Die Geschichte des Gladiatorenkampfs in Rom
DAS BILD IST IKONISCH: Ein Kämpfer liegt am Boden, der andere hält eine Klinge über ihm, und 50.000 Menschen im Kolosseum warten auf das Zeichen des Kaisers. Daumen hoch oder Daumen runter. Leben oder Tod.
Dieses Bild ist fast vollständig falsch. Die Geschichte des Gladiatorenkampfes ist komplizierter, interessanter, und in mancher Hinsicht seltsamer als das, was Hollywood daraus gemacht hat.
Die Ursprünge: Begräbnisopfer und Ritual
Gladiatorenkämpfe entstanden nicht als Unterhaltung. Ihre Wurzeln liegen in Begräbnisritualen, möglicherweise etruskischen Ursprungs. Bei der Beisetzung bedeutender Männer wurden Kämpfe ausgetragen, anfangs möglicherweise mit dem rituellen Tod als Opfer für den Verstorbenen.
Das erste dokumentierte Gladiatorengefecht in Rom fand 264 vor Christus statt, beim Begräbnis des Decimus Junius Brutus Pera. Drei Paare kämpften miteinander. Es waren keine Sklaven oder Gefangenen, die Identität der ersten Gladiatoren ist unklar.
Im Laufe der Republik entwickelten sich die Kämpfe von privaten Ritualen zu öffentlichen Spektakeln. Politiker und Generäle, die Feldzüge gewonnen hatten und politisches Kapital aufbauen wollten, veranstalteten immer größere Spiele. Julius Caesar veranstaltete 65 vor Christus als Aedil Spiele, bei denen 320 Paare kämpften. Das Spektakel war so groß, dass der Senat danach die Anzahl der Gladiatoren bei privaten Spielen gesetzlich beschränkte.
Wer wurden Gladiatoren?
Die populäre Vorstellung ist: Sklaven wurden gezwungen zu kämpfen. Die historische Realität ist differenzierter. Gladiatoren kamen aus verschiedenen Quellen.
Kriegsgefangene bildeten eine frühe und bedeutende Gruppe. Besonders nach größeren Feldzügen wurden Gefangene in die Arenen geschickt. Nach dem Dritten Punischen Krieg, nach der Niederschlagung des Spartakusaufstandes, nach jüdischen Aufständen im ersten Jahrhundert nach Christus: Gefangene wurden zu Gladiatoren.
Sklaven wurden von Sklavenhändlern an Gladiatorenschulen verkauft oder von ihren Herren dorthin geschickt. Aber das war nur ein Teil des Bildes.
Ein erheblicher Anteil der Gladiatoren waren freie Männer, die sich freiwillig verpflichteten, auctorati genannt. Sie unterzeichneten einen Vertrag, der ihnen Unterkunft, Verpflegung, medizinische Versorgung, und Lohn garantierte. Im Gegenzug akzeptierten sie die vollständige Disziplin des Gladiatorenlebens und die Verpflichtung zu kämpfen.
Warum meldeten sich freie Männer freiwillig? Die Gründe waren vielfältig: Schulden, Armut, Abenteuerlust, der Wunsch nach Ruhm. Erfolgreiche Gladiatoren wurden Berühmtheiten mit Fangemeinden, Sponsoren, und dem Status moderner Sportidole.
Die Gladiatorenschulen: Ausbildung und Leben
Die Gladiatorenschulen, Ludi genannt, waren gut organisierte Einrichtungen mit einem klar strukturierten Ausbildungsprogramm. Die größte und bedeutendste, die Ludus Magnus direkt neben dem Kolosseum in Rom, hatte Platz für schätzungsweise 2000 Kämpfer.
Die Ausbildung war intensiv und spezialisiert. Gladiatoren wurden in bestimmte Typen eingeteilt, jeder mit eigenem Rüstungsstil, eigenen Waffen, und eigenen Kampftechniken. Der Secutor kämpfte mit Helm, Schild und Schwert gegen den Retiarius, der mit Netz, Dreizack, und Dolch bewaffnet war. Der Murmillo mit schwerem Schild und Helm trat gegen den Thraex an, der einen kleinen Schild und einen gebogenen Dolch trug. Diese paarungen waren nicht zufällig, sie bauten aufeinander auf und erzeugten visuell interessante Kontraste.
Die medizinische Versorgung in den Gladiatorenschulen war für antike Verhältnisse bemerkenswert. Archäologische Ausgrabungen eines Gladiatorenfriedhofs in Ephesus (heute Türkei) zeigten, dass die Gladiatoren gut versorgt worden waren. Knochen zeigten gut verheilte Verletzungen, professionelle chirurgische Eingriffe, und eine Ernährung reich an Kohlenhydraten, was modernen Sportdiäten im Konzept ähnelt.
Die Kämpfe: Spektakel und Regeln
Ein Gladiatorenkampf war kein unkontrollierter Nahkampf auf Leben und Tod. Er war ein reguliertes Spektakel mit Regeln, Schiedsrichtern, und einem Sicherheitssystem.
Kämpfe wurden von einem Schiedsrichter, dem Summa Rudis, überwacht. Er konnte Kämpfe unterbrechen, wenn ein Gladiator hinfiel, sich ergab oder verletzt war. Er konnte Punkte für gutes Kämpfen vergeben oder Abzüge für unehrenhafte Methoden.
Die Frage des Todes eines unterlegenen Gladiators ist ebenfalls komplizierter als das Hollywood-Bild. Archäologische und inschriftliche Evidenz zeigt, dass die Mehrheit der Kämpfe keine Todesopfer forderte. Der unterlegene Kämpfer, wenn er sich ergab, reckte einen Finger aus, ein Zeichen für missio, Gnade. Der Veranstalter der Spiele entschied dann über Leben und Tod, oft unter Berücksichtigung der Reaktion des Publikums.
Aus wirtschaftlicher Sicht war es sinnlos, einen gut ausgebildeten Gladiator zu töten: Die Ausbildung war teuer, und die Veranstalter bezahlten hohe Summen für die Nutzung der Kämpfer. Ein toter Gladiator war ein verlorenes Investment. Inschriften zeigen, dass Kämpfer über viele Kämpfe und Jahre hinweg überlebten, manche bis zu 30 Kämpfe absolviert haben sollen.
Der Daumen und das Zeichen
Das berühmte Zeichen des Kaisers, Daumen hoch für Leben, Daumen runter für Tod, ist eine Erfindung der Neuzeit, popularisiert durch ein Gemälde des französischen Malers Jean-Leon Gerome von 1872. Die antiken Quellen sind unklar darüber, welche genauen Gesten verwendet wurden. Pollice verso bedeutet in der lateinischen Quelle etwa "mit gewendetem Daumen", aber in welche Richtung und mit welcher Bedeutung ist nicht eindeutig überliefert.
Gladiatoren als Stars
Erfolgreiche Gladiatoren genossen eine ambivalente gesellschaftliche Position. Rechtlich und moralisch galten sie als infames, Menschen ohne bürgerlichen Anstand, vergleichbar mit Prostituierten und Schauspielern. Sie verloren mit dem Eintritt in die Gladiatorenschule formal bestimmte Bürgerrechte.
Gleichzeitig waren sie Volkshelden. Ihr Bildnis erschien auf Lampen, Amphoren, Mosaiken, und Gemmen. Frauen schwärmten für sie. Graffiti in Pompeji nennt spezifische Gladiatoren mit Lobpreisungen, die an heutige Fanzeitschriften erinnern.
Der historisch bekannteste Gladiator, Spartakus, war ein thrakischer Kriegsgefangener, der 73 vor Christus zusammen mit anderen Gladiatoren aus einer Schule in Capua floh und einen Sklavenaufstand anführte, der zwei Jahre lang die römische Armee beschäftigte. Spartakus ist ein Extremfall: die meisten Gladiatoren rebellierten nicht, sondern strebten nach Freiheit durch Erfolg in der Arena.
Frauen in der Arena
Weniger bekannt ist, dass es auch Gladiatorinnen gab, Gladiatrices. Sie sind in antiken Quellen erwähnt und auf einem Relief in Halikarnassos dargestellt. Ihr Kampf scheint vor allem als Spektakel im Kontext von Kuriosität und Unterhaltung stattgefunden zu haben, nicht als ernstgenommener Wettkampf. Kaiser Domitian soll Frauen bei Nacht, im Fackellicht, kämpfen lassen haben.
Im Jahr 200 nach Christus verbot Kaiser Septimius Severus Gladiatorenkämpfe von Frauen, ein Zeichen, dass sie bis dahin verbreitet genug waren, um ein Verbot zu erfordern.
Das Ende der Gladiatorenspiele
Das Ende der Gladiatorenspiele war kein plötzliches Verbot. Es war ein langsamer Niedergang, der sich über Jahrzehnte erstreckte. Mit der Christianisierung des Reiches veränderte sich die offizielle Haltung zur Gewaltunterhaltung. Kaiser Konstantin erließ 325 nach Christus ein Dekret, das Gladiatorenkämpfe verbot, aber das Dekret wurde nicht effektiv durchgesetzt.
Der letzte dokumentierte Gladiatorenkampf im Kolosseum fand 404 nach Christus statt. Der Mönch Telemachus soll, laut kirchlicher Überlieferung, in die Arena gesprungen sein, um die Kämpfer zu trennen, und dabei von der aufgebrachten Menge getötet worden sein. Kaiser Honorius soll daraufhin die Gladiatorenspiele verboten haben.
Tierkämpfe, Venationes, dauerten länger, bis mindestens ins 6. Jahrhundert. Das Kolosseum selbst blieb für Jahrhunderte ein Mittelpunkt des städtischen Lebens, wurde als Steinbruch genutzt, als Festung, als Kirchhof. Was von ihm übrig ist, ist immer noch eines der beeindruckendsten Bauwerke der Antike, und die Geschichte, die es bezeugt, ist weniger einfach als das Klischee, das wir mit ihm verbinden.