Wie die Franzosische Revolution eskalierte: Von Reformen zur Terrorherrschaft
Im Sommer 1789 wollten die meisten Franzosen, die fur Veranderung kampften, keine Revolution. Sie wollten Reformen: ein gerechtes Steuersystem, eine Verfassung, mehr Mitsprache fur den dritten Stand. Nur sechs Jahre spater lief die Guillotine auf vollen Touren, der Konig war tot, Tausende Burgerinnen und Burger waren hingerichtet worden, und Frankreich befand sich in einem Terrorregime, das seine eigenen Anstifter frab.
Wie passiert das? Wie wird aus einer Reformbewegung ein Terrorregime?
Die Ausgangslage: Ein bankrottes Konigreich
Frankreich 1788 war technisch pleite. Die Kriegsschulden aus dem Amerikanischen Unabhangigkeitskrieg, an dem Frankreich auf amerikanischer Seite teilgenommen hatte, erdruckten den Staatshaushalt. Ludwig XVI. brauchte dringend neue Steuern. Aber das traditionelle Steuersystem belastete den dritten Stand, also Bauern, Handwerker und das Burgertum, wahrend Adel und Klerus weitgehend steuerfrei blieben.
Um die Steuern zu erhohen, musste Ludwig die Generalstande einberufen, eine Art standisches Parlament, das seit 1614 nicht mehr getagt hatte. Das Dritte Stand sollte reformiert werden. Sofort brach ein Streit aus: Sollte jeder Stand eine Stimme haben (was Adel und Klerus immer uberstimmt hatten), oder sollte nach Kopfen abgestimmt werden (was den dritten Stand mit seinen weit mehr Vertretern bevorteilt hatte)?
Der Dritte Stand weigerte sich, nach altem Muster zu tagen. Am 17. Juni 1789 erklarte er sich zur "Nationalversammlung". Das war der erste grosse Verfassungsbruch.
Der Schwur im Ballhaus und die Bastille
Ludwig sperrte die Nationalversammlung aus ihrem Versammlungsgebude aus. Die Abgeordneten wichen in ein Ballhaus aus und schworen, Frankreich eine Verfassung zu geben. Das war der "Ballhausschwur" vom 20. Juni 1789.
Ludwig gab nach, scheinbar. Aber gleichzeitig zog er Truppen um Paris zusammen. Geruche und echte Informationen uber geplante militarische Auflosung der Nationalversammlung verbreiteten sich. Am 14. Juli stormen Pariser Burgerinnen und Burger die Bastille, ein staatliches Gefangnis, das mehr Symbol als echte Bedrohung war. Zu diesem Zeitpunkt saben nur sieben Gefangene darin.
Die Bastille-Sturmung war das Signal. Sie zeigte, dass die Pariser Strabe in die Revolution eingetreten war. Bauern auf dem Land brannten Herrenhauser nieder. Der Adel begann das Land zu verlassen.
Die erste Phase: Gemabige Revolution 1789-1791
Die erste Phase war alles andere als extrem. Die Nationalversammlung verabschiedete die Abschaffung der Feudalrechte, die Erklarung der Menschen- und Burgerrechte, und arbeitete an einer konstitutionellen Monarchie. Ludwig sollte Konig bleiben, aber mit beschrankten Machten. Es gab reale Reformfortschritte.
Was die Lage destabilisierte, war die Wirtschaft. Die Revolutionsregierung druckte Papiergelder, die sogenannten Assignaten, auf Grundlage enteigneter Kirchengueter. Anfangs funktionierte das. Dann nicht mehr. Inflation und Brotknappheit wurden zu brennenden Problemen.
Dazu kam die "Flucht nach Varennes" im Juni 1791. Ludwig XVI. versuchte mit seiner Familie aus Frankreich zu fliehen, wurde aber erkannt und zuruckgebracht. Das war ein Wendepunkt. Vorher konnte man noch behaupten, der Konig stehe hinter der Revolution. Nach der Flucht glaubte das kaum noch jemand. Das Vertrauen in Ludwig war dauerhaft zerstort.
Krieg und die Radikalisierung
Im April 1792 erklarte Frankreich Osterreich den Krieg. Das war ein fataler Schritt. Einerseits wurden Kriegsziele und nationale Mobilisierung zur Ablenkung von inneren Problemen genutzt. Andererseits verlor Frankreich anfangs militarisch, was Panik erzeugte.
Im August 1792 sturmen Pariser Volksmassen gemeinsam mit Nationalgardisten den Tuileries-Palast. Der Konig wurde verhaftet. Die konstitutionelle Monarchie war de facto beendet. Im September fanden die "Septembermassaker" statt: Aufgehetzte Mobs tStomten Pariser Gerangnisse und toteten uber 1.000 Gefangene, die als Konterrevolutionare verdachtig galten. Es war das erste grosse Massaker der Revolution, ausgefuhrt von der Strabe, nicht von der Regierung.
Im Januar 1793 wurde Ludwig XVI. guillotiniert. Die Stimmen im Nationalkonvent, der die Nationalversammlung abgelost hatte, waren knapp, 361 fur den Tod, 288 dagegen oder fur Aufschub. Es war keine einhellige Entscheidung.
Die Terrorherrschaft: Wie das System sich selbst fraB
Der Wohlfahrtsausschuss, gegrndet im April 1793, wurde das Zentrum der Macht. Maximiliane Robespierre, Georges Danton und ihre Verbundeten dominierten ihn. Ihr Ziel: die Revolution gegen auere Feinde (die europaischen Koalitionsarmeen) und innere Feinde (Royalisten, Girondisten, angebliche Vertader) zu verteidigen.
Das Problem war die Definition von "innerem Feind". Sie wurde immer breiter. Zuerst kamen Royalisten an die Reihe. Dann gemabigt Revolutionare, die Girondisten, die als zu nachgiebig gegenuber dem Konig galten. Dann Dantonisten, Anhanger Dantons, der Robespierre zu extrem fand. Dann bald jedermann, der dem Ausschuss unbequem wurde.
Die Gesetze des "Groen Terrors" vom Juni 1794 entfernten das Recht auf Verteidigung. Angeklagte konnten nicht mehr Zeugen vorladen. Beweise waren nicht mehr erforderlich, der moralische Beweis genugte. Das Ergebnis: In sechs Wochen wurden in Paris uber 1.300 Menschen guillotiniert.
Thermidor: Als die Revolution sich selbst beendete
Am 9. Thermidor (27. Juli 1794) wurde Robespierre selbst verhaftet. Am nachsten Tag wurde er guillotiniert, ohne Prozess, ohne Verteidigung, mit exakt dem Verfahren, das er anderen zugefugt hatte. Mit ihm starben uber 80 seiner Verbundeten.
Was hatte ihn zu Fall gebracht? Die Angst seiner eigenen Kollegen. Niemand im Konvent fuhlte sich mehr sicher. Jeder konnte das nachste Opfer sein. Robespierre hatte Andeutungen gemacht, es gebe Verrater im Ausschuss selbst. Das war zu viel. Die Kollegen entschieden sich, ihn zu eliminieren, bevor er sie eliminierte.
Es war eine klinische politische Selbsterhaltung, keine moralische Erkenntnis. Niemand sagte: "Was wir getan haben, war falsch." Man sagte: "Wer ist als nachstes gefadet, und wie verhindere ich, dass es ich bin?"
Was die Eskalation antrieb
Historiker diskutieren seit Jahrhunderten, warum die Revolution eskalierte. Ein paar Faktoren kehren immer wieder:
Erstens der Kriegsdruck. Frankreich kampfte gegen eine Koalition aus Osterreich, Preuen, Grobritannien und anderen. Der Krieg erzeuge einen realen Sicherheitsdruck, der politisch genutzt wurde, um Repression zu rechtfertigen.
Zweitens die okonomische Krise. Brotmangel und Inflation erzeugten eine radikalisierte Stradenbevolkerung in Paris, die fur extreme MaBnahmen mobilisierbar war. Wer hungert, stimmt leichter fur harte Schritte zu.
Drittens die institutionelle Logik. Wer einmal mit Anschuldigungen an die Macht kommt, muss immer neue Feinde finden, um die eigene Position zu rechtfertigen. Das Terrorregime war ein System, das Feinde brauchte, um sich selbst zu rechtfertigen.
Viertens die fehlende Tradition. Frankreich hatte keine Tradition politischer Opposition, keinen Mechanismus, um zwischen Regierung und Opposition zu unterscheiden. Wer nicht Freund war, war Feind. Das lieb keinen Raum fur gemabigten Dissens.
Das Erbe
Die Franzosische Revolution schuf die modernen Konzepte von Staatsburgertum, Menschenrechten, Nationalismus und dem politischen Links-Rechts-Spektrum, das bis heute genutzt wird. Sie setzte Maßstabe fur moderne Demokratie.
Sie zeigte aber auch, wie schnell politische Systeme kippen konnen, wenn wirtschaftliche Krisen, Kriegsangst und ideologische Radikalitat zusammenkommen. Die Lehre der Terrorherrschaft ist nicht, dass Revolution falsch ist. Sie ist, dass jedes politische System Kontrollmechanismen braucht, die auch dann funktionieren, wenn die politische Temperatur extrem hoch ist.
Die Guillotine stand auf dem Platz de la Revolution. Heute heibt der Platz Place de la Concorde. Eintracht. Die Ironie ist beabsichtigt.