Die Geschichte der Menschenzoos
STELL DIR VOR, DU WIRST AUSGESTELLT. Du wirst in einem Gehege platziert, umgeben von Schaulustigen, die Eintritt gezahlt haben, um dich anzustarren. Du wirst als Vertreter einer "primitiven Rasse" vorgeführt. Das ist keine mittelalterliche Geschichte. Menschenzoos, auch als "Völkerschauen" bekannt, existierten in Europa und Amerika von den 1870er Jahren bis in die 1950er. Über 35.000 Menschen wurden in Deutschland allein ausgestellt. Millionen zahlten Eintritt.
Anfänge: Carl Hagenbeck und die Völkerschau
Carl Hagenbeck war ein Hamburger Tierhändler, der in den 1870er Jahren auf eine Idee kam: Warum nur Tiere ausstellen, wenn man auch Menschen ausstellen kann? 1875 brachte er eine Gruppe von Samis aus Norwegen nach Hamburg und präsentierte sie der Öffentlichkeit als "Lappen" in ihrer natürlichen Umgebung, komplett mit Zelten, Rentieren und traditioneller Kleidung.
Der Erfolg war überwältigend. Hunderttausende sahen die Ausstellung in Hamburg. Hagenbeck tourte weiter nach Berlin, Leipzig, Frankfurt, Paris und London. Das Geschäftsmodell war etabliert: Menschen aus Kolonialgebieten oder "exotischen" Gegenden wurden rekrutiert, manchmal unter Zwang, manchmal durch falsche Versprechungen, in Europa als Schauobjekte präsentiert und nach dem Ende der Tour nach Hause geschickt, wenn sie nicht vorher an den Reisestrapazen oder Krankheiten gestorben waren.
Die wissenschaftliche Legitimation
Menschenzoos waren kein bloßes Geschäft. Sie hatten die Unterstützung der wissenschaftlichen Gemeinschaft des 19. Jahrhunderts. Anthropologen, Ethnologen und Biologen nutzten die Schauen als Forschungsmöglichkeit. Sie maßen Schädel, notierten Körperproportionen und erstellten Typologien, die die ausgestellten Menschen in eine Hierarchie der Menschenrassen einordneten.
Paul Broca, einer der angesehensten Anthropologen Frankreichs im 19. Jahrhundert, untersuchte ausgestellte Afrikaner und nutzte die Messungen zur Untermauerung seiner Rassentheorien. Rudolph Virchow, ein bedeutender Pathologe, ließ sich die bei Hagenbeck ausgestellten Nubier vorführen. Die wissenschaftliche Beglaubigung gab den Schauen einen ernsthaften Anstrich und schützte sie vor moralischen Einwänden.
Saartjie Baartman: Der bekannteste Fall
Saartjie Baartman, auch bekannt als "Hottentotten-Venus", ist das bekannteste Opfer der Menschenausstellungen, auch wenn ihr Fall etwas früher liegt als der Massenaufschwung der Völkerschauen. Die Südafrikanerin wurde 1810 nach London gebracht und dort als Kuriosität ausgestellt, besonders wegen ihrer Körperproportionen, die europäische Betrachter als außergewöhnlich betrachteten.
Sie wurde in Paris gezeigt, dort von Wissenschaftlern untersucht und fotografiert. Sie starb 1815 im Alter von etwa 25 Jahren in Paris. Nach ihrem Tod wurde ihr Körper seziert, ihr Skelett, ihr Gehirn und ihre Genitalien präpariert und im Musée de l'Homme in Paris ausgestellt. Sie blieb dort bis 1974, als die Exponate aus der Ausstellung genommen wurden, aber nicht zurückgegeben. Erst 2002 wurde ihre Asche auf Druck der südafrikanischen Regierung nach Südafrika zurückgeführt und begraben.
Ota Benga: Ein Mensch im Zoologischen Garten
Im September 1906 wurde ein Mann aus dem heutigen Kongo namens Ota Benga im Affenhaus des Bronx Zoo in New York ausgestellt. Er teilte sich das Gehege mit einem Orang-Utan. Er trug traditionellen Schmuck. Ein Schild erklärte den Besuchern, er sei ein "Zwerg-Kannibale" aus Afrika. Täglich kamen Tausende von New Yorkern, um ihn zu sehen.
Schwarze Geistliche und Bürgerrechtler in New York protestierten sofort und öffentlich. Der Direktor des Zoo, William Hornaday, verteidigte die Ausstellung mit wissenschaftlichen Argumenten: Es gehe um Anthropologie, nicht um Erniedrigung. Nach anhaltenden Protesten wurde Benga aus dem Gehege entlassen und fand zunächst Aufnahme in einem Waisenhaus, dann bei einer Pflegefamilie in Lynchburg, Virginia.
Er lernte Englisch, besuchte eine Schule, arbeitete in einer Tabakfabrik. 1916, zehn Jahre nach seiner Zurschaustellung im Zoo, erschoss er sich selbst. Er war nach Berichten derer, die ihn kannten, nicht in der Lage, die Idee loszulassen, dass er nie nach Hause zurückkehren würde.
Die Schauen in Deutschland
In Deutschland waren Völkerschauen besonders populär. Carl Hagenbeck organisierte zwischen 1875 und seinem Tod 1913 über 50 solcher Schauen. Andere Veranstalter folgten. Der Berliner Zoo, der Hamburger Tierpark und zahlreiche Zirkusse beteiligten sich. Schätzungen zufolge besuchten im Deutschen Reich Millionen von Menschen diese Veranstaltungen.
Die ausgestellten Menschen kamen aus Westafrika, aus Ostafrika, aus dem Pazifik, aus Südamerika und aus dem Nahen Osten. Sie wurden in nachgebauten Dörfern gezeigt, führten traditionelle Tänze auf und aßen öffentlich. Was als "original" und "authentisch" vermarktet wurde, war in Wirklichkeit oft ein Bühnenspektakel, das europäische Erwartungen bediente.
Viele der Ausgestellten waren unter falschen Versprechungen nach Europa gebracht worden. Ihnen war Geld versprochen worden, das sie nie erhielten, oder sie waren unter Druck gesetzt worden, mitzumachen. Manche sprachen kein Deutsch oder Französisch und hatten keine Möglichkeit, Hilfe zu suchen. Krankheiten, für die sie keine Immunität hatten, machten sie anfällig. Einige starben in Europa und wurden in Europa begraben.
Die Kolonialausstellungen
Menschenzoos waren nicht auf kommerzielle Veranstalter beschränkt. Koloniale Weltausstellungen und Universalausstellungen, die großen Präsentationsevents des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, hatten regelmäßig Sektionen, in denen Menschen aus Kolonialgebieten ausgestellt wurden.
Die Pariser Weltausstellung 1889 präsentierte Menschen aus Französisch-Westafrika und Indochina in nachgebauten "Dörfern". Die Brüsseler Weltausstellung 1897 stellte Kongolesen aus. Die Chicagoer Weltausstellung 1893 hatte eine Sektion, die Menschen verschiedener "Rassen" in einem Spektrum von "primitiv" bis "zivilisiert" zeigte.
In Belgien fand 1958 bei der Weltausstellung in Brüssel die letzte bekannte große Menschenausstellung in Europa statt. Ein kongolesisches Dorf wurde aufgebaut. Als Kongolesen nach Brüssel kamen und ausstellen sollten, protestierten einige. Schließlich wurden Schilder aufgestellt, die die Besucher aufforderten, die Menschen "respektvoll" zu behandeln. Das Dorf blieb.
Was diese Geschichte bedeutet
Menschenzoos waren kein Randphänomen. Sie waren Massenunterhaltung, wissenschaftlich legitimiert, staatlich gefördert und gesellschaftlich akzeptiert. Geistliche, Wissenschaftler, Politiker und normale Bürger zahlten Eintritt. Die Praxis war so normal, dass sie selten in Frage gestellt wurde.
Die Opfer dieser Praxis, Menschen, die ausgestellt, gezeigt, vermessen und nach Hause oder in den Tod geschickt wurden, sind bis heute größtenteils namenlos. Einige ihrer sterblichen Überreste befinden sich immer noch in europäischen Museen und anthropologischen Sammlungen. Repatriierungsdebatten über menschliche Überreste aus Kolonialzeiten sind in Deutschland, Frankreich, Belgien und Großbritannien bis heute nicht abgeschlossen.
Die Geschichte der Menschenzoos zeigt, wie tief rassistische Überzeugungen in gesellschaftliche Institutionen eingebettet waren. Sie zeigt auch, dass das, was als Unterhaltung gilt, als wissenschaftliche Praxis oder als normale Geschäftspraxis, das Produkt von Überzeugungen ist, die eine Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt teilt. Das sollte jeden, der in der Gegenwart lebt, nachdenklich machen.