Die dunkle Geschichte Südafrikas unter Apartheid
STELL DIR VOR, du brauchst einen Stempel in deinem Ausweis, um in eine Stadt zu gehen. Du darfst nicht in bestimmten Zonen wohnen, nicht bestimmte Schulen besuchen, nicht an bestimmten Stränden sitzen. Du darfst keine Person einer anderen Rasse heiraten. Wenn du ohne Erlaubnis in einer weißen Zone angetroffen wirst, kannst du verhaftet werden. Das ist kein dystopischer Roman. Das war Südafrika von 1948 bis 1994.
Die Apartheid war kein spontanes System der Unterdrückung. Sie war sorgfältig geplant, gesetzlich verankert, bürokratisch verwaltet, und von einem demokratisch gewählten Parlament eingeführt. Das macht sie in gewisser Weise noch beunruhigender als offene Diktaturen.
Die Ursprünge der Apartheid
Rassentrennung in Südafrika begann nicht 1948. Sie hatte Wurzeln in der Kolonialzeit, zuerst unter der Niederländischen Ostindien-Kompanie im 17. Jahrhundert, dann unter britischer Herrschaft. Gesetze, die die Bewegungsfreiheit von Afrikanern einschränkten, existierten seit dem 19. Jahrhundert.
1948 gewann die Nationale Partei, die Partei der Buren, der weißen Nachkommen niederländischer Einwanderer, die Parlamentswahl. Ihr Wahlprogramm enthielt das explizite Versprechen einer Politik der "Apartheid", was auf Afrikaans Trennung oder Abgesondertheit bedeutet. Die Partei gewann, obwohl die schwarze Mehrheit nicht wählen durfte und die Wahl nur unter weißen Männern stattfand.
Was folgte, war eine systematische Kodifizierung der Rassentrennung in Gesetzen, die jeden Aspekt des Lebens regulierten.
Die Gesetze der Apartheid
Das Bevölkerungsregistrierungsgesetz von 1950 teilte alle Südafrikaner in vier offizielle Rassengruppen ein: Weiß, Farbig (Mixed Race), Indisch, und Bantu (die damalige offizielle Bezeichnung für Schwarze). Diese Einteilung war manchmal willkürlich, Hautfarbe, Haarstruktur und selbst der sogenannte Bleistifttest, bei dem ein Bleistift ins Haar gesteckt wurde, um zu sehen ob er hängen blieb, wurden als Kriterien herangezogen.
Das Gruppengebietegesetz wies Wohngebiete nach Rasse zu. Schwarze wurden aus städtischen Gebieten in weit entfernte Townships umgesiedelt. In Johannesburg entstand Soweto, in Kapstadt Mitchells Plain. Diese Umsiedlungen zerstörten gewachsene Gemeinschaften und trennten Arbeitnehmer weit von ihren Arbeitsplätzen.
Das Passengesetz verpflichtete Schwarze, jederzeit ein Passbook bei sich zu tragen, das ihren Aufenthaltsort, ihren Arbeitgeber, und ihre Erlaubnis in bestimmten Zonen zu sein dokumentierte. Wer ohne oder mit ungültigem Passbook angetroffen wurde, konnte verhaftet werden. Zwischen 1948 und 1990 wurden schätzungsweise 17 Millionen Menschen aufgrund von Passverstößen verhaftet.
Das Unzüchtigkeitsgesetz und das Mischehegesetz verboten Sexualbeziehungen und Ehen zwischen weißen und nichtweißen Südafrikanern. Verstöße wurden strafrechtlich verfolgt.
Die Homelands: ein Konstrukt aus dem Labor
Ein zentrales Element der Apartheid war die Homeland-Politik. Die Regierung schuf zehn sogenannte Homelands oder Bantustans, angebliche nationale Heimatländer für die verschiedenen ethnischen Gruppen der schwarzen Bevölkerung. Sie machten zusammen etwa 13 Prozent des Staatsgebiets aus, obwohl die schwarze Bevölkerung 80 Prozent der Gesamtbevölkerung stellte.
Vier Homelands wurden zu formal unabhängigen Staaten erklärt: Transkei, Bophuthatswana, Venda, und Ciskei, die zusammen als TBVC-Staaten bekannt waren. Kein einziges anderes Land der Welt erkannte ihre Unabhängigkeit an.
Die praktische Konsequenz war verheerend: Schwarze Südafrikaner verloren durch die Homeland-Politik ihre südafrikanische Staatsbürgerschaft und wurden zu Ausländern in ihrem eigenen Land. Sie durften nur als Gastarbeiter in den weißen Gebieten sein, solange sie arbeiteten. Familien wurden zerrissen. Männer lebten in Arbeiterwohnheimen weit von ihren Familien entfernt und konnten diese nur selten besuchen.
Widerstand und Unterdrückung
Widerstand gegen die Apartheid gab es von Beginn an. Der Afrikanische Nationalkongress (ANC), 1912 gegründet, war die älteste und bedeutendste Widerstandsorganisation. Er begann als Lobbygruppe, die mit legalen Mitteln für Rechte kämpfte. Nach dem Massaker von Sharpeville 1960, als die Polizei auf eine friedliche Demonstration schoss und 69 Menschen tötete, verboten die Behörden den ANC. Er operierte fortan im Untergrund und im Exil.
Nelson Mandela, einer der ANC-Führer, gründete zusammen mit anderen den bewaffneten Arm Umkhonto we Sizwe. 1964 wurde er im Rivonia-Prozess wegen Sabotage und Verschwörung zum Sturz der Regierung angeklagt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Er verbrachte 27 Jahre auf Robben Island und in anderen Gefängnissen.
Der Staat antwortete auf Widerstand mit systematischer Repression. Die Sicherheitspolizei überwachte, verhaftete, folterte, und ermordete Aktivisten. Prominente Fälle wie der Tod von Steve Biko 1977 in Polizeigewahrsam, offiziell auf "Hirnverletzungen" zurückgeführt, zeigten das Ausmaß staatlicher Gewalt. Biko war der Gründer des Black Consciousness Movement und einer der einflussreichsten Denker des Widerstands.
Das internationale Echo
Die Apartheid war international umstritten, aber die Reaktionen der westlichen Welt waren lange Zeit lauwarm. Im Kontext des Kalten Krieges galt Südafrika als wichtiger antikommunistischer Verbündeter, und wirtschaftliche Interessen überlagerten moralische Bedenken. Jahrelang unterhielten westliche Staaten normale diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zu Pretoria.
Die internationale Ächtung intensivierte sich erst in den 1970er und besonders 1980er Jahren. Sportboykotte, Wirtschaftssanktionen, und eine breite globale Bewegung erhöhten den Druck. Der Divestment-Bewegung in den USA, die Universitäten und Pensionsfonds drängte, südafrikanische Aktien zu verkaufen, wird eine bedeutende Rolle bei der wirtschaftlichen Isolation des Landes zugeschrieben.
Der Aufstand der 1980er Jahre
Mitte der 1980er Jahre eskalierte der Widerstand im Innern. Jugendproteste, Schulboykotte, Streiks und Guerillaaktionen des bewaffneten Flügels des ANC setzten das Regime unter Druck. Die Regierung verhängte mehrfach den Ausnahmezustand, der umfangreiche Verhaftungen ohne Gerichtsverfahren ermöglichte. Schätzungsweise 30.000 Menschen wurden zwischen 1986 und 1990 ohne Anklage inhaftiert.
Die Wirtschaft litt. Internationale Banken weigerten sich, südafrikanische Schulden zu refinanzieren. Investitionen flossen ab. Die Kosten der Repression und der wirtschaftlichen Isolation wurden untragbar.
Das Ende der Apartheid
1989 kam F.W. de Klerk als Staatspräsident an die Macht. De Klerk überraschte viele mit seiner Bereitschaft zu verhandeln. Am 2. Februar 1990 hielt er eine Parlamentsrede, in der er den ANC und andere verbotene Organisationen legalisierte und die Freilassung politischer Gefangener ankündigte. Neun Tage später, am 11. Februar 1990, verließ Nelson Mandela nach 27 Jahren das Gefängnis.
Die Verhandlungen zwischen der Regierung und dem ANC waren langwierig und schwierig. Gewalt von verschiedenen Seiten, darunter Angriffe, die dem Zulu-Nationalisten Inkatha-Freiheitsbewegung zugeschrieben wurden und für die später staatliche Verwicklung nachgewiesen wurde, bedrohten den Prozess mehrfach.
Am 27. April 1994 fanden die ersten freien Wahlen in Südafrika statt, an denen alle Bürger unabhängig von ihrer Rasse teilnehmen konnten. Der ANC gewann mit 62 Prozent. Nelson Mandela wurde Präsident. Es war das formale Ende der Apartheid.
Die Wahrheits- und Versöhnungskommission
Südafrika wählte für den Übergang einen einzigartigen Weg: nicht Strafverfolgung aller Täter, sondern die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), geleitet von Erzbischof Desmond Tutu. Täter konnten Amnestie beantragen, wenn sie vollständig die Wahrheit über ihre Verbrechen offenbarten.
Die Ergebnisse der TRC waren gemischt. Sie dokumentierte systematische Menschenrechtsverletzungen auf allen Seiten, auch durch den ANC. Sie erzeugte öffentliche Anerkennung von Verbrechen, die sonst im Dunkeln geblieben wären. Kritiker bemängelten, dass viele Täter, darunter hochrangige Politiker und Polizisten, nie vor Gericht standen und dass die Entschädigung der Opfer unzureichend blieb.
Die Apartheid hinterließ strukturelle Ungleichheiten, die bis heute in Südafrika spürbar sind. Landeigentum, Bildung, Einkommen, Wohnverhältnisse: die Muster der Rassentrennung haben sich nicht einfach aufgelöst, weil ein Gesetz abgeschafft wurde. Dreißig Jahre nach dem Ende der Apartheid ist Südafrika eines der ungleichsten Länder der Welt. Das ist das Erbe von 46 Jahren systematischer Unterdrückung.