Die Geschichte der psychologischen Folter
KEIN BLUT, KEINE NARBEN. Psychologische Folter ist die Kunst, einen Menschen zu brechen, ohne physische Spuren zu hinterlassen. Sie ist schwerer zu beweisen, schwerer zu verbieten und schwerer zu überleben, als die meisten Menschen ahnen. Und sie hat eine Geschichte, die von staatlichen Akteuren, Geheimdiensten und wissenschaftlichen Institutionen geschrieben wurde.
Was psychologische Folter ist
Psychologische Folter umfasst Methoden, die auf den Geist abzielen, nicht auf den Körper. Schlafentzug, Isolation, sensorische Deprivation, Dunkelhaft, extremer Lärm oder erzwungene Stille, Drohungen gegen Familienmitglieder, Demütigungen, falsche Informationen über die Außenwelt, das Auflösen des Zeitgefühls. Diese Methoden können allein oder in Kombination eingesetzt werden.
Der Unterschied zu körperlicher Folter ist für viele Opfer irrelevant. Die psychologischen Langzeitfolgen sind vergleichbar. Posttraumatische Belastungsstörungen, anhaltende Angststörungen, Depressionen und die Unfähigkeit, Vertrauen aufzubauen, sind bei Überlebenden psychologischer Folter genauso dokumentiert wie bei Überlebenden körperlicher Gewalt. Manche Überlebende berichten, dass die psychologische Folter schwerer zu überwinden war als die körperliche, weil sie keine konkreten Erinnerungen anbietet, gegen die man sich wehren kann.
MKUltra: Das CIA-Programm
Das bekannteste Kapitel in der Geschichte staatlicher psychologischer Folter ist das CIA-Programm MKUltra, das von 1953 bis 1973 lief. Das Programm versuchte, Methoden zur Gedankenkontrolle zu entwickeln, ausgelöst durch die Befürchtung, die Sowjetunion könnte ähnliche Techniken entwickeln oder bereits einsetzen.
MKUltra umfasste über 150 Teilprojekte an Dutzenden von Institutionen, darunter Universitäten, Krankenhäuser und Gefängnisse. Probanden, darunter viele ohne ihr Wissen oder ihre Zustimmung, wurden mit LSD, Amphetaminen, Barbiturates, Hypnose, sensorischer Deprivation und elektrokonvulsiver Therapie in extremen Dosen behandelt.
Ein bekanntes Opfer war Frank Olson, ein CIA-Biowaffenexperte, der 1953 ohne sein Wissen LSD bekam. Wenige Tage später fiel er aus einem Fenster im 13. Stock eines New Yorker Hotels. Die offizielle Version war Selbstmord. Olsons Familie ließ seinen Körper 1994 exhumieren und fand Anzeichen für körperliche Gewalt, die auf einen Mord hindeuteten. Die Wahrheit ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt.
Die meisten MKUltra-Dokumente wurden 1973 auf Anordnung des CIA-Direktors Richard Helms vernichtet. Was wir wissen, stammt aus den Dokumenten, die zufällig in einem falschen Aktenschrank abgelegt wurden und bei einer späteren Suche entdeckt wurden.
Ewen Cameron und die Psychic Driving
Ewen Cameron war ein renommierter Psychiater, Präsident der American Psychiatric Association und der World Psychiatric Association. Er leitete das Allan Memorial Institute in Montreal und führte dort in den 1950er und 1960er Jahren Experimente durch, die von der CIA finanziert wurden.
Camerons Methode, "Psychic Driving" genannt, bestand darin, Patienten in medikamentierten Dämmerzustand zu versetzen, manchmal wochenlang, und ihnen dabei Tonbandaufnahmen vorzuspielen, die neue Persönlichkeitsstrukturen einpflanzen sollten. Patienten kamen mit milden Problemen wie Depressionen und Eheproblemen. Manche kamen nach der Behandlung nicht mehr dazu, für sich selbst zu sorgen oder ihre eigenen Kinder zu erkennen.
Kanada zahlte Entschädigungen an Opfer und ihre Familien in den 1990er Jahren. Die CIA leugnete Jahrzehnte lang die Verbindung zu Camerons Forschung, bis Dokumente das Gegenteil bewiesen.
Die Sowjetische Psychiatrie als Waffe
In der Sowjetunion wurde Psychiatrie direkt als politisches Unterdrückungsinstrument eingesetzt. Dissidenten, die das politische System ablehnten, wurden als psychisch krank diagnostiziert. Die Diagnose lautete oft "träge Schizophrenie", eine Erfindung des sowjetischen Psychiaters Andrei Snezhnevsky, die psychische Erkrankungen ohne offensichtliche Symptome beschrieb. Jemand, der an der Überlegenheit des Sowjetsystems zweifelte, konnte demnach gar nicht gesund sein.
Diese Diagnose ermöglichte die Einweisung in psychiatrische Sonderkliniken, sogenannte "Psykhushkas", ohne Gerichtsverfahren. Dort wurden Betroffene mit antipsychotischen Medikamenten behandelt, die in hohen Dosen schwerwiegende Nebenwirkungen hatten, darunter unwillkürliche Muskelkrämpfe, extreme Sedierung und das Gefühl, den Geist zu verlieren. Die Wirkung war sowohl Bestrafung als auch Abschreckung.
Sensorische Deprivation: Die Wissenschaft dahinter
Sensorische Deprivation wurde in den 1950er Jahren an Universitäten als Forschungsgebiet entwickelt, ursprünglich mit einem anderen Ziel: Man wollte verstehen, was im menschlichen Geist passiert, wenn Außenreize ausgeblendet werden. Die Forschung zeigte schnell, dass Menschen in absoluter Isolation halluzinieren, Angst entwickeln und kognitive Funktionen verlieren.
Diese Forschung wurde von Militär und Geheimdiensten aufgegriffen. Isolationshaft als Methode zur Geständniserzwingung hat seitdem in Gefängnissystemen weltweit Einzug gehalten. In den USA sind Hunderttausende von Gefangenen in "Supermax"-Einheiten untergebracht, wo sie 23 Stunden täglich in Einzelhaft verbringen. Psychiater und Menschenrechtsorganisationen beschreiben diesen Zustand als psychologische Folter.
Abu Ghraib und Guantanamo
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 autorisierte die Bush-Regierung "erweiterte Verhörtechniken" für Terrorverdächtige. Ein internes Dokument der CIA, das als "KUBARK-Handbuch" bekannt ist und auf die Erkenntnisse aus MKUltra zurückgeht, beschrieb Methoden wie Schlafentzug, Stress-Positionen, extremen Lärm und Isolation.
In Abu Ghraib in Irak und in Guantanamo auf Kuba wurden diese Methoden angewandt. Fotografien aus Abu Ghraib zeigten körperliche Demütigungen, die zuerst als Ausreißer dargestellt wurden. Spätere Untersuchungen zeigten ein systematisches Muster, das aus dem Training der beteiligten Soldaten stammte.
Die US-Regierung argumentierte, diese Methoden seien keine Folter. Juristen, Psychiater und Folterüberlebende sahen das anders. Der UN-Sonderberichterstatter für Folter erklärte mehrere der angewandten Methoden als Folter nach internationalem Recht.
Was psychologische Folter mit Menschen macht
Die Langzeitfolgen psychologischer Folter sind gut dokumentiert. Überlebende berichten von anhaltenden Albträumen, Flashbacks, emotionaler Taubheit, dem Unfähigsein, intimen Beziehungen zu vertrauen und einer dauerhaft veränderten Weltwahrnehmung. Viele Überlebende sind nicht in der Lage zu arbeiten. Viele entwickeln körperliche Erkrankungen, die mit chronischem Stress zusammenhängen.
Eine Studie über kubanische Gefangene, die in den 1960er Jahren psychologischer Folter ausgesetzt waren, zeigte, dass 40 Jahre nach den Ereignissen immer noch messbare neurologische und psychologische Beeinträchtigungen vorlagen. Das Gehirn erholt sich nicht vollständig von extremem, anhaltendem psychischen Stress.
Das rechtliche Vakuum
Das Verbot der Folter ist in internationalen Verträgen verankert, darunter in der UN-Antifolterkonvention. Psychologische Folter fällt unter dieses Verbot. Das Problem ist die Definition. Staaten, die psychologische Foltermethoden anwenden, streiten regelmäßig ab, dass die Methoden als Folter qualifizieren. Die Rechtslücken werden gezielt genutzt.
Keiner der Verantwortlichen für MKUltra wurde je strafrechtlich verfolgt. Keiner der Verantwortlichen für die Psykhushkas wurde nach dem Ende der Sowjetunion zur Rechenschaft gezogen. Keiner der politisch verantwortlichen Personen für Abu Ghraib und Guantanamo wurde verurteilt. Einige der an den Verhörprogrammen beteiligten Psychiater und Psychologen verloren kurzzeitig ihre Berufslizenzen, bekamen sie aber zurück.
Das ist die eigentliche Geschichte der psychologischen Folter: nicht nur die Methoden und ihre Wirkungen, sondern das systematische Fehlen von Konsequenzen für diejenigen, die sie angeordnet und durchgeführt haben.