Die Geschichte des medizinischen Rassismus
SCHWARZE MENSCHEN EMPFINDEN WENIGER SCHMERZ. Diese Lüge stand jahrzehntelang in medizinischen Lehrbüchern. Sie beeinflusste, wie Ärzte Patienten behandelten. Sie kostete Leben. Und sie ist kein isoliertes Beispiel, sondern Teil einer langen Geschichte, in der Medizin als Instrument zur Konstruktion und Aufrechterhaltung rassistischer Hierarchien eingesetzt wurde.
Die Anfänge: Kolonialmedizin und Rassentheorien
Der medizinische Rassismus hat Wurzeln in der kolonialen Periode. Europäische Ärzte und Wissenschaftler des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelten Theorien über biologische Unterschiede zwischen "Rassen", die ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen unterstützten. Samuel Cartwright, ein amerikanischer Arzt aus dem Süden, erfand 1851 die Diagnose "Drapetomania", eine angebliche psychische Erkrankung, die dazu führe, dass versklavte Menschen fliehen wollten. Das Fliehen vor Sklaverei war demnach Krankheit, nicht ein vernünftiger menschlicher Wunsch nach Freiheit.
Die Schädelvermessung, Phrenologie genannt, behauptete, aus der Form des Schädels Intelligenz und moralische Qualitäten ableiten zu können. Europäische Schädel sollten demnach größere Gehirne und damit überlegene Intelligenz aufweisen. Diese Messungen wurden systematisch gefälscht. Samuel Morton, der in Philadelphia Hunderte von Schädeln sammelte und vermass, bekam von späteren Wissenschaftlern nach, dass seine Daten manipuliert waren, um die vorab formulierten Schlussfolgerungen zu stützen.
James Marion Sims und die gynäkologischen Experimente
James Marion Sims gilt als Vater der modernen Gynäkologie. Seine Statue stand jahrzehntelang im Central Park in New York. Er entwickelte Operationstechniken zur Behandlung von Fisteln, einer schmerzhaften Komplikation nach schwierigen Geburten. Seine Technik verbesserte das Leben vieler Frauen.
Die Technik entwickelte er durch Experimente an versklavten schwarzen Frauen in Alabama in den 1840er Jahren. Diese Frauen, die er besaß oder von ihren Eigentümern geliehen hatte, wurden ohne Anästhesie operiert. Mehrfach. An derselben Person. Sims begründete das damit, dass schwarze Frauen weniger Schmerzen empfänden als weiße. Diese Begründung war nicht nur falsch, sondern ermöglichte es ihm, Experimente durchzuführen, die er an weißen Patientinnen nie hätte rechtfertigen können.
Die Tuskegee-Syphilis-Studie
Zwischen 1932 und 1972 führte der United States Public Health Service eine Studie über den "natürlichen Verlauf" unbehandelter Syphilis bei schwarzen Männern in Macon County, Alabama, durch. 399 Männer mit Syphilis und 201 ohne die Krankheit wurden über 40 Jahre beobachtet.
Die Männer wurden nicht informiert, woran sie teilnahmen. Ihnen wurde gesagt, sie würden für "schlechtes Blut" behandelt. Als Penicillin in den 1940er Jahren als wirksame Behandlung für Syphilis verfügbar wurde, wurden die Männer nicht behandelt. Als im Zweiten Weltkrieg Ärzte aufgefordert wurden, Syphilis-Patienten zu melden, damit diese eingezogen und behandelt werden konnten, intervenierten die Studienleiter, um zu verhindern, dass die Studienprobanden behandelt wurden.
Die Studie lief 40 Jahre lang. 28 Männer starben direkt an Syphilis. 100 starben an damit verbundenen Komplikationen. 40 Ehefrauen wurden infiziert. 19 Kinder wurden mit angeborener Syphilis geboren. Die Studie wurde 1972 nur beendet, weil ein Whistleblower an die Presse ging.
Der Mythos der Schmerzunempfindlichkeit
Die Überzeugung, dass schwarze Menschen Schmerzen anders oder weniger stark empfinden als weiße, ist kein Relikt des 19. Jahrhunderts. Eine Studie aus dem Jahr 2016, veröffentlicht im Fachjournal PNAS, befragte weiße medizinische Studenten und Absolventen. Die Hälfte glaubte mindestens eine falsche biologische Annahme über Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß. Darunter war die Überzeugung, dass schwarze Haut dicker sei und schwarze Menschen weniger Schmerzrezeptoren hätten.
Diese falschen Überzeugungen hatten direkte klinische Konsequenzen: Diejenigen, die diese Mythen glaubten, verschrieben schwarzen Patienten seltener Schmerzmittel und empfahlen weniger angemessene Behandlungen.
Zwangssterilisierungen in Amerika
Zwischen dem frühen 20. Jahrhundert und den 1970er Jahren wurden in den USA Zehntausende von Menschen zwangssterilisiert, überproportional häufig schwarze, indianische und arme weiße Frauen. In einigen Bundesstaaten gab es explizite eugenische Gesetze, die Sterilisierungen ohne Zustimmung erlaubten. Der Supreme Court bestätigte 1927 in Buck v. Bell die Verfassungsmäßigkeit der Zwangssterilisierung. Diese Entscheidung wurde nie offiziell aufgehoben.
In Puerto Rico wurden in den 1930er bis 1970er Jahren schätzungsweise ein Drittel aller Frauen im gebärfähigen Alter sterilisiert. Das amerikanische Kolonialprogramm nutzte Bevölkerungskontrolle als Politik, nicht als Gesundheitsmaßnahme.
Indigene Frauen in Kanada berichteten bis in die 2010er Jahre hinein von Zwangssterilisierungen in Krankenhäusern, unmittelbar nach der Geburt, wenn sie unter dem Einfluss von Narkosemitteln standen und Formulare unterschrieben.
Medizinischer Rassismus in Deutschland
Das nationalsozialistische Deutschland hatte ein explizites eugenisches Programm. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933 ermöglichte die Zwangssterilisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen, Epilepsie, Blindheit, Taubheit und anderen Zuständen. Bis 1945 wurden zwischen 300.000 und 400.000 Menschen zwangssterilisiert.
Die Aktion T4 tötete zwischen 1939 und 1941 mindestens 70.000 Menschen mit Behinderungen in Gaskammern. Ärzte unterschrieben die Tötungsanordnungen. Krankenhäuser wurden zu Vernichtungseinrichtungen. Das Personal wurde in Methoden ausgebildet, die später in den Konzentrationslagern angewandt wurden. T4 war die Generalprobe für den Holocaust.
Die Auswirkungen auf das heutige Gesundheitssystem
Das Misstrauen schwarzer Bevölkerungen gegenüber medizinischen Institutionen in den USA ist keine irrationale Phobie. Es ist eine historisch begründete Skepsis gegenüber Institutionen, die diese Bevölkerungen systematisch misshandelt haben. Als COVID-19-Impfstoffe entwickelt wurden, war die Impfzögerlichkeit in schwarzen Gemeinschaften in den USA höher als im Bevölkerungsdurchschnitt. Epidemiologen, die diese Gemeinschaften kennen, überraschte das nicht.
Schwarze Frauen in den USA sterben bei Geburten drei- bis viermal häufiger als weiße Frauen. Diese Sterblichkeitsrate ist nicht durch sozioökonomische Faktoren allein erklärbar. Studien zeigen, dass schwarze Frauen mit akademischer Ausbildung und mittlerem bis hohem Einkommen immer noch überproportional häufig sterben. Die Art, wie ihre Symptome und Beschwerden von medizinischem Personal wahrgenommen werden, spielt eine Rolle.
Das bleibt
Medizinischer Rassismus ist nicht eine Vergangenheit, die man abgeschlossen hat. Er ist eine Struktur, die in Ausbildungsmaterialien, klinischen Protokollen, institutionellen Kulturen und individuellen Überzeugungen weiterlebt. Die Geschichte zu kennen ist keine Übung in historischer Selbstgeißelung. Sie ist notwendig, um zu verstehen, warum bestimmte Gruppen bestimmten Institutionen gegenüber misstrauisch sind, und warum dieses Misstrauen begründet ist.
Reformen sind möglich. Einige medizinische Schulen haben ihre Curricula überarbeitet und die falschen biologischen Rassenkonzepte entfernt. Das ist ein Anfang. Ob es ausreicht, um vier Jahrhunderte Schaden zu beheben, ist eine andere Frage.