Die Geschichte des Mongolenreichs
Ein Nomadenvolk verändert die Welt
Im Jahr 1206 versammelten sich die Stammesfuersten der mongolischen Steppe zu einem Kurultai, einem grossen Rat. Sie erklaerten Temujin zum Dschingis Khan, zum "universalen Herrscher". Zu diesem Zeitpunkt kontrollierten die Mongolen nicht mehr als die Steppen zwischen dem Altai-Gebirge und dem Amur-Fluss. Ein Jahrhundert spaeter erstreckte sich ihr Reich vom Pazifik bis an die Grenzen Polens und Ungarns.
Wie war das moeglich? Was machte eine Gruppe nomadischer Hirtenstamme zur toedlichsten Militaermacht der mittelalterlichen Welt?
Dschingis Khan: der Mann hinter dem Mythos
Temujin wurde um 1162 geboren, in eine Welt aus staendiger Stammesgewalt. Sein Vater wurde vergiftet, als er noch ein Kind war. Seine Familie wurde von den eigenen Gefolgsmenschen verlassen und liess sich fast verhungern. Er selbst wurde als Jugendlicher versklavt. Sein Leben bis zum Alter von etwa 30 Jahren war eine Abfolge von Ueberleben, Allianzen und Gegenschlaegen.
Was ihn von anderen Stammesfuersten unterschied, war nicht Brutalitaet, sondern Organisation. Er schaffte das Stammes-System der Mongolen teilweise ab und ersetzte es durch ein Loyalitaetssystem, das auf persoenlicher Bindung an ihn selbst beruhte. Er befoerderte Maenner nach Verdienst, nicht nach Geblut. Er integrierte besiegte Feinde in sein Heer, anstatt sie zu toeten. Das war revolutionaer.
Die militaerische Maschine
Das mongolische Heer war in seiner Zeit unuebertroffen. Nicht wegen ueberlegener Waffen, sondern wegen Geschwindigkeit, Disziplin und Anpassungsfahigkeit. Mongolische Reiter konnten pro Tag 100 Kilometer und mehr zuruecklegen, weit mehr als jede zeitgenoessische Armee. Jeder Kaempfer hatte mehrere Pferde. Das Heer zog keinen schweren Tross mit sich.
Die Mongolen lernten schnell. Als sie auf befestigte Staedte trafen, holten sie chinesische und persische Ingenieure, die Belagerungsmaschinen bauten. Als sie auf Seestreitkraefte trafen, liessen sie sich Flotten konstruieren. Wenn eine Taktik nicht funktionierte, wurde sie geandert.
Sie waren auch Meister der psychologischen Kriegsfuehrung. Staedte, die sich kampflos ergaben, wurden verschont. Staedte, die Widerstand leisteten, wurden oft vollstaendig ausgeloescht. Diese Botschaft verbreitete sich schnell – und viele Feinde kapitulierten, bevor ein Pfeil abgeschossen wurde.
Der Feldzug nach Westen: das Ende der islamischen Welt
1219 wandte sich Dschingis Khan gegen das Khwarezm-Reich, ein maechtiges islamisches Imperium in Zentralasien. Der Ausloeser war die Hinrichtung mongolischer Handelsgesandter durch den Khwarezm-Shah. Dschingis nahm das persoenlich. Was folgte, war eine der groessten Verwuestungen der Geschichte.
Samarkand, Buchara, Merv, Nishapur, Balkh – Staedte, die zu den groessten und kulturell reichsten der Welt gehoerten, wurden in Schutt und Asche gelegt. Merv galt damals als eine der groessten Staedte des Orients. Nach der mongolischen Einnahme im Jahr 1221 sollen nach zeitgenoessischen Quellen Hunderttausende Menschen getoetet worden sein. Moderne Historiker diskutieren die genauen Zahlen, aber die Dimension der Zerstorung ist unbestritten.
Bagdad fiel 1258 unter Hulagu Khan. Der letzte Abbasidenkalif wurde hingerichtet. Die Bibliotheken, die Jahrhunderte des islamischen Wissens bewahrten, wurden verbrannt. Manche Historiker sehen dieses Datum als das Ende des islamischen goldenen Zeitalters.
Die Pax Mongolica: die andere Seite
Es waere falsch, das Mongolenreich nur als Vernichtungsmaschine zu beschreiben. Auf dem Hoehepunkt seiner Macht, nach den grossen Eroberungen, schuf es etwas Bemerkenswertes: eine Zone relativer Sicherheit, die den Handel ueber den gesamten eurasischen Kontinent ermoeglichte.
Die Seidenstrasse bluhte auf wie nie zuvor. Marco Polo konnte von Venedig bis nach China reisen und zuruck. Technologien, Ideen, Krankheiten und Menschen bewegten sich von einem Ende des Kontinents zum anderen. Chinesisches Schiesspulver kam nach Europa. Persische Verwaltungspraktiken verbreiteten sich ostwarts.
Die Mongolen selbst hatten kaum ideologische Praeferenzen in Religionsfragen. In ihrem Reich praktizierten Buddhisten, Muslime, Christen, Schamanisten und Konfuzianer nebeneinander. Toleranz aus pragmatischen Gruenden, aber dennoch Toleranz.
Das Ende kommt von innen
Dschingis Khan starb 1227. Das Reich wurde unter seinen Soehnen und Enkeln aufgeteilt. Daraus entstanden vier separate Khanate: das Yuan-Reich in China, die Ilchane in Persien, das Tschagatai-Khanat in Zentralasien und die Goldene Horde in Russland und dem Westen.
Diese Teilreiche bekampften sich gegenseitig. Und alle standen vor demselben Problem: Wie regiert man ein sesshaftes Volk, wenn man selbst aus einer Nomadentradition stammt? Die Antwort war meist: man uebernimmt die lokale Kultur. Die Mongolen in China wurden Chinesen. Die Mongolen in Persien wurden Muslime. Die Goldene Horde wurde teilweise turkisiert und islamisiert.
Das Mongolenreich loste sich nicht durch einen grossen Schlag auf. Es verschmolz einfach mit der Welt, die es erschaffen hatte.
Die Schwarze Pest: das unbeabsichtigte Vermaechtnis
Das Monster unter den Vermachtnissen der Mongolen war biologisch. Die Handelswege der Pax Mongolica verbanden Reservoir-Populationen von Yersinia pestis, dem Pestbazillus, mit menschlichen Bevoelkerungen in Europa und im Nahen Osten, die nie zuvor damit in Kontakt waren.
Die Schwarze Pest, die ab 1347 Europa verwueste, reiste auf jenen Routen, die mongolischer Handel geoffnet hatte. Ein Drittel der europaischen Bevolkerung starb innerhalb weniger Jahre. Ob man das den Mongolen "anlasten" kann, ist eine philosophische Frage. Aber die Verbindung ist real.
Was bleibt von Dschingis Khans Erbe
Genetisch ist das Erbe messbar: Schatzungen zufolge tragen etwa 16 Millionen Menschen heute Y-Chromosomen, die auf Dschingis Khan oder seine unmittelbaren Verwandten zurueckgehen. Das Ergebnis von Eroberung und Macht uber Generationen.
Politisch legten die Mongolen die Grundlage fuer viele Staatsgrenzen, die heute noch existieren. Die Einigung der chinesischen Provinzen unter dem Yuan-Reich beeinflusste das spatere Ming-China. Die Goldene Horde formte das russische Staatssystem auf Jahrzehnte.
Das Mongolenreich war das groesste zusammenhaengende Landreich, das die Welt je gesehen hat. Es entstand in weniger als einem Menschenleben und zerstorte einige der grossten Zivilisationen seiner Zeit. Sein Erbe ist mehrdeutig, gewaltsam, transformativ und bis heute nicht vollstaendig verstanden.