history

Die Geschichte der Tataren

Veröffentlicht 2026-06-02·5 Min. Lesezeit

Wer heute von Tataren spricht, meint meist die turksprachigen Muslime der Wolgaregion oder der Krim. Wer im Mittelalter von Tataren sprach, meinte etwas anderes: eine Bedrohung aus dem Osten, die Europa bis ins Mark erschütterte. Der Name hat sich durch die Jahrhunderte erhalten, aber sein Inhalt hat sich völlig verändert. Das ist die Geschichte eines Volkes, das mehrere Identitäten durchlaufen hat.

Die ursprünglichen Tataren

Der Name "Tatar" bezeichnete ursprünglich einen mongolischen Stamm, der im Nordosten der heutigen Mongolei lebte. Sie waren keine Verbündeten von Temüdschin, dem späteren Dschingis Khan. Sie waren Feinde. Temüdschin hatte persönliche Gründe, sie zu hassen: Tataren hatten seinen Vater vergiftet.

Als Temüdschin in den frühen 1200er Jahren die mongolischen Stämme unter seine Kontrolle brachte, wurden die Tataren besiegt und ein großer Teil von ihnen getötet. Die Überlebenden wurden in die mongolischen Heere integriert. Der Name Tatar verschwand als Stammesbezeichnung fast vollständig aus dem mongolischen Kernland.

Warum existiert er dann weiter? Weil europäische und chinesische Quellen den Namen auf die Mongolen als Ganzes anwandten. Für die Menschen in Persien, in Osteuropa und im Heiligen Römischen Reich war der Unterschied zwischen Mongolen und Tataren irrelevant. Es kam ein Heer aus dem Osten. Man nannte es, wie man konnte. Der Name Tatar setzte sich durch.

Der Einfall in Europa

Im Jahr 1241 stießen mongolische Heere unter Batu Khan und dem Feldherrn Subutai in das Herz Europas vor. Polen, Ungarn, Kroatien: Die Armeen Osteuropas wurden in schneller Folge besiegt. Liegnitz in Schlesien und Muhi in Ungarn waren die entscheidenden Schlachten. Die Mongolen drangen bis an die Adria vor.

Dann zogen sie sich zurück. Nicht weil sie besiegt worden wären, sondern wegen des Todes des Großkhans Ögedei in der fernen Mongolei. Die Herrschaft über das Gesamtreich erforderte die Anwesenheit der Führung. Europa war gerettet durch Zufall, nicht durch militärische Stärke.

Was blieb, war der Name. In europäischen Quellen wurde "Tartari" zu einem Begriff für alles Mongolische und später für alles nomadisch Asiatische. Die Schreibweise "Tartaren" mit einem zusätzlichen r geht auf eine bewusste oder unbewusste Verbindung mit "Tartaros", dem griechischen Unterweltbegriff, zurück. Man suchte ein Wort für das Entsetzen, das die Invasoren hinterlassen hatten, und fand es in der Mythologie.

Die Goldene Horde

Batu Khan gründete nach dem Rückzug aus Europa das westliche Mongolenkhanat, das als Goldene Horde bekannt wurde. Es umfasste die Steppen nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meeres, die untere Wolga und weite Teile Zentralasiens. Dieses Khanat dominierte für über zwei Jahrhunderte die russischen Fürstentümer, die tributpflichtig waren.

Die Goldene Horde war kein stabiles Gebilde. Sie durchlief interne Machtkämpfe, Spaltungen und Bürgerkriege. Aber in ihrer Hochphase kontrollierte sie den Handel zwischen Europa und Asien, erhob Tribute und beeinflusste die politische Entwicklung der russischen Fürstentümer nachhaltig. Moskau stieg unter dem Schutz der Horde auf, weil die Moskauer Fürsten geschickt Beziehungen pflegten und Tribute pünktlich zahlten.

Ein entscheidender Wandel vollzog sich in der Religion. Khan Özbeg, der die Goldene Horde in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts regierte, konvertierte zum Islam und machte ihn zur Staatsreligion. Damit begann die Islamisierung der Steppen-Tataren, ein Prozess, der die turksprachigen Nomaden des westlichen Eurasiens dauerhaft prägte.

Der Zerfall und die Nachfolgekhanate

Im 15. Jahrhundert zerbrach die Goldene Horde. Es entstanden mehrere unabhängige Khanate: Kasan an der mittleren Wolga, Astrachan an der unteren Wolga, die Krim, das sibirische Khanat und weitere kleinere Einheiten. Diese Khanate waren turksprachig, muslimisch und führten die kulturelle Identität der Steppen-Tataren weiter.

Das Khanat Kasan war das bedeutendste. Es kontrollierte die Handelsrouten der Wolga und war ein direkter Nachbar des aufsteigenden Moskauer Fürstentums. 1552 eroberte Iwan der Schreckliche Kasan nach einer langen Belagerung und beendete die tatarische Unabhängigkeit an der Wolga. Die symbolische Bedeutung war enorm: Der russische Zar präsentierte sich als Sieger über die Erben Dschingis Khans.

Das Krimkhanat überlebte länger. Es existierte als osmanischer Vasall bis 1783, als Katharina die Große die Halbinsel annektierte. Die Krimtataren blieben als Bevölkerungsgruppe bestehen, wurden aber durch russische Kolonialpolitik zunehmend marginalisiert.

Die Tataren im Russischen Reich

Die Eingliederung tatarischer Gebiete in das russische Reich verlief über Jahrhunderte und war nicht linear. Es gab Phasen der Kooperation, in denen tatarische Adlige russische Militärdienste übernahmen und in den Adelsstand integriert wurden. Es gab Phasen der Unterdrückung, in denen Bekehrungsdruck, Landenteignungen und Einschränkungen der Religionsausübung die Bevölkerung trafen.

Die Wolgatataren entwickelten im 18. und 19. Jahrhundert eine eigene Reformbewegung, den Dschadidismus. Tatarische Intellektuelle forderten Modernisierung des islamischen Bildungswesens, Emanzipation und kulturelle Erneuerung. Kasan wurde zu einem intellektuellen Zentrum, das weit über die tatarische Gemeinschaft hinaus wirkte. Viele Konzepte des modernen türkischen Nationalismus haben Wurzeln im tatarischen Reformdenken des 19. Jahrhunderts.

Das 20. Jahrhundert: Deportation und Überleben

Das dunkelste Kapitel der tatarischen Geschichte im 20. Jahrhundert war die Deportation der Krimtataren durch Stalin. 1944, während des Zweiten Weltkriegs, befahl Stalin die vollständige Zwangsumsiedlung aller Krimtataren nach Zentralasien, vor allem nach Usbekistan. Der Vorwurf: Kollaboration mit den deutschen Besatzern. Die Realität war kollektive Bestrafung eines ganzen Volkes.

Schätzungen zufolge starben in den ersten Jahren nach der Deportation durch Hunger, Kälte und Krankheit zwischen 18 und 46 Prozent der Deportierten. Die genauen Zahlen sind umstritten, weil sowjetische Archive lange nicht zugänglich waren. Die Krimtataren wurden erst 1989 offiziell rehabilitiert und durften in die Heimat zurückkehren.

Die Wolgatataren hatten eine andere, aber nicht weniger schwierige Geschichte. Die Sowjetisierung bedeutete Kollektivierung, Verfolgung religiöser Praxis und Einschränkung kultureller Autonomie. Gleichzeitig hatten die Wolgatataren eine eigene Sowjetrepublik, Tatarstan, was gewisse institutionelle Strukturen ermöglichte.

Die Tataren heute

Tatarstan ist heute eine Republik innerhalb der Russischen Föderation mit beträchtlicher kultureller Autonomie. Die tatarische Sprache hat offiziellen Status, es gibt tatarische Medien, Schulen und eine eigene Kulturindustrie. Kazan ist die Hauptstadt und eine der größten Städte Russlands.

Die Krimtataren befinden sich seit der russischen Annexion der Krim 2014 erneut in einer schwierigen Lage. Berichte über Einschränkungen ihrer Versammlungsfreiheit, Verfolgung von Aktivisten und Druck auf ihre Institutionen prägen die Situation. Geschichte wiederholt sich selten exakt, aber die Krimtataren sind ein Volk, das in der Erfahrung kollektiver Gefährdung durch mächtige Nachbarn geübt ist.

Die Geschichte der Tataren ist eine Geschichte der Transformation. Von einem besiegten Steppenstamm zum Schreckensbegriff für Europa, von Herrschern der Goldenen Horde zu Untertanen des Zaren, von deportierten Überlebenden zu einer modernen Gemeinschaft mit globalem Bewusstsein. Was bleibt, ist ein Name, der mehr Geschichte trägt, als man auf den ersten Blick sieht.

Die Geschichte der Tataren – Skriuwer.com