Die Geschichte Mesopotamiens: Wiege der Zivilisation
Das Land zwischen den Flüssen
Mesopotamien bedeutet auf Griechisch "Land zwischen den Flüssen". Tigris und Euphrat, die beiden großen Ströme, machten das Gebiet, das heute weitgehend dem Irak entspricht, zu einem der fruchtbarsten und deshalb bedeutsamsten Landstriche der Antike. Hier entstand, so die gängige Erzählung, die erste Zivilisation der Welt. Die Realität ist differenzierter: Zivilisation entstand an mehreren Orten der Erde unabhängig voneinander. Aber Mesopotamien war früh dabei, einflussreich und außergewöhnlich gut dokumentiert.
Die Geschichte Mesopotamiens umfasst Jahrtausende. Von den ersten sessyhaften Gemeinschaften um 7000 v. Chr. bis zur Eroberung durch Alexander den Großen 331 v. Chr., und selbst danach lebte mesopotamische Kultur unter persischer, griechischer und später arabischer Herrschaft weiter.
Sumer: Der Anfang
Im südlichen Mesopotamien, in der Region Sumer, entstanden ab etwa 4500 v. Chr. die ersten städtischen Siedlungen der Geschichte. Uruk war zeitweise die größte Stadt der Welt. Um 3200 v. Chr. lebten dort schätzungsweise 40.000 bis 80.000 Menschen, was für die damalige Zeit enorm war.
Die Sumerer entwickelten die Keilschrift, ursprünglich als Verwaltungswerkzeug. Tontafeln mit eingeritzten Symbolen dienten dazu, Getreide zu zählen, Schulden zu verwalten, Verträge festzuhalten. Die erste Schrift der Geschichte war ein Buchhaltungssystem. Das sagt etwas über die Triebkräfte von Zivilisation aus.
Aus dieser Verwaltungsschrift entwickelte sich im Laufe von Jahrhunderten eine vollständige Schriftsprache, die Literatur, Religion und Gesetze aufzeichnen konnte. Das Gilgamesch-Epos, auf zwölf Tontafeln überliefert, ist eines der ältesten bekannten Literaturwerke der Welt. Es enthält eine Flutgeschichte, die der biblischen Erzählung von Noah so ähnlich ist, dass kein Zweifel an einer gemeinsamen Tradition besteht.
Akkad und das erste Imperium der Geschichte
Um 2334 v. Chr. vereinte Sargon von Akkad weite Teile Mesopotamiens unter seiner Herrschaft. Sein Reich gilt als das erste Imperium der Geschichte: ein Gemeinwesen, das verschiedene Ethnien und Kulturen unter einer zentralen Verwaltung zusammenfasste. Sargon begann als Beamter, erkämpfte sich die Macht und schuf eine Verwaltungsstruktur, die Gouverneure in Provinzen einsetzt, Steuern einzieht und militärische Macht projiziert. Dieses Modell wiederholte sich danach immer wieder.
Das Akkadische Reich brach etwa 2154 v. Chr. zusammen. Die Gründe sind umstritten. Eine Theorie, die durch Klimadaten gestützt wird, sieht eine langanhaltende Dürre als Auslöser, die die landwirtschaftliche Grundlage des Reiches zerstörte. Nomadische Gruppen aus den Bergen, die Gutäer, spielten ebenfalls eine Rolle. Es war wahrscheinlich eine Kombination.
Babylon: Gesetze, Götter und Macht
Babylon, heute eine archäologische Stätte südlich von Bagdad, war mehrfach Zentrum mächtiger Reiche. Das Altbabylonische Reich unter Hammurabi, der von etwa 1792 bis 1750 v. Chr. regierte, ist vor allem wegen seines Gesetzeskodex bekannt. Der Codex Hammurabi ist einer der ältesten erhaltenen Gesetzestexte der Welt.
282 Gesetze sind auf einer fast zwei Meter hohen Stele eingeritzt, die heute im Louvre in Paris steht. Die Gesetze regeln Handel, Eigentumsrechte, Familienrecht, Strafen für Verbrechen. Das Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn" stammt aus diesem Codex, wird aber oft missverstanden: Es war ursprünglich ein Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz, eine Beschränkung übermäßiger Rache, keine Aufforderung zur Vergeltung.
Das Neubabylonische Reich unter Nebukadnezar II. war einer der glanzvollsten Momente babylonischer Geschichte. Die hängenden Gärten Babylons gelten als eines der sieben Weltwunder der Antike, obwohl ihre Existenz archäologisch nicht eindeutig belegt ist. Was belegt ist: Die Zerstörung Jerusalems 586 v. Chr. und die Deportation der jüdischen Bevölkerung nach Babylon, das babylonische Exil, das tief in die religiöse Geschichte des Judentums eingraviert ist.
Assyrien: Der militärische Staat
Das assyrische Reich nördlich von Babylon war berühmt und berüchtigt für seine militärische Effizienz und Grausamkeit. Assyrische Könige ließen in Inschriften ausführlich dokumentieren, was sie mit besiegten Feinden taten. Das war nicht nur Grausamkeit, sondern Propaganda: Die Botschaft war, dass Widerstand sich nicht lohnte.
Die Assyrer entwickelten professionelle stehende Heere, Belagerungstechnik, Kavallerie und Logistik auf einem für die Antike bemerkenswerten Niveau. Sie kontrollierten zeitweise ein Gebiet von Ägypten bis zum Persischen Golf. Ninive, ihre Hauptstadt, war unter König Sanherib möglicherweise die größte Stadt der damaligen Welt.
Das assyrische Reich kollabierte schnell. 612 v. Chr. fiel Ninive unter dem Angriff einer babylonisch-medischen Koalition. Die Stadt wurde so gründlich zerstört, dass Xenophon, der zwei Jahrhunderte später mit seinen Zehntausend daran vorbeizog, nicht einmal ihren Namen kannte.
Das Ende: Persien und danach
539 v. Chr. eroberte Kyros der Große das babylonische Reich. Er tat es mit einem Schachzug, der in der Antike nicht unüblich war: Er stellte sich als Befreier dar, nicht als Eroberer. Er ließ die deportierten Juden nach Jerusalem zurückkehren. Er respektierte babylonische Götter. Diese Politik der religiösen Toleranz war strategisch klug und machte Persien zum Erben eines funktionstüchtigen Verwaltungsapparats statt zu Zerstörern eines zusammengebrochenen Staates.
Mesopotamien blieb unter persischer Herrschaft ein wirtschaftliches Zentrum. Babylon war eine der größten Städte des achämenidischen Reiches. Als Alexander der Große 331 v. Chr. einmarschierte, war die Region keineswegs eine Ruine, sondern lebendiger Teil der antiken Welt.
Was Mesopotamien hinterließ
Die Liste der Erfindungen und Entwicklungen, die Mesopotamien zugeschrieben werden, ist lang: Schrift, das Sexagesimalsystem mit 60 als Basis, das wir noch heute für Stunden, Minuten und Winkel nutzen, die ersten Gesetzbücher, städtische Verwaltung, Astronomie als systematische Wissenschaft, Literatur.
Vieles davon war nicht ausschließlich mesopotamisch. Kulturtransfer war in der Antike üblich. Aber Mesopotamien war früh genug dran, einflussreich genug, und dank der Haltbarkeit von Tontafeln gut genug dokumentiert, dass wir heute wissen, was dort gedacht, verwaltet und geschrieben wurde. In keiner anderen frühen Zivilisation haben wir vergleichbar gute schriftliche Quellen.
Die Region, die einmal die Welt dominierte, liegt heute in einem der politisch instabilsten Gebiete der Erde. Die archäologischen Stätten wurden durch Krieg, Plünderung und Vernachlässigung schwer beschädigt. Was dort in der Erde liegt, ist noch immer nicht vollständig ausgegraben. Die Geschichte Mesopotamiens ist noch nicht ganz erzählt.