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Das Geheimnis von Stonehenge

Veröffentlicht 2026-06-02·4 Min. Lesezeit

Steine, die Fragen stellen

Auf der Salisbury Plain in Suedengland stehen Steine, die keine Erklaerung schulden und trotzdem keine Ruhe lassen. Stonehenge ist wahrscheinlich das bekannteste prahistorische Monument der Welt. Millionen Menschen besuchen es jedes Jahr. Bucher, Dokumentationen und Theorien ueber seinen Ursprung fullen Regale. Und trotzdem ist das Wesentliche immer noch unbekannt: Warum wurde es gebaut?

Das ist keine Niederlage der Archaologie. Es ist eine Einladung, tiefer hineinzuschauen.

Was wir wirklich wissen

Stonehenge wurde nicht in einem Zug errichtet. Es entstand in mehreren Bauphasen uber mehr als 1.500 Jahre, grob zwischen 3000 und 1500 v. Chr. Die erste Phase war ein kreisformiger Erdwall, kein Steinkreis. Erst spater kamen die Steine.

Die beruehmten Sarsen-Steine, die grossen grauen Blöcke, stammen aus einem Steinbruch bei Marlborough, etwa 25 Kilometer entfernt. Jeder Stein wiegt bis zu 25 Tonnen. Wie Menschen ohne Rad oder Metallwerkzeug diese Steine transportierten und aufrichteten, ist noch immer eine offene Frage. Die Theorien reichen von Holzschlitten uber Wasserwege bis zu genialen Hebelsystemen.

Die blauen Steine, die kleineren Fremdgesteine im Inneren, kommen aus Wales, aus dem Preseli-Gebirge, etwa 250 Kilometer entfernt. Warum wurden Steine uber eine solche Distanz gebracht, wenn lokal Gestein vorhanden war? Die Antwort konnte symbolisch sein: vielleicht hatten diese bestimmten Steine bereits eine heilige Bedeutung an ihrem Ursprungsort.

Der Sonnenkult und die Astronomie

Das, was ueber Stonehenge am sichersten gesagt werden kann: die Anlage ist astronomisch ausgerichtet. Bei der Sommersonnenwende geht die Sonne genau uber dem Heel Stone auf, einem einzelnen Stein nordostlich des Kreises. Die Achse der gesamten Anlage zeigt auf diesen Punkt.

Das war kein Zufall. Es war Absicht. Und es bedeutet, dass die Menschen, die Stonehenge bauten, praexise astronomische Kenntnisse hatten und in der Lage waren, diese Kenntnisse in einem Monument von enormer Grosse und Dauerhaftigkeit zu verankern.

Ob Stonehenge ein Kalender, ein Tempel, ein Observatorium oder alles gleichzeitig war, bleibt offen. Moeglicherweise war die Unterscheidung zwischen diesen Kategorien fuer seine Erbauer nicht sinnvoll. Vielleicht war der Lauf der Sonne selbst das Heilige.

Ein Ort der Toten?

Neue archaologische Funde haben das Bild von Stonehenge grundlegend veraendert. Ausgrabungen zwischen 2003 und 2008 im Rahmen des Stonehenge Riverside Project zeigten, dass die Umgebung voll von menschlichen Uberresten war. Im Aubrey Holes, dem altesten Element der Anlage, wurden Verbrennungsgruben mit kremiertem Knochenmaterial gefunden, das uber Jahrhunderte hinzugefugt wurde.

Das legt nahe, dass Stonehenge zumindest teilweise ein Friedhof war, oder zumindest ein Ort, an dem die Toten eine besondere Rolle spielten. Viele prahistorische Kulturen weltweit verbanden kosmische Ausrichtungen mit Ahnenverehrung. Die Sonnenwende konnte der Moment gewesen sein, an dem Lebende und Tote in Kontakt traten.

Nicht weit entfernt liegt Durrington Walls, eine massive Siedlung, die zur gleichen Zeit wie Stonehenge genutzt wurde. Dort fanden sich Spuren grosser Mahlzeiten und Feste. Die Theorie ist inzwischen weit verbreitet: Durrington Walls war die Stadt der Lebenden, Stonehenge die der Toten.

Wer baute Stonehenge?

Lange wurde angenommen, dass die Druiden Stonehenge errichteten. Das ist historisch falsch. Die Druiden sind eine keltische Tradition aus dem ersten Jahrtausend v. Chr. Stonehenge war zu diesem Zeitpunkt bereits 1.000 bis 2.000 Jahre alt. Die Druiden konnten die Anlage genutzt haben, aber sie haben sie nicht gebaut.

Die Erbauer gehoerten zu den neolithischen und dann fruehbronzezeitlichen Kulturen Britanniens. Sie waren Bauern, keine Jager und Sammler. Sie lebten in Langhausern, bestatten ihre Toten mit Sorgfalt und betrieben Fernhandel uber weite Strecken.

Genetische Forschungen haben ergeben, dass um 2500 v. Chr. eine massive Bevolkerungswelle auf den Britischen Inseln eintraf: die Glockenbecherleute aus dem kontinentalen Europa. Diese Menschen verdrangen oder absorbierten grob 90 Prozent der vorherigen Bevolkerung innerhalb weniger Generationen. Sie wurden Teil der spaten Baugeschichte von Stonehenge. Wer genau welche Phase baute, ist noch immer Gegenstand der Forschung.

Die unbeantworteten Fragen

Warum wurden die blauen Steine uber 250 Kilometer transportiert? Warum genau dieser Standort? Welche Rituale fanden tatsachlich statt? Wie organisierten Menschen ohne Schrift und ohne staatliche Struktur ein solches Bauprojekt uber Generationen hinweg?

Keine dieser Fragen hat eine abschliessende Antwort. Und das ist der Kern des Faszinierenden an Stonehenge. Es ist nicht das groesste prahistorische Monument Europas. Es ist nicht das alteste. Aber es wirft Fragen auf, die die menschliche Vorstellungskraft herausfordern: Was motiviert Menschen dazu, Jahrhunderte lang an einem Ort zu bauen? Was gibt ihnen eine gemeinsame Bedeutung? Was ist heilig genug, um 25 Tonnen Stein 25 Kilometer weit zu bewegen?

Stonehenge heute: zwischen Tourismus und Forschung

Stonehenge ist seit 1986 UNESCO-Weltkulturerbe. Fast 1,5 Millionen Besucher kommen jedes Jahr. Das Monument ist eingezaunt und kann nicht mehr direkt betreten werden, ausser zu besonderen Anlaessen wie der Sommersonnenwende.

Die Forschung geht weiter. Bodenradar-Untersuchungen der vergangenen Jahre haben dutzende bisher unbekannte Strukturen rund um Stonehenge enthuellt: Grubenringe, Barrows, Processionsstrassen. Das Gesamtbild ist viel grosser als die Steine selbst.

2020 wurde berichtet, dass der Stonehenge Bluestonehenge, ein kleinerer Steinkreis direkt am Avon-Fluss, noch bis vor kurzem uebersehen worden war. Jede Generation Archaologen findet etwas Neues.

Was Stonehenge ueber uns sagt

Vielleicht ist die interessanteste Frage nicht: Wer baute Stonehenge? Sondern: Warum koennen wir nicht aufhoren, darueber nachzudenken? Die Steine sprechen etwas Tiefes im Menschen an. Ein Bedurfnis nach Sinn, nach Verbindung mit dem Kosmos, nach etwas, das groesser ist als das eigene Leben.

Stonehenge steht. Die Sonne geht auch dieses Jahr wieder genau dort auf. Und die Fragen bleiben.

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