Hitler und der Okkultismus: Mythos und Wahrheit
Himmler ließ Hexenprozesse erforschen. SS-Kommandeure glaubten an arische Atlantis-Mythen. Das Ahnenerbe schickte Expeditionen nach Tibet. Der Nationalsozialismus und der Okkultismus sind so eng miteinander verknüpft in der Populärkultur, dass viele Menschen glauben, das Dritte Reich sei im Wesentlichen eine okkulte Organisation gewesen, die mit dunkler Magie operierte.
Die historische Realität ist komplizierter und in gewisser Weise erschreckender. Hitler selbst war kein Okkultist. Er war ein opportunistischer Politiker, der symbolische Systeme und pseudowissenschaftliche Ideologien nutzte, nicht weil er an sie glaubte, sondern weil sie funktionieren.
Die Vorläufer: Ariosophie und völkische Bewegung
Um den Nationalsozialismus und den Okkultismus zu verstehen, muss man in das Wien des späten 19. Jahrhunderts zurückgehen. Dort entwickelte sich eine Bewegung, die germanische Mythologie, Rassentheorien und Theosophie zu einem wirren Gemisch verarbeitete.
Guido von List, ein österreichischer Mystiker, behauptete, die ursprüngliche germanische Geheimschrift, die Armanen-Runen, wiederentdeckt zu haben. Er lehrte eine Kosmologie, in der arische Urmenschen eine paradiesische Zivilisation geschaffen hatten, die durch Fremdvölker zerstört worden war. Jörg Lanz von Liebenfels, ebenfalls Österreicher, gründete den Orden des Neuen Tempels und prophezeite einen rassischen Kampf zwischen blonden Ariern und dunklen Tiermenschen.
Diese Ideen hatten breiten Einfluss auf die völkische Bewegung, aus der später der Nationalsozialismus hervorgehen sollte. Aber es handelte sich um Ideologie, nicht um wirkliche Magie. Die Ritualistik war Dekoration für Rassismus.
Was Hitler wirklich glaubte
Mein Kampf und Hitlers Tischgespräche, die privaten Aufzeichnungen seiner Unterhaltungen mit Vertrauten, zeigen einen Mann, der Astrologie verachtete, Mystik für Quatsch hielt und okkulte Praktiken als Schwäche betrachtete. Er nannte sie Rückfälle in primitive Denkweisen.
Albert Speer, Hitlers Architekt und Rüstungsminister, berichtete, dass Hitler über Himmlers okkulte Interessen spottete. Er fand es peinlich, dass sein SS-Chef Ausgrabungen nach mythologischen Artefakten anordnete und Hexenverfolgungs-Akten sammeln ließ.
Hitler war kein Okkultist. Er war ein Politiker, der verstand, dass Symbole, Rituale und Mythen Massen mobilisieren können. Die Nürnberger Parteitage mit ihren Lichtdomen, Fahnenritualen und choreographierten Massenaufmärschen waren keine Magie. Sie waren moderne Massenpsychologie, bewusst eingesetzt.
Himmler: Der echte Okkultist
Wenn jemand im Führungskreis des Dritten Reichs tatsächlich an okkulte Ideen glaubte, dann war es Heinrich Himmler. Der Reichsführer-SS war fasziniert von mittelalterlichen Ritualen, germanischer Mythologie und der Idee, die SS zu einem modernen Ritterorden zu machen.
Die Wewelsburg in Westfalen wurde auf Himmlers Betreiben umgebaut und sollte zum Zentrum der SS werden. Die Nordrunde des Schlosses enthält eine kreisförmige Halle mit einem schwarzen Sonnensymbol im Boden, das heute als schwarze Sonne bekannt ist und in rechtsextremen Kreisen bis heute als Symbol verwendet wird. Ob dieses Symbol wirklich eine alte germanische Tradition hat oder von Himmlers Stab erfunden wurde, ist unter Historikern strittig.
Himmlers Ahnenerbe, 1935 gegründet, finanzierte Expeditionen und Forschungen, die germanische Vorgeschichte belegen sollten. Die Tibet-Expedition von 1938 sollte nach Spuren arischer Ursprünge suchen. Ausgrabungen an Runenstein-Stätten sollten die These einer hochentwickelten arischen Urzivilisation bestätigen. All das waren pseudowissenschaftliche Projekte mit ideologischem Auftrag, aber sie hatten den Charakter von Überzeugung, nicht reiner Opportunismus.
Die Thule-Gesellschaft
In der Nachkriegszeit entstand der Mythos, dass Hitler sein geheimes Wissen von der Thule-Gesellschaft, einem okkulten Orden im München der Nachkriegszeit, erhalten hatte. Einige frühe NSDAP-Mitglieder waren tatsächlich Thule-Mitglieder. Rudolf Hess und Alfred Rosenberg hatten Verbindungen zu diesen Kreisen.
Aber die Thule-Gesellschaft war weniger okkulter Geheimzirkel als politischer Debattierclub mit germanisch-mythologischer Symbolik. Sie verbreitete antisemitische Propaganda und organisierte Treffen, bei denen völkische Ideen diskutiert wurden. Hitler selbst war nie Mitglied. Er traf Thule-Mitglieder durch den Deutschen Arbeiterverein, aus dem die NSDAP hervorging, aber der Einfluss war politischer, nicht mystischer Natur.
Die Kraft der Symbole
Das Hakenkreuz existierte vor dem Nationalsozialismus als geometrisches Symbol in vielen Kulturen. In der völkischen Bewegung wurde es als arisches Urzeichen interpretiert. Hitler übernahm es und machte es zum Symbol der NSDAP, nicht weil er okkulte Kräfte darin sah, sondern weil es unverwechselbar war und eine pseudo-historische Tiefe suggerierte.
Dasselbe gilt für die SS-Runen, die Todesköpfe, die Lichtdome der Nürnberger Parteitage. Es war symbolisches Theater, bewusst inszeniert, um emotionale und fast religiöse Reaktionen zu erzeugen. Albert Speer, der diese Inszenierungen mitverantwortete, verstand das genau und beschrieb seinen Ansatz in Innen dem Dritten Reich offen als Massenbeeinflussung durch Ästhetik.
Der Hollywood-Mythos
Warum ist der Mythos vom okkulten Nazismus so hartnäckig? Zum Teil wegen der Nachkriegsliteratur. Bücher wie The Morning of the Magicians von Louis Pauwels und Jacques Bergier, erschienen 1960, verbanden Nazis, Okkultismus, Atlantis und Zeitreisen zu einer wildromantischen Geschichte. Sie waren Bestseller.
Indiana Jones und andere Abenteuer-Franchises haben diesen Mythos in die Popkultur eingeschrieben. Wenn Hollywood immer wieder Nazis zeigt, die nach magischen Artefakten suchen, wie der Bundeslade oder dem Heiligen Gral, wirkt das auf die kollektive Vorstellung zurück.
Die Wahrheit ist weniger cinematisch und deshalb erschreckender: Der Nationalsozialismus brauchte keine Magie. Er brauchte Bürokratie, Propaganda, Angst und die Mitschuld von Millionen normaler Menschen. Das ist schwerer zu verarbeiten als ein dunkler Orden mit okkulten Kräften.
Was bleibt
Es gab echte okkulte Einflüsse im Umfeld des Nationalsozialismus, vor allem durch Himmler und das Ahnenerbe. Diese Einflüsse hatten jedoch kaum Einfluss auf die zentralen Entscheidungen des Regimes. Der Holocaust war das Ergebnis bürokratischer Planung, industrieller Organisation und ideologischem Hass, nicht okkulter Rituale.
Die Faszination für den okkulten Nazismus sagt mehr über unsere Schwierigkeiten aus, das Böse zu verstehen, als über das Dritte Reich selbst. Wir möchten glauben, dass ein solches Regime besondere, übernatürliche Kräfte gehabt haben muss. Die Alternative, dass es aus ganz gewöhnlichen menschlichen Eigenschaften bestand, nämlich Opportunismus, Mitläufertum, Hass und Gleichgültigkeit, ist schwerer zu akzeptieren.
Aber diese Alternative ist die historische Wahrheit.