Die verborgene Geschichte Byzantiums
Das Reich, das niemand kannte
Stellen Sie sich vor, ein Reich hätte tausend Jahre lang existiert, hätte die antike Zivilisation durch die dunkelsten Jahrhunderte der Geschichte bewahrt, wäre die mächtigste christliche Staatsform des Mittelalters gewesen, und trotzdem würde es in westlichen Schulen kaum erwähnt. Genau das passierte mit Byzanz.
Das Oströmische Reich, das wir heute Byzanz nennen, existierte von 330 n. Chr. bis 1453. In dieser Zeit erlebte Westeuropa den Zusammenbruch der Antike, die Völkerwanderung, die Pest, die Kreuzzüge und den Beginn der Renaissance. Byzanz beobachtete all das von Konstantinopel aus, manchmal als Schutzwall, manchmal als Handelspartner, manchmal als Feind. Und wurde dabei systematisch von der westlichen Geschichtsschreibung unterschätzt.
Die Gründung Konstantinopels
Kaiser Konstantin I. wählte 324 n. Chr. den Standort am Bosporus mit strategischem Kalkül. Die Stadt lag auf einer Halbinsel, drei Seiten vom Wasser geschützt, die vierte durch die berühmten Theodosianischen Mauern gesichert. Sie kontrollierte den Seeweg zwischen Schwarzem Meer und Ägäis, den wichtigsten Handelsweg zwischen Europa und Asien.
330 n. Chr. wurde die Stadt offiziell eingeweiht. Sie sollte "Neues Rom" sein und übernahm viele Institutionen der alten Hauptstadt: Senat, Stadtpräfekt, staatliche Brotverteilung. Die Einwohner nannten sich selbst Romaioi, Römer. Byzanz ist eine neuzeitliche Konstruktion: Die Bewohner des Oströmischen Reiches hätten diesen Begriff nicht verstanden.
Blütezeit unter Justinian
Der Höhepunkt byzantinischer Macht kam unter Kaiser Justinian I., der von 527 bis 565 n. Chr. regierte. Mit seinem General Belisar und später Narses gelang die vorübergehende Rückeroberung weiter Teile Westeuropas: Nordafrika wurde den Vandalen abgenommen, Italien den Ostgoten, Südspanien den Westgoten. Kurz sah es aus, als könnte das Römische Reich tatsächlich wiederhergestellt werden.
Justinians innenpolitisches Erbe war nachhaltiger als seine Eroberungen. Er ließ das römische Recht systematisch kodifizieren: Das Corpus Juris Civilis, fertiggestellt 534 n. Chr., wurde die Grundlage fast aller europäischen Rechtssysteme, die bis heute gelten. Er baute die Hagia Sophia, das für tausend Jahre größte christliche Kirchengebäude der Welt.
Doch Justinians Kriege hatten einen Preis. Sie kosteten enorme Summen und hinterließen erschöpfte Provinzen. Die Pest, die 541 n. Chr. in Konstantinopel ausbrach und die als "Justinianische Pest" bekannt ist, tötete schätzungsweise 25 bis 50 Millionen Menschen im gesamten Mittelmeerraum. Manche Historiker sehen sie als entscheidenden Einschnitt, der den Aufstieg des Islam ermöglichte, weil die geschwächten byzantinischen und persischen Reiche den arabischen Truppen wenig entgegensetzen konnten.
Der Islam und der Verlust des Ostens
634 bis 641 n. Chr. verlor Byzanz Syrien, Palästina und Ägypten an die muslimischen Armeen. Diese Gebiete gehörten zu den reichsten und bevölkerungsreichsten Provinzen des Reiches. Ihre Verluste waren ein Schlag, von dem sich Byzanz nie vollständig erholte.
Was folgte, war ein Reich, das immer kleiner wurde, sich aber immer wieder neu erfand. Die griechische Sprache ersetzte das Latein als offizielle Verwaltungssprache. Das Reich wurde kulturell griechisch-orthodox, nicht mehr universell römisch. Konstantinopel selbst blieb glänzend und reich, eine Metropole mit vielleicht 500.000 Einwohnern, als Paris und London noch Kleinstädte waren.
Byzantinische Diplomatie als Kunstform
Ohne ausreichend Militärmacht für Expansion entwickelte Byzanz eine Außenpolitik, die auf Diplomatie, Heiratspolitik und gezielte Bestechung setzte. Kaiser schickten Prinzessinnen in alle Richtungen: nach Bulgarien, nach Russland, nach Deutschland. Das orthodoxe Christentum verbreitete sich durch byzantinische Missionare in die slawischen Länder. Kyrill und Method, die Erfinder des kyrillischen Alphabets, waren byzantinische Missionare.
Das Wort "byzantinisch" hat im Deutschen die Bedeutung von "kompliziert, verschlungen, intrigant" angenommen. Das ist nicht ganz fair, aber auch nicht ganz falsch. Die kaiserliche Bürokratie und der Hofzeremoniell waren tatsächlich von elaborierter Komplexität. Titelrangfolgen wurden über Generationen disputiert. Eunuchen spielten als Hofbeamte eine enorme Rolle. Intrigen und Giftmord waren reale politische Werkzeuge.
Die Kreuzzüge und der Verrat von 1204
Das Verhältnis zwischen Byzanz und dem lateinischen Westen war von Anfang an gespannt. Als die Kreuzfahrer 1099 Jerusalem eroberten, betrachtete Konstantinopel das mit einer Mischung aus Hoffnung und Misstrauen. Hoffnung, weil christliche Nachbarn militärische Unterstützung gegen muslimische Angriffe bieten könnten. Misstrauen, weil lateinische Christen und orthodoxe Christen 1054 im Großen Schisma getrennt hatten.
Der vierte Kreuzzug, 1202 bis 1204, wurde zur Katastrophe für Byzanz. Statt ins Heilige Land zu fahren, plünderten die Kreuzfahrer Konstantinopel. Die Beute war gigantisch. Die Vierteilung des Reiches durch die Kreuzfahrer führte zur Gründung des Lateinischen Kaiserreichs Konstantinopel, das 57 Jahre lang dauerte.
1261 reconquistierte Kaiser Michael VIII. die Stadt. Aber das Reich war danach ein Schatten seiner selbst: kleiner, ärmer, strategisch geschwächt. Der Schwarze Tod von 1347, der Konstantinopel schwer traf, verschlimmerte die Lage weiter.
Das Ende: 1453
Am 29. Mai 1453 nahm Sultan Mehmed II. Konstantinopel nach einer 53-tägigen Belagerung ein. Der letzte Kaiser, Konstantin XI. Palaiologos, soll in den Straßenkämpfen gefallen sein. Die Hagia Sophia wurde in eine Moschee umgewandelt. Das Lateinische Reich war beendet.
Das Datum markiert für viele Historiker das Ende des Mittelalters. Tausende byzantinische Gelehrte flohen nach Westeuropa und brachten griechische Handschriften mit, die im Westen lange nicht bekannt waren. Diese Gelehrten und ihre Texte befeuerten die Renaissance mit.
Das byzantinische Erbe
Byzanz hat mehr hinterlassen, als die meisten Menschen wissen. Das russische Zarentum verstand sich als Erbe Konstantinopels: "Das dritte Rom". Die orthodoxe Kirche in Griechenland, Serbien, Bulgarien, Russland und Rumänien ist byzantinisches Erbe. Das kyrillische Alphabet. Das Rechtssystem, das auf dem Corpus Juris Civilis basiert. Die Mosaiken von Ravenna und die Ikonen-Tradition.
Das hartnäckige Desinteresse des westlichen Bildungssystems an Byzanz ist ein historisches Irrtum, der langsam korrigiert wird. Wer das Mittelalter verstehen will, kommt an Konstantinopel nicht vorbei.