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Die Geschichte der Völkerwanderung

Veröffentlicht 2026-06-02·4 Min. Lesezeit

Eine Welt in Bewegung

Zwischen dem 4. und dem 6. Jahrhundert n. Chr. geriet die westliche Welt in eine Bewegung, die kein einzelner Mensch plante und kein einzelnes Reich aufhalten konnte. Völker, Stämme und Stammesverbände, deren Namen die meisten Menschen heute kaum kennen, durchquerten den europäischen Kontinent, gründeten Reiche, zerstörten andere und verschwanden selbst wieder. Am Ende dieser zwei Jahrhunderte war die Welt des Römischen Reiches untergegangen, und an ihrer Stelle standen die Vorläufer der mittelalterlichen Staaten.

Historiker streiten bis heute, ob der Begriff "Völkerwanderung" das Geschehen korrekt beschreibt. Es war keine geordnete Wanderung, keine koordinierte Migration, kein einheitliches Phänomen. Es war ein Prozess, der durch Druck von Osten, politische Schwäche im Westen und wirtschaftliche Krisen ausgelöst wurde, und der sich über mehr als zwei Jahrhunderte erstreckte.

Die Hunnen: Der Auslöser aus dem Osten

Der entscheidende Auslöser war das Erscheinen der Hunnen in Europa um 370 n. Chr. Die Hunnen waren ein zentralasiatisches Reitervolk, das aus den Steppen östlich des Kaspischen Meeres kam. Ihre Herkunft ist bis heute ungeklärt: Manche Historiker sehen eine Verbindung zu den Xiongnu, einem Stammesverband an der chinesischen Grenze, andere halten diese These für nicht belegt.

Was belegt ist: Die Hunnen waren militärisch in einer anderen Liga als alles, womit die Völker Osteuropas konfrontiert gewesen waren. Ihre berittenen Bogenschützen kämpften mit einer Geschwindigkeit und Mobilität, gegen die die sesshaften Germanen keine Antwort fanden. Die Goten, die östlich des Dnjepr lebten, wurden von den Hunnen überrannt. Ein Teil kapitulierte, ein anderer floh westwärts, in das Gebiet des Römischen Reiches.

Die Westgoten überqueren die Donau

376 n. Chr. baten die Westgoten Kaiser Valens um Erlaubnis, die Donau zu überqueren und sich auf römischem Boden anzusiedeln. Valens gewährte die Erlaubnis. Die Westgoten sollten als Foederaten dienen, als Verbündete im Dienst Roms. Was folgte, war eine der größten Verwaltungskatastrophen der römischen Geschichte.

Korrupte römische Beamte nutzten die Notlage der Goten aus, erpressten sie, verkauften ihnen verdorbene Lebensmittel zu überhöhten Preisen. Die Goten revoltierten. 378 trafen sie bei Adrianopel auf die römische Armee unter Valens. In einer der vernichtendsten Schlachten der römischen Geschichte wurden die Legionen aufgerieben. Kaiser Valens selbst fiel. Das war kein normaler Grenzdurchbruch. Das war der Beginn des Endes der römischen Kontrolle auf dem Balkan.

Die Wanderung der Germanen

Gleichzeitig mit dem gotischen Druck auf den Balkan veränderte sich die Lage am Rhein. 406 überquerten Vandalen, Sueben und Alanen während eines harten Winters den zugefrorenen Rhein und drangen in das Innere Galliens vor. Innerhalb weniger Jahre kontrollierten Vandalen Teile Spaniens, Sueben den Nordwesten der iberischen Halbinsel, Westgoten Südgallien und später Spanien. Das weströmische Kaisertum zog sich faktisch auf Italien zurück.

Die Vandalen setzten ihren Weg fort. 429 überquerten sie unter König Geiserich die Straße von Gibraltar nach Nordafrika. Bis 439 hatten sie Karthago eingenommen, das Zentrum der nordafrikanischen Provinzen. Nordafrika lieferte Rom den größten Teil seines Getreides. Der Verlust dieser Provinzen bedeutete für das Weströmische Reich den wirtschaftlichen Ruin.

Attila und die Hunnen auf dem Höhepunkt

In den 440er Jahren führte Attila die Hunnen zu ihrer größten Machtentfaltung. Er erhob Tributforderungen an beide römischen Reiche, überfiel den Balkan mehrfach und zog 451 mit einer gewaltigen Armee durch Gallien. Auf den Katalaunischen Feldern, irgendwo in der heutigen Champagne, trafen er und die vereinte Armee des westlichen Feldherrn Aetius aufeinander. Die Schlacht gilt als eine der blutigsten der Antike, ihr Ausgang ist umstritten. Attila zog sich zurück, war aber nicht vernichtet.

452 griff er Italien an. Er verwüstete Norditalien, aber eine Kombination aus Seuchen, Versorgungsproblemen und, laut der Überlieferung, einem Treffen mit Papst Leo I. vor den Toren Roms hielt ihn vom Weiterzug ab. Attila starb 453, an einer Nasenblutung in der Hochzeitsnacht. Das Hunnenreich zerfiel innerhalb weniger Jahre nach seinem Tod.

476: Das Ende des Weströmischen Reiches

Das Weströmische Reich existierte noch bis 476. In diesem Jahr setzte der germanische Söldnerführer Odoaker den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus ab. Das war keine dramatische Katastrophe. Romulus Augustulus war ein Teenager auf einem Scheinkaiser-Thron, sein Vater Orestes war der tatsächliche Machthaber gewesen. Odoaker schickte die Kaiserkrone nach Konstantinopel mit dem Hinweis, im Westen brauche man keinen zweiten Kaiser mehr.

Der Osten stimmte zu. Was wir heute als "Fall des Weströmischen Reiches" bezeichnen, war für die Zeitgenossen eher ein Verwaltungsakt. Das eigentliche Sterben hatte jahrzehntelang stattgefunden.

Was nach der Wanderung blieb

Um 500 n. Chr. hatten sich die politischen Verhältnisse in Europa stabilisiert. Die Westgoten herrschten über Spanien und Südgallien. Die Ostgoten unter Theoderich hatten Italien übernommen. Franken kontrollierten Gallien nördlich der Loire. Angeln und Sachsen siedelten in Britannien. Vandalen beherrschten Nordafrika. Das Byzantinische Reich im Osten überlebte.

Diese neuen Reiche übernahmen vieles aus der römischen Verwaltung, dem römischen Recht und der lateinischen Kultur. Das war kein Zufall. Die germanischen Führer wollten das Prestige Roms, nicht seine Zerstörung. Sie nannten sich oft selbst römische Amtsträger, trugen römische Titel und ließen römische Verwaltungsbeamte in ihren Diensten. Die Kontinuität war größer, als das Bild vom "Fall" nahelegt.

Was fehlte, war die Einheit. Das Netzwerk von Straßen, Handel, Sprache und Verwaltung, das das Imperium zusammengehalten hatte, zerfiel langsam. Innerhalb von zwei Generationen nach 476 war der Fernhandel im Westen drastisch reduziert, die städtische Bevölkerung geschrumpft, das lateinische Schrifttum auf Klöster und Bischofssitze beschränkt. Das Mittelalter hatte begonnen.

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