia an die Mamluken unter Sultan Baybars, einer der effektivsten militärischen Organisatoren des Mittelalters. Baybars verstand, dass die Kreuzfahrer überleben konnten, solange sie die Küstenburgen hielten. Er eliminiertesie systematisch.
1291: Das Ende in Akkon
Die letzte Bastion war Akkon, die größte Stadt des verbleibenden Kreuzfahrerreiches. Im Mai 1291 belagerten die Mamluken die Stadt mit einer gewaltigen Armee. Die Verteidiger hielten sich sieben Wochen. Am 18. Mai fiel die äußere Mauer. Die letzten Templer zogen sich in ihren Turm zurück und hielten noch einige Tage. Als sie schließlich kapitulierten, brach der Turm durch das Gewicht der eindringenden Mamlukentruppen zusammen.
Mit Akkon endeten die Kreuzfahrerstaaten. Zwei Jahrhunderte Präsenz, Tausende von Toten, gewaltiger Ressourcenaufwand aus ganz Europa, und das Resultat war gleich null: keine dauerhaften territorialen Gewinne, keine christliche Kontrolle des Heiligen Landes.
Was blieb, war das kulturelle Erbe: der Kontakt zwischen Europa und dem arabischen Raum, der Wissenstransfer in Medizin, Mathematik und Philosophie, die Handelsrouten der italienischen Stadtstaaten, und die Burgenarchitektur, die die Kreuzfahrer in den Westen mitnahmen. Die Kreuzzüge scheiterten als militärisches Projekt. Als historische Kontaktzone waren sie von bleibendem Einfluss.