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Die Geschichte der biologischen Kriegsführung: Von der Antike bis heute

Veröffentlicht 2026-06-02·5 Min. Lesezeit

Biologische Kriegsführung gilt oft als Phänomen des 20. Jahrhunderts, als Produkt moderner Wissenschaft und staatlicher Grausamkeit. Das stimmt nicht. Menschen nutzten Krankheit und biologische Mittel als Waffe, lange bevor sie den Begriff dafür hatten. Die Geschichte reicht mehr als zweitausend Jahre zurück, und sie ist deutlich düsterer als die meisten Geschichtsbücher zeigen.

Die ersten dokumentierten Fälle

Bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. vergifteten assyrische Heere die Brunnen feindlicher Städte mit einem Pilz, der einen rauschähnlichen Zustand und Verwirrtheit auslöste. Die hethitischen Gesetze aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. erwähnen das absichtliche Einschleppen von kranken Tieren in feindliche Städte, was auf eine noch ältere Praxis hindeutet.

Im griechischen Altertum beschrieb Solon von Athen 590 v. Chr. den Einsatz von Nieswurz (Helleborus), einer giftigen Pflanze, zur Vergiftung des Wasserversorgungssystems von Kirrha während des Ersten Heiligen Krieges. Das funktionierte: die Verteidiger der Stadt wurden durch Durchfall so geschwächt, dass sie kampfunfähig wurden.

Hannibal Barkas ließ während seiner Seeschlacht gegen Eumenes II. von Pergamon um 184 v. Chr. Tonkrüge mit giftigen Schlangen auf feindliche Schiffe werfen. Es war ein unorthodoxes Mittel, aber es funktionierte. Die gegnerische Crew geriet in Panik und die Schlacht war gewonnen.

Die Pest als Waffe im Mittelalter

Die Belagerung von Caffa (heute Feodossija auf der Krim) im Jahr 1346 ist einer der folgenreichsten biologischen Angriffe der Geschichte, auch wenn der Begriff "biologische Waffe" damals nicht existierte. Die Goldene Horde unter Dschanibek belagerte die genuesische Handelsstadt. Als die Pest in ihrem Lager ausbrach und die Belagerung unhaltbar wurde, liefen die Mongolen Pestleichen über die Stadtmauern schleudern.

Was danach geschah, ist Gegenstand historischer Diskussion, aber der Zusammenhang ist plausibel: Genuesische Händler flohen aus Caffa über das Mittelmeer und brachten die Pest mit nach Europa. Der Schwarze Tod tötete zwischen 1347 und 1353 schätzungsweise ein Drittel der europäischen Bevölkerung. Ob die Katapulte in Caffa tatsächlich den entscheidenden Verbreitungsweg darstellten oder ob die Pest ohnehin über Handelswege nach Europa gekommen wäre, bleibt offen. Der Vorfall zeigt aber, dass der Gedanke, Krankheit als Waffe zu nutzen, explizit vorhanden war.

Pocken in der Neuen Welt

Die Konquistadoren brachten Pocken nach Amerika, und der Effekt war vernichtend. Ob das anfangs absichtlich geschah, ist schwer zu belegen. Spätere Fälle sind klarer dokumentiert. Während des Pontiac-Aufstands 1763 schrieb der britische General Jeffrey Amherst in einem Brief an seinen Untergebenen Colonel Henry Bouquet, ob es möglich sei, durch Decken aus dem Pockenkrankenhaus "die Indianer mit diesem Virus zu infizieren". Bouquet antwortete zustimmend und schlug vor, man solle es versuchen.

Fort Pitt, damals belagert, übergab tatsächlich Decken und ein Taschentuch aus dem Lazarett an Delaware-Indianer. Ob ein kausaler Zusammenhang zwischen dieser Übergabe und späteren Pockenausbrüchen besteht, ist wissenschaftlich umstritten. Aber die Absicht war dokumentiert vorhanden.

Das Kaiserliche Japan und Unit 731

Unit 731 war eine geheime Forschungseinheit der Kaiserlich Japanischen Armee, die zwischen 1937 und 1945 in der Mandschurei Experimente an lebenden Menschen durchführte. Die Einheit testete biologische Waffen, darunter Pest, Cholera, Typhus und Milzbrand, direkt an chinesischen Kriegsgefangenen und Zivilisten.

Mindestens 3.000 Menschen starben direkt in den Experimenten. Die tatsächliche Opferzahl durch Feldversuche und Angriffe ist deutlich höher. Japan setzte biologische Waffen in mehreren chinesischen Städten ein: Keimbelastete Flöhe wurden per Flugzeug abgeworfen, was lokale Pestepidemien auslöste.

Nach dem Krieg wurden die verantwortlichen Wissenschaftler von den USA nicht vor Gericht gestellt, sondern ihre Forschungsergebnisse gegen Immunität eingetauscht. General Ishii Shiro, der Gründer von Unit 731, lebte bis 1959 unbehelligt in Japan. Das war keine Fahrlässigkeit: Es war eine bewusste politische Entscheidung der amerikanischen Besatzung, die die Daten für das eigene Biowaffenprogramm nutzen wollte.

Der Kalte Krieg und die Supermächte

Beide Seiten des Kalten Krieges betrieben umfangreiche Biowaffenprogramme. Die USA entwickelten bis 1969 ein Arsenal biologischer Waffen, darunter Botulinum-Toxin, Milzbrand und Q-Fieber. Richard Nixon ordnete 1969 die einseitige Einstellung des Programms und die Vernichtung der Bestände an. 1975 ratifizierten die USA die Biologiewaffenkonvention von 1972.

Die Sowjetunion unterschrieb dieselbe Konvention, baute ihr Programm danach aber heimlich massiv aus. Das Programm namens Biopreparat beschäftigte in Spitzenzeiten über 60.000 Menschen in mehr als vierzig Einrichtungen. Es wurde an waffenfähigen Versionen von Pest, Pocken (nach deren offizieller Ausrottung), Milzbrand und anderen Erregern gearbeitet. Ken Alibek, ein ehemaliger stellvertretender Direktor von Biopreparat, packte nach seiner Überläuferschaft 1992 aus. Sein Buch "Biohazard" ist erschütternd konkret.

Der Sverdlovsk-Zwischenfall von 1979 zeigt, was dabei auf dem Spiel stand: Im sowjetischen Militärlabor Sverdlovsk (heute Jekaterinburg) entwich versehentlich Milzbrand. Mindestens 66 Menschen starben. Die Sowjetunion behauptete jahrelang, es habe sich um Fälle von Fleischvergiftung gehandelt. Erst 1992 gab Boris Jelzin den Unfall zu.

Bioterrorismus in der Praxis

Staatliche Akteure sind nicht die einzigen Bedrohung. 1984 kontaminierte die Rajneeshee-Sekte in Oregon Salat-Bars von zehn Restaurants mit Salmonellen, um eine lokale Wahl zu manipulieren. 751 Menschen erkrankten. Es war der erste große Bioterrorismus-Anschlag auf amerikanischem Boden, und er war erfolgreich in dem Sinne, dass er kaum Aufmerksamkeit erhielt: die Gesundheitsbehörden gingen zunächst von einem natürlichen Ausbruch aus.

Die Milzbrandbriefe nach dem 11. September 2001 töteten fünf Menschen und infizierten siebzehn weitere. Der Täter, Bruce Ivins, war selbst Mitarbeiter des US-Militärlabors USAMRIID in Fort Detrick. Er tötete sich 2008, bevor er angeklagt werden konnte. Der Fall ist bis heute in einigen Punkten ungeklärt.

Der Stand heute

Die Biologiewaffenkonvention von 1972 verbietet Entwicklung, Produktion und Lagerung biologischer Waffen. Sie hat keinen Verifikationsmechanismus. Es gibt keine internationale Behörde, die Verstöße überprüfen kann. Die Konvention läuft auf Vertrauen hinaus, und Vertrauen ist im internationalen System ein knappes Gut.

Besorgniserregend ist der Fortschritt in der Synthetischen Biologie. CRISPR und ähnliche Werkzeuge ermöglichen es, Krankheitserreger gezielt zu modifizieren: resistenter gegen Antibiotika, ansteckender, tödlicher. Was früher teure Staatsinfrastruktur erforderte, ist theoretisch in einem gut ausgestatteten Uni-Labor möglich. Das verändert das Bedrohungsbild grundlegend.

Staatliche Programme laufen weiter, unter anderem in Russland, Nordkorea und Iran, nach allem, was Geheimdienste berichten. Die genauen Kapazitäten sind unbekannt. Was bekannt ist: Die Technologie wird zugänglicher, die Barriere für den Einsatz sinkt, und die Verifikationsmechanismen stagnieren.

Biologische Kriegsführung ist nicht Geschichte. Sie ist Gegenwart, und die kommenden Jahrzehnte werden zeigen, ob die internationale Gemeinschaft sie ernsthaft regulieren kann, oder ob wir nur auf den nächsten Sverdlovsk warten.

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