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Die dunkle Geschichte der Zwangssterilisierung

Veröffentlicht 2026-06-02·6 Min. Lesezeit

ES GAB EINE ZEIT, in der Zwangssterilisierung nicht als Verbrechen galt, sondern als Fortschritt. Nicht nur in Nazi-Deutschland. In den Vereinigten Staaten. In Schweden. In Kanada. In der Schweiz. Demokratische Staaten mit freier Presse und gewählten Regierungen haben Hunderttausende Menschen ohne deren Einwilligung sterilisiert, weil die herrschende Wissenschaft des Tages es verlangte.

Die Geschichte der Zwangssterilisierung ist eine Geschichte darüber, was passiert, wenn Wissenschaft und staatliche Macht in Kontakt kommen, ohne dass moralische Grenzen gezogen werden.

Die eugenische Bewegung und ihre wissenschaftlichen Grundlagen

Der Begriff Eugenik wurde 1883 vom britischen Wissenschaftler Francis Galton geprägt, einem Cousin Charles Darwins. Galton argumentierte, dass die menschliche Rasse durch selektive Fortpflanzung verbessert werden könne, genauso wie Tiere gezüchtet werden. Wer "gute" Eigenschaften trägt, solle mehr Kinder bekommen. Wer "schlechte" Eigenschaften trägt, weniger oder keine.

Diese Idee war im frühen 20. Jahrhundert keine Randposition. Sie war Mainstream. Universitäten boten Eugenikvorlesungen an. Renommierte Wissenschaftler unterstützten sie. Politiker aller Couleur sahen darin eine Lösung sozialer Probleme: Armut, Kriminalität, Geisteskrankheit.

Das Kernproblem war wissenschaftlich von Anfang an fehlerhaft: Die Annahme, dass Eigenschaften wie Intelligenz, Kriminalitätsneigung oder moralischer Charakter einfach vererbbar seien und durch Selektion kontrolliert werden könnten, widersprach bereits dem damaligen Stand der Genetik, auch wenn viele diesen Widerspruch ignorierten.

Die Vereinigten Staaten als Pionier

Die USA waren kein Nachzügler in der Eugenikbewegung. Sie waren Vorreiter. Indiana verabschiedete 1907 als erster US-Staat ein Zwangssterilisierungsgesetz. Bis 1931 hatten 30 Staaten ähnliche Gesetze.

Der Oberste Gerichtshof der USA bestätigte 1927 in Buck v. Bell die Verfassungsmäßigkeit von Zwangssterilisierungen. In seiner Entscheidung schrieb Richter Oliver Wendell Holmes: "Three generations of imbeciles are enough." Drei Generationen Schwachsinnige genügen. Carrie Buck, die sterilisiert werden sollte, war in Wirklichkeit keine geistig Beeinträchtigte. Sie war arm und hatte vergewaltigt worden.

Insgesamt wurden in den USA schätzungsweise 60.000 bis 65.000 Menschen zwangssterilisiert. Betroffen waren vor allem Menschen, die als geistig zurückgeblieben galten, Strafgefangene, Epileptiker, und unverhältnismäßig oft Schwarze und Arme.

Schweden: Sozialdemokratie und Eugenik

Wenn von Zwangssterilisierung die Rede ist, denken viele an Nazi-Deutschland. Schweden wird selten erwähnt. Dabei war Schweden eines der aktivsten Länder in der Anwendung eugenischer Politik, und das unter einer sozialdemokratischen Regierung, die als fortschrittlich und wohlfahrtsstaatlich galt.

Zwischen 1935 und 1975 wurden in Schweden etwa 63.000 Menschen zwangssterilisiert. Die Mehrheit waren Frauen. Betroffen waren Menschen, die als geistig minderwertig, asozial oder erblich belastet galten. Das schwedische Sterilisierungsgesetz erlaubte Sterilisierungen ohne die Einwilligung der Betroffenen, wenn ein Arzt und eine Behörde zustimmten.

Der schwedische Fall ist besonders aufschlussreich, weil er zeigt, dass Eugenik keine Ideologie der politischen Rechten war. Sie wurde von Links und Rechts gleichermaßen unterstützt, mit unterschiedlichen Begründungen, aber dem gleichen Ergebnis.

Nazi-Deutschland: Eugenik als Staatsdoktrin

In Nazi-Deutschland wurde Eugenik zur zentralen Staatsdoktrin. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses trat am 1. Januar 1934 in Kraft, wenige Monate nach Hitlers Machtübernahme. Es sah Zwangssterilisierung für Menschen vor, die an bestimmten Erbkrankheiten litten: angeborenem Schwachsinn, Schizophrenie, Epilepsie, erblicher Taubheit und Blindheit, schwerem Alkoholismus.

Zwischen 1934 und 1945 wurden in Deutschland schätzungsweise 400.000 Menschen zwangssterilisiert. Erbgesundheitsgerichte entschieden über die Fälle. Widerstand war kaum möglich, Widerspruch galt als politisch verdächtig.

Die Nazi-Eugenik ging über Sterilisierung hinaus. Das T4-Programm, begonnen 1939, sah die systematische Ermordung von Menschen vor, die als "lebensunwert" galten: geistig und körperlich Behinderte. Schätzungsweise 200.000 Menschen wurden im Rahmen dieses Programms getötet. Dieses Programm war eine Vorläufer der systematischen Vernichtung der Juden.

Was Nazi-Deutschland von anderen Ländern unterschied, war nicht die eugenische Grundidee, die hatten viele geteilt. Es war die Radikalität der Umsetzung und die Verbindung mit einer rassistischen Vernichtungsideologie.

Kanada und die indigene Bevölkerung

Kanada hat eine besonders schmerzhaft dokumentierte Geschichte der Zwangssterilisierung indigener Frauen. Während die offiziellen Sterilisierungsprogramme der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ähnlich wie in anderen Ländern liefen, haben Berichte und Klagen aus den 2010er und 2020er Jahren gezeigt, dass Zwangssterilisierungen indigener Frauen in Krankenhäusern bis weit in die 1970er Jahre und möglicherweise darüber hinaus stattfanden.

Viele Frauen berichten, dass sie unter Druck gesetzt wurden, kurz vor oder nach Geburten Sterilisierungsformulare zu unterzeichnen, oft ohne vollständiges Verständnis dessen, was sie unterschrieben. Ein Senatsausschuss empfahl 2021 die Untersuchung dieser Praktiken als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Opfer, die lange unsichtbar blieben

Die Opfer von Zwangssterilisierungen blieben über Jahrzehnte weitgehend unsichtbar. Viele schämten sich für das, was ihnen angetan worden war. Viele verstanden selbst nicht vollständig, was mit ihnen gemacht worden war. Und die Gesellschaft war lange nicht bereit, diese Seite ihrer Geschichte anzuerkennen.

In Schweden begann die öffentliche Auseinandersetzung erst 1997, als die Journalistin Maciej Zaremba in der Zeitung Dagens Nyheter über die Ausmaße berichtete. Die Enthüllungen lösten einen nationalen Schock aus. Die Regierung entschuldigte sich und richtete einen Entschädigungsfonds ein, der jedoch von vielen Betroffenen als unzureichend kritisiert wurde.

In Deutschland erhielten die Opfer des Nazi-Sterilisierungsprogramms bis 1988 keine Entschädigung, und erst 2007 wurden sie offiziell als NS-Opfer anerkannt, was vorher durch juristische Formalisierungen verhindert worden war.

Was die Wissenschaft wirklich wusste

Ein zentrales Element der Geschichte der Zwangssterilisierung ist die Frage, was die zeitgenössische Wissenschaft tatsächlich wusste. Die Antwort ist: mehr als zugegeben wurde.

Genetiker wussten bereits in den 1910er und 1920er Jahren, dass die eugenischen Behauptungen über Erblichkeit stark übertrieben waren. Eigenschaften wie Intelligenz oder Kriminalität sind komplex, von vielen Genen und stark von Umweltfaktoren abhängig. Einfache Selektion würde Generationen dauern, um messbare Auswirkungen zu haben, wenn überhaupt.

Dennoch schwiegen viele Wissenschaftler. Einige aus Überzeugung. Andere aus Karriereinteressen. Wieder andere, weil die eugenische Bewegung gut finanziert war und akademischen Erfolg versprach. Die Rockefeller Foundation, Carnegie Institution und andere große Stiftungen finanzierten eugenische Forschung in den USA und international, einschließlich in Deutschland.

Das Erbe und die Lehren

Die Geschichte der Zwangssterilisierung hinterließ mehrere Lektionen, die bis heute relevant sind.

Erstens: Wissenschaftlicher Konsens schützt nicht vor moralischen Katastrophen. Die eugenische Bewegung hatte den Anschein wissenschaftlicher Legitimität. Das machte sie gefährlicher, nicht sicherer. Kritisches Denken über die Annahmen und Methoden der Wissenschaft ist immer notwendig, auch und gerade wenn ein Konsens zu existieren scheint.

Zweitens: Staatliche Macht über den menschlichen Körper muss begrenzt sein. Wer entscheidet, wer sich fortpflanzen darf und wer nicht? Diese Frage hat keine technische Antwort. Sie ist eine politische und moralische Frage, und wenn sie dem Staat überlassen wird, endet sie regelmäßig mit Katastrophen.

Drittens: Die Opfer marginalisierter Gruppen werden am langsamsten anerkannt. Überall wo Zwangssterilisierungen stattfanden, waren die Opfer überproportional Menschen, die ohnehin wenig gesellschaftliche Macht hatten: Arme, Behinderte, Indigene, Schwarze. Das war kein Zufall.

Die Zwangssterilisierung ist keine Geschichte aus einer fernen Vergangenheit. Das letzte Bundesland in Deutschland, das sein Sterilisierungsgesetz offiziell aufhob, tat dies 1974. In Schweden liefen Sterilisierungen noch 1975. In den USA wurden Gefängnisinsassen noch in den 2000er Jahren ohne vollständige Einwilligung sterilisiert. Diese Geschichte ist jünger als viele wahrhaben wollen.

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