Die wahre Geschichte der Vampire
Im Jahr 1725 starb ein serbischer Bauer namens Peter Plogojowitz. Neun Wochen nach seiner Beerdigung sollen in seinem Dorf Kisilova mehrere Menschen gestorben sein. Sterbende berichteten, Plogojowitz habe sie nachts besucht und ihnen das Blut ausgesaugt. Die österreichischen Behörden, die die Region zu jener Zeit verwalteten, schickten einen Beamten zur Untersuchung.
Die Dorfbewohner gruben Plogojowitz aus. Sein Körper, so der offizielle Bericht, sah täuschend frisch aus. Neues Haar und neue Nägel seien gewachsen, der Mund war mit frischem Blut befleckt. Der kaiserliche Beamte Frombald dokumentierte alles akribisch. Die Dorfbewohner trieben einen Pfahl durch den Körper, verbrannten ihn und die Epidemie hörte auf.
Das Plogojowitz-Protokoll ist eines der berühmtesten historischen Dokumente zur Vampirhysterie des 18. Jahrhunderts. Es ist kein Mythos. Es ist ein staatlicher Bericht.
Die Entstehung des Vampir-Glaubens
Der Glaube an Untote, die aus dem Grab zurückkehren, ist so alt wie die Menschheit. In Mesopotamien kannte man die Ekimmu, ruhelose Geister derer, die keinen ordentlichen Tod gestorben waren. Griechen fürchteten die Strigoi, Römer die Lamia. In slavischen Kulturen, wo der Vampirglaube am stärksten verwurzelt war, gab es vielfältige Vorstellungen von Toten, die nicht ruhig bleiben wollten.
Das slavische Wort Vampir erscheint in Dokumenten erstmals im frühen 18. Jahrhundert, obwohl die Vorstellungen älter sind. In serbischen und rumänischen Überlieferungen konnte ein Mensch zum Vampir werden, wenn er eines unnatürlichen Todes gestorben war, wenn er einen schlechten Ruf hatte oder wenn er ein uneheliches Kind war. Auch wer von einem Vampir gebissen worden war, riskierte, selbst einer zu werden.
Die Schutzmaßnahmen waren praktisch: Knoblauch um Türen und Fenster. Dornenäste auf dem Grab. Ein Pfahl aus Weißdorn oder Espe ins Herz. Abschneiden des Kopfes. Verbrennen. Diese Praktiken existierten nicht nur in Legenden. Sie wurden tatsächlich durchgeführt, wie Ausgrabungen an mittelalterlichen Friedhöfen zeigen.
Medizinische Erklärungen
Warum glaubten Menschen an Vampire? Ein Teil der Antwort liegt in der Unwissenheit über den menschlichen Körper nach dem Tod. Ausgegrabene Leichen sahen manchmal beunruhigend lebendig aus, wenn man nicht wusste, was Verwesung bedeutet.
Blähungen durch Faulgas können einem aufgedunsenen Körper ein täuschend lebendiges Aussehen geben. Wenn man auf einen geblähten Körper drückt oder einen Pfahl hineintreibt, kann Gas austreten und ein Stöhnen erzeugen. Blut kann durch den Mund fließen, wenn der Körper sich zersetzt. Nägel und Haare scheinen zu wachsen, weil sich Haut und Fleisch zurückziehen.
All das sind normale biologische Vorgänge. Für Menschen ohne biologisches Wissen, die einen frisch ausgegrabenen Körper sahen, der nicht so aussah wie erwartet, waren diese Zeichen erschreckend und überzeugend.
Dazu kamen Epidemien. Wenn in einem Dorf viele Menschen kurz hintereinander starben, suchten die Überlebenden nach Erklärungen. Wenn einer der ersten Toten als Vampir identifiziert wurde, erklärt das scheinbar, warum die anderen starben. Die Logik war falsch, aber die Angst war real.
Vlad der Pfähler und das Bram-Stoker-Problem
Vlad III., Fürst der Walachei im 15. Jahrhundert, bekannt als Vlad Tepes oder Vlad Dracula, wird regelmäßig als historische Vorlage für den Vampirmythos präsentiert. Das stimmt nur zum Teil.
Vlad war real und brutal. Er ließ Tausende seiner Feinde, darunter osmanische Soldaten und walachische Adlige, pfählen. Berichte aus seiner Zeit sprechen von Mahlzeiten, die er umgeben von pfählen Sterbenden einnahm. Er trank ihr Blut. Er tauchte Brot in ihr Blut. Diese Berichte stammen von seinen Feinden und sind möglicherweise übertrieben, aber der Kern ist historisch belegt.
Bram Stoker, der irische Schriftsteller, der Dracula 1897 veröffentlichte, borgte sich Vlads Namen und seine Heimatregion Transsilvanien. Aber Stokers Graf Dracula ist keine Figur, die auf historischer Recherche über Vlad basiert. Stoker kannte Vlad wahrscheinlich kaum. Er kombinierte verschiedene Vampir-Traditionen mit einem gotischen Romankonzept und schuf damit eine Figur, die alle vorherigen Vampire in den Schatten stellte.
Der Zusammenhang zwischen Vlad dem Pfähler und dem Vampirmythos ist ein modernes Konstrukt, das rückwärts auf die Geschichte projiziert wurde.
Die Vampir-Hysterie des 18. Jahrhunderts
Die europäische Vampirhysterie des frühen 18. Jahrhunderts war kein Phänomen an den Rändern der Gesellschaft. Sie war ein Problem, das staatliche Behörden beschäftigte.
Der Fall Arnold Paole aus Serbien, 1726, war der bekannteste. Paole, ein Soldat, behauptete vor seinem Tod, von einem Vampir gebissen worden zu sein. Als er starb und anschließend Menschen in seinem Dorf zu sterben begannen, wurde sein Grab geöffnet. Der offizielle Bericht, unterschrieben von österreichischen Offizieren und Ärzten, beschrieb einen frisch wirkenden Körper, der Blut absonderte. Paole wurde gepfählt. Sein Körper wurde verbrannt.
Diese Fälle wurden ernst genug genommen, dass der Kaiserhof in Wien eingeschaltet wurde. Kaiserin Maria Theresia schickte ihren Leibarzt Gerard van Swieten zur Untersuchung. Van Swieten, ein aufgeklärter Wissenschaftler, kam zu dem Schluss, dass die Vampir-Berichte auf Unwissenheit über Verwesung und auf Massenhysterie zurückzuführen seien. Er riet der Kaiserin, Exhumierungen zu verbieten und Aberglauben stärker zu bekämpfen.
Maria Theresia erlies 1755 ein Edikt, das Ausgrabungen wegen Vampirverdachts ohne staatliche Genehmigung verbot. Das war das Ende der Vampirhysterie in Zentraleuropa.
Reale Krankheiten, mythische Namen
Einige moderne Forscher haben vorgeschlagen, dass bestimmte Krankheiten zur Entstehung des Vampirmythos beigetragen haben. Porphyrie, eine seltene Stoffwechselkrankheit, macht die Haut extrem lichtempfindlich. Manche Formen verursachen Zahnfleischrücktritt, was die Zähne länger erscheinen lässt. Die Vorstellung, dass Porphyrie den Vampirmythos erklärt, ist attraktiv, aber historisch nicht belegbar. Es gibt keine Verbindung zwischen Porphyrie-Häufigkeit und Gebieten mit starkem Vampirglauben.
Tollwut ist ein anderer Kandidat. Sie wird durch Bisse übertragen, sie verursacht Aggressivität und nächtliche Unruhe, und sie kann dazu führen, dass Erkrankte andere beißen. Aber auch hier ist der Zusammenhang spekulativ.
Wahrscheinlicher ist die schlichtere Erklärung: Der Vampirglaube entstand aus Angst vor dem Tod, Unwissenheit über Verwesung und dem menschlichen Bedürfnis, Katastrophen durch übernatürliche Ursachen zu erklären.
Der Vampir in der Literatur
John Polidoris Kurzgeschichte The Vampyre aus dem Jahr 1819 schuf den aristokratischen Vampir als literarisches Bild. Lord Ruthven, kalt, verführerisch, nachtaktiv, ist ein direktes Vorläufermodell für Dracula. Polidori schrieb die Geschichte während desselben Wettbewerbs am Genfer See, bei dem Mary Shelley Frankenstein schuf. Aus einer verregneten Sommernacht entstanden zwei der einflussreichsten Horrorgestalten der Literaturgeschichte.
Bram Stokers Dracula von 1897 synthetisierte alle vorherigen Vampire und fügte neue Elemente hinzu: hypnotische Kontrolle über das Opfer, Abscheu vor Knoblauch und Kreuzen, die Unfähigkeit, ins Haus zu treten ohne Einladung. Viele dieser Elemente haben keine Wurzeln in slavischer Volksüberlieferung. Stoker erfand sie oder entlehnte sie aus anderen Quellen.
Der Vampir heute
Vampire in der modernen Populärkultur, von Anne Rices Interviewe mit dem Vampir bis Twilight und True Blood, sind weit entfernt von dem, was serbische Dorfbewohner im 18. Jahrhundert fürchteten. Sie sind Metaphern geworden: für Verführung, Unsterblichkeit, Einsamkeit, Andersartigkeit.
Die Verlagerung des Vampirs vom beängstigenden Untoten zum romantischen Außenseiter sagt viel darüber aus, was jede Epoche in diesem Symbol sieht. Im 18. Jahrhundert war der Vampir der nicht ruhende Tote, der Beweis für die Fragilität der Grenze zwischen Leben und Tod. Heute ist er oft das Bild des ewigen Außenseiters, der nach Zugehörigkeit sucht.
Was sich nicht geändert hat: Der Vampir lebt von uns. Buchstäblich und im übertragenen Sinn. Das macht ihn unsterblich.