Die echte Geschichte von Halloween
Nicht Amerika, sondern Irland
Wenn man an Halloween denkt, erscheint zuerst das amerikanische Bild: Kinder in Kostuemen, Kuerbisse mit Fratzengesichtern, Schokolade in Plastikschalen. Aber Halloween ist keine amerikanische Erfindung. Es ist eine Tradition, die uber den Atlantik reiste und sich dabei grundlegend veraenderte. Die Ursprunge liegen in einem keltischen Fest, das vor uber 2.000 Jahren gefeiert wurde: Samhain.
Samhain: das keltische Fest des Endes
Die Kelten, die vor der roemischen Eroberung grosse Teile Westeuropas bewohnten, teilten das Jahr in zwei Halften: die helle Halfte, beginnend im Mai, und die dunkle Halfte, beginnend am 1. November. Samhain, gesprochen etwa "Sah-wen", markierte diesen Ubergang. Es war das Ende des Sommers, das Ende der Ernte und der Beginn der Winternacht.
Fur die Kelten war dieser Ubergangsmoment besonders: Die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten war dunner als sonst. Die Geister der Verstorbenen konnten in die Welt der Lebenden zuruck, und boese Wesen, die Sidhe, konnten in die menschliche Welt eindringen. Das war keine Metapher. Das war ernst gemeint.
Menschen zuendeten grosse Feuer an, trieben das Vieh von den Sommerweiden zuruck und brachten Opfer, um die ubernatuerlichen Machte zu besanftigen. Manchmal liessen sie ein Dankopfer fur die Toten vor der Tur stehen. Der Keim dessen, was spaeter zur "Trick-or-Treat"-Tradition werden sollte.
Rom und die Vermischung der Traditionen
Als die Romer im 1. Jahrhundert n. Chr. die keltischen Gebiete Britanniens und Galliens ubernahmen, brachten sie ihre eigenen Herbstfeste mit. Feralia war ein romisches Fest zur Ehrung der Toten, Pomona feierte die Erntegoettin. Diese Feste fanden ebenfalls im Herbst statt und vermischten sich mit Samhain zu einem kombinierten Brauch.
Hier begann die Entstehung des Apfeltauchens als Halloween-Tradition. Pomona war mit Obst und besonders Aepfeln verbunden. Das Tauchen nach Aepfeln, das heute wie ein albernes Partyspiel aussieht, ist ein Rest dieses romisch-keltischen Mischritus.
Die Kirche ubernimmt und benennt um
Das Christentum breitete sich durch die keltischen Lander aus und hatte ein Problem: Die Menschen feierten Samhain weiterhin. Anstatt das Fest direkt zu verbieten, eine Taktik, die selten funktionierte, ubernahm die Kirche es und fuhrte es mit christlichen Elementen zusammen.
Im 8. Jahrhundert legte Papst Gregor III. den Allerheiligentag auf den 1. November. Der Abend davor wurde zur "All Hallows' Eve", dem Vorabend aller Heiligen. Daraus wurde im Laufe der Zeit "Halloween". Der 2. November, Allerseelen, ehrte die Toten explizit christlich.
Aber die alten Vorstellungen verschwanden nicht. Feuer, Masken, Umzuge und die Idee, dass die Toten in dieser Nacht naher sind, blieben im Volksglauben lebendig. Die Kirche hatte die Verpackung geandert, der Inhalt blieb hartnackig alt.
Masken, Verkleidungen und das Mumming
Warum verkleiden sich Menschen zu Halloween? Die Erklarung reicht weit zuruck. In der keltisch-mittelalterlichen Tradition des "Mumming" verkleideten sich Menschen als Geister oder Verstorbene, um die echten Geister zu verwirren oder zu imitieren. Ein Geist unter Geistern fallt nicht auf.
In Schottland und Irland gab es das "Guising": Kinder und Jugendliche zogen von Tur zu Tur, verkleidet, und boten Lieder, Gedichte oder kleine Vorfuhrungen im Austausch gegen Essen oder Geld. Das war der direkte Vorganger von "Trick or Treat". Nicht in Amerika, sondern auf den Britischen Inseln, Jahrhunderte vor der Auswanderungswelle ins neue Land.
Irische Einwanderer bringen Samhain nach Amerika
Die grosse Einwanderungswelle von Iren in die USA nach der Hungersnot der 1840er Jahre brachte Samhain-Traditionen mit. In Amerika trafen diese Brauche auf andere europaische Einwandererkulturen und auf eine andere soziale Realitat. Das Fest demokratisierte sich und kommerzialisierte sich.
Ende des 19. Jahrhunderts begann Halloween in amerikanischen Staedte zu einer Gemeinschaftsfeier zu werden. Zunaechst war es ein Fest fur Erwachsene und Familien, oft verbunden mit Unfug und Vandalismus. Erst in den 1920er und 1930er Jahren verschob es sich bewusst in Richtung Kinder, als Gemeindefeste und organisierte Trick-or-Treat-Runden den ungeordneten Unfug ersetzen sollten.
Die Kommerzialisierung explodierte in der zweiten Halfte des 20. Jahrhunderts. Heute ist Halloween in den USA der zweitgroesste kommerzielle Feiertag nach Weihnachten, mit einem Umsatz von mehreren Milliarden Dollar.
Der Kurbis: ein sehr amerikanisches Symbol
Der geschnitzte Kurbis mit leuchtendem Gesicht ist so ikonisch fur Halloween, dass er untrennbar mit dem Fest verbunden scheint. Aber er ist relativ jung und sehr amerikanisch. In Irland wurden ursprunglich Rueben ausgehohlt und mit gruseligem Gesicht geschnitzt, eine Tradition, die mit der Legende von "Stingy Jack" verbunden ist, einem schlauen Schmierer, der weder in den Himmel noch in die Holle gelassen wurde und seither mit einer Laterne durch die Nacht wandert.
In Amerika war der Kurbis einfach grosser, bequemer zu schnitzen und uberall verfugbar. Er ubernahm die Rolle der Ruebe vollstandig. Die irische Jack-o'-lantern-Tradition bekam ein amerikanisches Gericht.
Was von Samhain bleibt
Unter der kommerziellen Oberflache, den Kostumen aus dem Supermarkt und dem industriell produzierten Kunstblut, steckt eine 2.000 Jahre alte menschliche Reflex: die Auseinandersetzung mit dem Tod, mit dem Dunkel, mit dem, was nach dem Leben kommt. Samhain war nie ein Fest des Spottes uber den Tod. Es war ein Fest der Anerkennung, dass der Tod real ist und dass die Grenze zwischen Lebenden und Toten dunner ist, als wir mochten.
Halloween, so kommerziell es geworden ist, tragt diese Wurzel noch in sich. Warum sonst faszinieren Geister, Vampire und das Gruselige uns so stark, genau in dieser Nacht?