Die Geschichte der chemischen Kriegsführung
Chemische Kriegsführung gilt allgemein als eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, ein Schrecken der Industrialisierung. Das ist falsch. Menschen haben Chemikalien als Waffen eingesetzt, so lange sie voneinander wissen. Was sich verändert hat, ist nicht die Absicht, sondern die Skala und die Präzision.
Antike Vorläufer
Im Peloponnesischen Krieg, um 428 v. Chr., setzte Sparta bei der Belagerung von Plataea Gemische aus schwefelhaltigem Holz und Pech ein. Das Verbrennen dieser Gemische erzeugte Schwefeldioxid, ein Gas, das die Atemwege angreift, Schleimhäute reizt und bei hoher Konzentration tödlich ist. Ob das ein gezielter Einsatz von Chemikalien als Waffe war oder ein früher Versuch, Befestigungen durch Feuer zu brechen, lässt sich im Nachhinein kaum eindeutig trennen. Der Effekt war ähnlich.
In China entwickelten Militäringenieure ab etwa dem 10. Jahrhundert Geräte, die brennbare Flüssigkeiten oder reizende Substanzen verschossen oder verstreuten. Das "Feuerhuhn", ein mit Chemikalien gefüllter Behälter, wurde auf feindliche Formationen geworfen. Arsenik- und Schwefelgemische wurden bei der Belagerung von Städten in unterirdischen Gängen entzündet, um Verteidiger in Tunneln auszuräuchern.
Im Ersten Kreuzzug nutzten byzantinische Truppen das "Griechische Feuer", eine auf dem Wasser brennende Substanz, deren genaue Zusammensetzung bis heute nicht vollständig rekonstruiert worden ist. Wahrscheinlich enthielt es eine Art Naphtha, Kalk und andere Komponenten. Es ließ sich nicht mit Wasser löschen und brannte auf Schiffen und im Wasser weiter. Das war keine chemische Waffe im modernen Sinn, aber es nutzte die chemischen Eigenschaften der Substanz gezielt.
Erster Weltkrieg: die Industrialisierung des Grauens
Am 22. April 1915 öffneten deutsche Truppen bei Ypern in Belgien 5.730 Zylinder, die zusammen 168 Tonnen Chlorgas enthielten. Eine gelblich-grüne Wolke trieb auf die alliierten Linien zu. Soldaten, die noch nie etwas Ähnliches gesehen hatten, standen ohne Schutz da. Chlorgas greift die Lunge an, erzeugt Flüssigkeit in den Atemwegen und führt zum Erstickungstod. Tausende starben oder erlitten dauerhafte Lungenschäden.
Die Alliierten gaben zurück. Beide Seiten entwickelten schnell neue Kampfstoffe und Schutzmaßnahmen. Phosgen, noch giftiger als Chlor und schwerer zu erkennen, weil es kaum riecht, wurde eingesetzt. Senfgas, eingeführt 1917, wirkt anders: Es ist kein Atemgift im klassischen Sinn, sondern ein Hautkampfstoff. Es verbrennt jede Körperoberfläche, die es berührt, Augen, Haut, Lungen, und tötet langsam über Tage oder Wochen. Es ist kaum zu vermeiden, weil es zu Boden sinkt und in der Kleidung verbleibt.
Bis Kriegsende wurden schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen durch chemische Kampfstoffe verletzt oder getötet. Die Überlebenden trugen oft dauerhafte Schäden davon, Erblindung, Lungenkrankheiten, chronische Schmerzen. Das Entsetzen, das der Gaseinsatz auslöste, prägte die internationale Reaktion der Nachkriegsjahre.
Das Genfer Protokoll und seine Grenzen
1925 verabschiedeten 38 Staaten das Genfer Protokoll, das den Ersteinsatz chemischer und biologischer Waffen im Krieg verbot. Es war ein Fortschritt. Es hatte aber erhebliche Lücken: Es verbot den Einsatz, nicht die Produktion oder den Vorrat. Viele Unterzeichner behielten sich das Recht vor, chemische Waffen einzusetzen, wenn ein Gegner es zuerst tat.
Das Ergebnis: Fast alle Großmächte entwickelten ihre Arsenale weiter, im Geheimen. Der Zweite Weltkrieg wurde, entgegen mancher Erwartungen, ohne groß angelegten Gaseinsatz auf europäischen Schlachtfeldern geführt, wahrscheinlich weil beide Seiten Vergeltung fürchteten und weil die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs die Militärs überzeugt hatten, dass Giftgas taktisch weniger effizient war als angenommen.
Das galt nicht überall. Japan setzte im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg ab 1937 systematisch chemische Waffen ein, darunter Senfgas und Lewisit. Schätzungsweise 50.000 bis 80.000 chinesische Soldaten und Zivilisten wurden durch japanische Chemiewaffen getötet oder verletzt. Die internationale Gemeinschaft reagierte kaum.
Nervenkampfstoffe: eine neue Dimension
1936 entdeckte der deutsche Chemiker Gerhard Schrader, der an Pestiziden arbeitete, versehentlich Tabun, den ersten synthetischen Nervenkampfstoff. Nervenkampfstoffe hemmen das Enzym Acetylcholinesterase. Das führt dazu, dass sich Muskeln unkontrolliert zusammenziehen, die Drüsen übermäßig sekretieren, und der Körper die Kontrolle über Atmung und Herzschlag verliert. Selbst winzige Mengen auf der Haut können tödlich sein.
Deutschland produzierte bis 1945 tausende Tonnen Tabun und Sarin, setzte sie aber nicht ein, weil Hitler, der im Ersten Weltkrieg selbst durch Giftgas verwundet worden war, einen Gegenangriff fürchtete, und weil die Berater ihn irrtümlich glauben ließen, die Alliierten hätten ähnliche Mittel.
Nach dem Krieg holten sich Sowjetunion und USA die deutschen Chemiker und ihre Forschung. Der Kalte Krieg wurde begleitet von riesigen Arsenalen auf beiden Seiten, die nie eingesetzt wurden, aber als Abschreckung dienten.
Irak: wenn Verbote ignoriert werden
1983 und 1988 setzte das Regime Saddam Husseins chemische Waffen im Krieg gegen den Iran und gegen die eigene kurdische Bevölkerung ein. Das Massaker von Halabdscha im März 1988 tötete zwischen 3.200 und 5.000 Kurden innerhalb weniger Stunden durch Senfgas, Sarin, Tabun und Zyklon B. Es war das tödlichste chemische Angriff auf eine Zivilbevölkerung in der Geschichte.
Die Reaktion des Westens war gedämpft. Der Irak galt als Gegengewicht zum Iran. Handelsbeschränkungen und diplomatische Konsequenzen blieben aus. Das sendete ein klares Signal: Das Genfer Protokoll hat keine Durchsetzungsmacht.
Syrien und die Grenzen internationaler Normen
2013 tötete ein Sarin-Angriff in der Nähe von Damaskus Hunderte Zivilisten, nach UN-Schätzungen mindestens 1.429 Menschen. Die Zuschreibung an das Assad-Regime war von vielen westlichen Regierungen als eindeutig bewertet worden. Eine direkte militärische Reaktion blieb trotzdem aus, nach einer Vereinbarung, durch die Syrien dem Chemiewaffenübereinkommen beitrat und einen Teil seiner Bestände vernichtete.
Weitere Angriffe folgten. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) dokumentierte dutzende Vorfälle. Das zeigte das fundamentale Problem internationaler Verbote: Sie funktionieren bei Staaten, die die Norm internalisiert haben oder Konsequenzen fürchten. Bei Staaten in existenziellen Konflikten, oder mit Schutzschild durch Großmächte, haben sie kaum Durchsetzungskraft.
Was chemische Waffen über uns aussagen
Chemische Waffen sind nicht deshalb verboten, weil sie töten. Konventionelle Waffen töten auch. Sie sind verboten, weil sie auf eine Weise töten, die als besonders grausam gilt, langsam, schmerzhaft, unterschiedslos. Sie können nicht auf Kombattanten begrenzt werden. Sie treffen Zivilisten, Kinder, alte Menschen, ohne Unterschied.
Und doch werden sie immer wieder eingesetzt, sobald die Kontrolle nachlässt. Das sagt etwas über die Robustheit internationaler Normen aus, und über das, was Staaten tun, wenn sie glauben, dass niemand sie zur Rechenschaft zieht. Die Geschichte der chemischen Kriegsführung ist auch die Geschichte der Grenzen des Völkerrechts.