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Die wahre Geschichte von Rasputin

Veröffentlicht 2026-06-02·5 Min. Lesezeit

Grigorij Jefimowitsch Rasputin wurde in der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember 1916 ermordet. Die Geschichte des Mordes ist so gut, dass sie sich in fast jedem Buch über Rasputin wiederholt: Vergiftet, erschossen, ertränkt. Dreimal getötet, bevor er endlich starb. Ein Mann, der nicht sterben wollte.

Nur: So war es nicht. Die Autopsie zeigte, dass Rasputin an einer Schusswunde starb. Die Gifttheorie ist wahrscheinlich eine Erfindung der Mörder selbst, die ihre Geschichte dramatischer machen wollten. Der Mythos des unsterblichen Rasputin entstand innerhalb von Stunden nach seinem Tod und hat ihn nie mehr verlassen.

Herkunft und frühe Jahre

Rasputin wurde 1869 in Pokrowskoje, einem kleinen Dorf in Westsibirien, geboren. Sein Vater war Bauer und Fährmann, seine Mutter eine einfache Frau. Über seine frühe Kindheit ist wenig bekannt, was spätere Mythenbildung erleichterte.

Als junger Mann pilgerte Rasputin zu verschiedenen orthodoxen Klöstern und heiligen Stätten. Er hatte keine formelle Theologenausbildung, aber er war klug und besaß ein ungewöhnliches Gespür für Menschen. Irgendwann während dieser Pilgerjahre entwickelte er den Ruf eines Staretz, eines wandernden heiligen Mannes mit besonderer spiritueller Kraft.

In Russland des frühen 20. Jahrhunderts war das eine tragfähige Karriere. Die russische Orthodoxie kannte die Tradition des wandernden Heiligen. Gutsbesitzer und Adlige empfingen solche Männer, suchten bei ihnen Rat und Segen. Der Aufstieg vom sibirischen Bauernsohn zum Berater des Zaren war außergewöhnlich, aber nicht so unplausibel, wie er klingt.

Ankunft in St. Petersburg

Rasputin kam 1905 nach St. Petersburg. Er fand Zugang zu aristokratischen Kreisen durch ein Netzwerk, das aus Klerus und Adligen bestand, die an Mystik und spirituelle Heilung glaubten. Die Empfehlung eines Priesters führte ihn zu höheren Kreisen, bis er schließlich 1905 zum ersten Mal den Zaren Nikolaus II. und seine Frau Alexandra traf.

Alexandra war verzweifelt. Ihr Sohn Alexei, Thronfolger, litt an Hämophilie, einer Blutungskrankheit, die damals nicht behandelbar war. Kleinste Verletzungen führten zu lebensbedrohlichen inneren Blutungen. Alexandra hatte alles versucht, konventionelle Medizin und religiöse Heilung. Nichts half dauerhaft.

Rasputin schien zu helfen. Wenn Alexei in einer Krise war und Rasputin geholt wurde, besserte sich der Zustand des Kindes oft. Wie das möglich war, ist historisch diskutiert. Eine Theorie: Rasputin verbot die Verwendung von Aspirin, das damals als Schmerzmittel eingesetzt wurde, aber die Blutgerinnung hemmt und bei Hämophilie gefährlich ist. Eine andere: Rasputins Hypnose oder Suggestion reduzierte Alexeis Angst und Stress, was tatsächlich einen Einfluss auf Blutungen haben kann.

Einfluss auf Alexandra und den Hof

Alexandra wurde Rasputins überzeugendste Fürsprecherin. Für sie war er ein Heiliger, von Gott gesandt, um ihren Sohn zu retten und das Kaiserhaus zu schützen. Diese Überzeugung war felsenfest und widerstand allen gegenteiligen Informationen.

Rasputins politischer Einfluss wuchs während des Ersten Weltkriegs. Als Nikolaus II. 1915 persönlich das Kommando über die russischen Armeen übernahm und an die Front fuhr, blieb Alexandra in Petrograd und führte effektiv die Regierungsgeschäfte. Sie beriet sich regelmäßig mit Rasputin über Personalentscheidungen. Minister wurden auf Rasputins Empfehlung hin eingesetzt und entlassen.

Das Ergebnis war eine Serie inkompetenter Regierungsmänner, die eines gemeinsam hatten: Rasputins Zustimmung. Ob Rasputin gezielt machthungrig war oder einfach auf Anfragen reagierte, ist schwer zu beurteilen. Aber sein Einfluss war real und schädlich für die Regierungsführung eines Reiches im Krieg.

Die öffentliche Figur und der Skandal

Rasputin führte in St. Petersburg ein Leben, das zu öffentlichem Skandal einlud. Er trank. Er soll mehrfach Frauen sexuell belästigt oder vergewaltigt haben. Berichte über Orgien in seiner Wohnung kursierten.

Wie viel davon wahr war, ist schwer zu trennen. Rasputin hatte viele Feinde, und Feinde erfanden Geschichten. Aber er hatte auch dokumentierte Besuche in Gasthäusern und Bordellen, die für einen Mann mit seinem Status als Gottesmann skandalös waren.

Die Gerüchte über seine Beziehung zur Zarin Alexandra waren das Gefährlichste. Es gab keine Belege für ein sexuelles Verhältnis, und alle seriösen Historiker schließen es aus. Aber in einem kriegsmüden Land mit wachsendem Hass auf die deutschstämmige Kaiserin waren diese Gerüchte politisches Gift.

Der Mord

In der Nacht des 29. Dezember 1916 lud Felix Jussupow, ein Prinz der russischen Hocharistokratie, Rasputin in sein Palais. Jussupow war Schwiegersohn eines Großfürsten und einer der reichsten Männer Russlands. Er hasste Rasputin aufrichtig und glaubte, ihn töten zu müssen, um Russland zu retten.

Die Mördergruppe umfasste neben Jussupow auch Großfürst Dmitri Pawlowitsch und den rechtsextremen Politiker Wladimir Purischkewitsch. Was genau in jener Nacht geschah, ist bis heute nicht vollständig klar, weil die Hauptquelle Jussupows eigene Memoiren sind und er Interesse an einer dramatischen Version hatte.

Jussupow behauptete, Rasputin sei zuerst vergiftet worden, habe das Gift aber ohne Wirkung ertragen, sei dann erschossen worden, habe sich erholt, sei wieder erschossen worden, dann hinausgestürmt, von Purischkewitsch noch einmal erschossen und schließlich in die zugefrorene Newa geworfen worden, wo er ertrank.

Die Autopsie zeigte: Rasputin war erschossen worden, vor dem Einwerfen ins Wasser gestorben, hatte kein Wasser in den Lungen (was ein Ertrinken ausschließt) und zeigte keine Vergiftungszeichen. Die dramatische Version war Jussupows Fantasie oder bewusste Dramaturgie.

Was sein Tod bedeutete

Jussupow hoffte, mit dem Tod Rasputins die Monarchie zu retten, indem er den schädlichsten Einfluss auf Alexandra beseitigte. Es war eine naive Hoffnung. Rasputin war ein Symptom, nicht die Ursache der Probleme des Kaiserhauses.

Zwei Monate nach Rasputins Tod begann die Februarrevolution. Nikolaus II. dankte ab. Acht Monate später übernahmen die Bolschewiken die Macht. Die Zarenfamilie wurde im Juli 1918 erschossen.

Rasputin hatte die Monarchie nicht zerstört. Die Monarchie zerstörte sich selbst durch Inkompetenz, Kriegsverluste und die Unfähigkeit, sich an veränderte politische Realitäten anzupassen. Rasputin war Teil dieses Systems, nicht sein Architekt.

Der Mythos lebt

Rasputin fasziniert bis heute, weil er so viele Projektionsflächen bietet. Der mächtige Mystiker aus dem Volk. Der Sexualmagnet. Der unsterbliche Monster. Der einfache Mann, der Könige manipulierte. Je nach Perspektive ist er ein anderer.

Was die Geschichte Rasputins tatsächlich zeigt, ist nüchterner: Ein kluger, charismatischer Mann ohne formale Bildung fand Zugang zu einer verzweifelten Mutter, die ihren todkranken Sohn retten wollte. Er nutzte diesen Zugang, bewusst oder unbewusst, um Einfluss zu gewinnen. Dieser Einfluss schadete einem Staatswesen, das ohnehin am Rand des Zusammenbruchs stand.

Die Geschichte Rasputins ist weniger die Geschichte eines Mannes als die Geschichte einer Epoche: Das Ende des russischen Kaiserreichs, das Ende der alten Aristokratie, der Beginn einer Welt, die kein Platz mehr für wandernde Heilige und absolute Monarchen hatte.

Er war kein Teufel. Er war kein Heiliger. Er war ein Mensch seiner Zeit, in einer Zeit, die zerbrach.

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