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Die Geschichte der Kernwaffentests an Menschen

Veröffentlicht 2026-06-02·5 Min. Lesezeit

DIE BOMBE FIEL. Die Piloten sahen den Blitz, die Druckwelle, den Pilz. Was sie nicht sahen: Die amerikanischen Soldaten, die absichtlich in Schützengräben nur wenige Kilometer vom Einschlag entfernt postiert worden waren. Nicht als Fehler. Als Experiment.

Die Geschichte der Strahlenexperimente im Kalten Krieg ist eine Geschichte staatlich sanktionierten Missbrauchs an den eigenen Bürgern, an Soldaten, an Gefangenen, an Patienten in Krankenhäusern, oft ohne deren Wissen oder Einwilligung. Sie wurde jahrzehntelang geheim gehalten.

Atomtests und menschliche Versuchsobjekte

Zwischen 1945 und 1992 führten die USA schätzungsweise 1.054 Atombombentests durch. Die meisten erfolgten in Nevada oder im Pazifik. Viele dieser Tests hatten eine Komponente, die offiziell nicht als Menschenexperiment bezeichnet wurde, es aber faktisch war: Militärpersonal wurde gezielt in die Nähe der Explosionen gebracht, um zu beobachten, wie Soldaten unter atomaren Bedingungen kämpfen konnten.

Bei den Operation Desert Rock-Übungen in Nevada von 1951 bis 1957 wurden zehntausende amerikanische Soldaten in Schützengräben nahe der Testdetonationen postiert. Unmittelbar nach den Explosionen marschierten sie durch das Testgelände. Offizieller Zweck war die Untersuchung des psychologischen Effekts auf die Kampfmoral. Faktisch wurden die Männer Strahlung ausgesetzt, ohne vollständig über die Risiken informiert zu sein.

Viele dieser Männer entwickelten später Krebs. Die US-Regierung kämpfte jahrzehntelang gegen ihre Entschädigungsansprüche. Der Radiation Exposure Compensation Act von 1990 erkannte schließlich bestimmte Krebsarten als Folgeerkrankungen an, aber der Weg dahin war lang und viele Betroffene lebten ihn nicht mehr.

Plutonium-Injektionen ohne Einwilligung

1945 wurden 18 Patienten in amerikanischen Krankenhäusern ohne deren Einwilligung mit Plutonium injiziert. Die Injektionen erfolgten in Krankenhäusern in San Francisco, Chicago, Rochester und anderen Städten. Das Manhattan Project wollte verstehen, wie Plutonium im menschlichen Körper abgebaut wird und bei welchen Dosen es tödlich wirkt.

Die Patienten wurden nicht darüber informiert, was ihnen gespritzt wurde. Viele dachten, sie erhielten eine Behandlung. Einige der Injektionen wurden als "produktive" bezeichnet, was bedeutete, dass die Patienten voraussichtlich lange genug leben würden, um langfristige Daten zu liefern. Andere galten als "terminale" Fälle, bei denen die Forscher davon ausgingen, die Patienten würden bald ohnehin sterben.

Diese Experimente blieben bis 1986 geheim, als Journalisten durch Freedom-of-Information-Anfragen Zugang zu declassifizierten Dokumenten erhielten. Die vollständige Geschichte wurde erst 1993 durch den Bericht der Advisory Committee on Human Radiation Experiments unter der Clinton-Administration öffentlich.

Die Marshallinseln: ganze Bevölkerungen als Messinstrument

Zwischen 1946 und 1958 führten die USA auf dem Bikini-Atoll und Enewetak-Atoll im Pazifik 67 Kernwaffentests durch. Die Bewohner der Marshallinseln wurden vor den Tests umgesiedelt, angeblich vorübergehend. Viele kehrten erst Jahrzehnte später zurück, manche Inseln bleiben bis heute radioaktiv verseucht.

1954 detonierte die USA die Wasserstoffbombe Bravo, die 1000-mal stärker war als die Bombe auf Hiroshima. Radioaktiver Fallout regnete auf die Bewohner des Rongelap-Atolls, die sich noch immer in der Region befanden. Die US-Regierung wusste aus meteorologischen Daten, dass der Fallout die Inseln treffen würde. Die Bevölkerung wurde nicht evakuiert.

Die nachfolgende Untersuchung der Strahlungsschäden an der Bevölkerung wurde als Brookhaven-Studie bezeichnet. Interne Dokumente, die später freigegeben wurden, zeigen, dass Wissenschaftler die Rongelap-Bewohner als eine "ideal study population" bezeichneten, weil sie einer bekannten Dosis Strahlung ausgesetzt gewesen waren. Sie wurden zu Forschungsobjekten, nicht zu Unfallopfern.

Die Raten von Schilddrüsenkrebs, Leukämie und anderen Strahlungserkrankungen unter den Marshallinsulaner sind bis heute erhöht. 2023 entschuldigte sich die USA formell bei den Marshallinseln, aber die Entschädigungszahlungen bleiben weit hinter dem zurück, was Experten für angemessen halten.

Sowjetische Strahlenexperimente

Die Sowjetunion war auf diesem Gebiet nicht zurückhaltender. Die vollständige Geschichte sowjetischer Strahlenexperimente ist bis heute nicht vollständig aufgearbeitet, da viele Archive noch nicht zugänglich sind.

Was bekannt ist: Beim Tscheljabinsk-65-Komplex (Mayak) wurden jahrelang radioaktive Abwässer in den Fluss Tetscha eingeleitet. Die Bewohner der Anrainergemeinden wurden nicht informiert und tranken und bewässerten ihre Felder mit dem verseuchten Wasser. Wissenschaftler der Anlage beobachteten die gesundheitlichen Auswirkungen systematisch. Die Bevölkerung war das Experiment.

1957 explodierte ein Behälter mit radioaktivem Abfall im Mayak-Komplex, ein Unfall ähnlichen Ausmaßes wie später Tschernobyl, aber weitgehend unbekannt. Die betroffene Bevölkerung wurde evakuiert, aber die gesundheitlichen Langzeitstudien an den Evakuierten wurden Teil wissenschaftlicher Veröffentlichungen, ohne dass die Probanden vollständig über ihren Status informiert waren.

Amerikanische Experimente in der Psychiatrie und in Gefängnissen

Strahlenexperimente beschränkten sich nicht auf militärische Kontexte. Im Laufe der 1940er bis 1970er Jahre wurden verschiedene Gruppen Strahlung ausgesetzt, die kaum in der Lage waren, sich zu wehren.

Im Fernald State School für geistig behinderte Kinder in Massachusetts wurden in den 1940er und 1950er Jahren Kinder ohne Einwilligung ihrer Eltern mit radioaktiv markiertem Haferbrei gefüttert, um Untersuchungen zur Nährstoffaufnahme durchzuführen. Das Experiment wurde von MIT-Forschern mit Unterstützung der Quaker Oats Company durchgeführt.

In staatlichen Gefängnissen in Oregon und Washington wurden in den 1960er Jahren Insassen mit Strahlung an den Hoden bestrahlt, um die Auswirkungen auf die Spermienproduktion zu untersuchen. Die Gefangenen wurden zwar gefragt, ob sie teilnehmen wollten, und erhielten kleine Geldbeträge, aber ihr Einwilligungsprozess war in einem Umfeld eingeschränkter Freiheit kaum freiwillig zu nennen.

Die Advisory Committee und die öffentliche Aufarbeitung

Unter Präsident Clinton wurde 1994 die Advisory Committee on Human Radiation Experiments eingesetzt, geleitet von der Bioethikerin Ruth Faden. Das Komitee untersuchte Tausende Dokumente und kam zu dem Schluss, dass Tausende Amerikaner ohne ihre Einwilligung oder mit unzureichender Aufklärung Strahlungsexperimenten ausgesetzt worden waren.

Der Bericht dokumentierte nicht nur einzelne Verbrechen, sondern ein systemisches Versagen: fehlende ethische Aufsicht, das Primat der staatlichen Sicherheitsinteressen über individuelle Rechte, und die Bereitschaft von Wissenschaftlern und Behörden, vulnerable Gruppen als Versuchsobjekte zu nutzen.

Clinton entschuldigte sich öffentlich. Einige Opfer erhielten Entschädigungen. Viele hatten die Aufarbeitung nicht erlebt.

Das ethische Erbe

Die Strahlenexperimente des Kalten Krieges hatten direkte Auswirkungen auf die Entwicklung biomedizinischer Ethik. Der Nuremberg-Kodex von 1947, entstanden als Reaktion auf die Nazi-Experimente, hatte klare Regeln für menschliche Experimente festgelegt: informierte Einwilligung ist unabdingbar. Diese Regeln wurden von amerikanischen Behörden im Namen der nationalen Sicherheit konsequent ignoriert.

Die Belmont-Grundsätze von 1979, die Respekt für Personen, Wohltun, und Gerechtigkeit als Grundprinzipien medizinischer Forschung festlegten, entstanden auch im Kontext einer wachsenden Erkenntnis, dass staatlich finanzierte Forschung ohne ethische Kontrollen gefährlich ist.

Was bleibt, ist eine nüchterne Erkenntnis: Die Bereitschaft, Menschen als Mittel zu Zwecken zu behandeln, ist nicht auf totalitäre Systeme beschränkt. Sie entsteht überall dort, wo staatliche Interessen groß genug erscheinen, die Kosten auf andere abzuwälzen, und wo die Betroffenen keine Macht haben, sich zu wehren. Die Opfer der Strahlenexperimente waren arm, krank, inhaftiert, oder weit weg von den Orten der Macht. Das war kein Zufall.

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