Die Inka-Zivilisation und ihre Geheimnisse
Ein Reich ohne das, was wir fuer selbstverstaendlich halten
Das Inkareich, Tawantinsuyu auf Quechua, war auf seinem Hohepunkt das grosste Reich der westlichen Hemisphere. Zwischen dem fruhen 15. und fruhen 16. Jahrhundert erstreckte es sich von Kolumbien bis tief in das heutige Chile und Argentinien. Uber 12 Millionen Menschen lebten darin, vielleicht sogar mehr.
Und die Inka erreichten das alles ohne etwas, das wir fur grundlegende Bausteine jeder Zivilisation halten: ohne Schrift in unserem Sinne, ohne Rad fur den Transport, ohne Eisenwerkzeug und ohne Geld im ublichen Sinne. Was sie stattdessen hatten, war oft raffinierter und interessanter.
Das Strassennetz: ingenieurstechnisches Meisterwerk
Das Capac Nan, das "Konigliche Strassennetz" der Inka, war eines der beeindruckendsten Infrastrukturprojekte der vormodernen Welt. Uber 40.000 Kilometer Strassen verbanden das Reich von Norden nach Suden, durch Wuesten, Hochgebirge und tropische Walder. Viele dieser Strassen waren gepflastert, hatten Drainagesysteme und wurden mit Raststatten und Lagerhausern flankiert.
Das Besondere: keine Pferde, keine Rader. Alles lief uber menschliche Trager und Lamas. Ein System von Chasquis, Laufboten, die in Staffeln rund um die Uhr liefen, konnte eine Nachricht von Cuzco bis zur Kuste, eine Strecke von mehreren hundert Kilometern, in weniger als einem Tag ubermitteln. Frischer Fisch aus dem Pazifik kam per Relay-Boten bis in die Andenhauptstadt.
Das Quipu: schreiben ohne Buchstaben
Die Inka hatten keine alphabetische Schrift. Was sie hatten, war das Quipu: ein komplexes System aus Knotenschnuren, das Informationen in Form von Knoten, Farben, Abstanden und Reihenfolgen codierte. Quipus wurden zur Aufzeichnung von Volkszahlungen, Steuereinnahmen, Kalenderinformationen und moeglicherweise erzahlenden Inhalten genutzt.
Moderne Forscher arbeiten intensiv daran, Quipus vollstandig zu entschusseln. Einige Grundfunktionen, besonders numerische Aufzeichnungen, sind gut verstanden. Andere Teile sind noch immer Ratsel. Es gibt Hinweise, dass manche Quipus narrative Inhalte enthielten, also Geschichte oder Recht, nicht nur Zahlen. Wenn das stimmt, hatten die Inka doch eine Form von Schrift, nur eine, die nichts mit Zeichen auf Papier zu tun hat.
Machu Picchu: warum dort?
Kein Symbol des Inkareiches ist beruhmter als Machu Picchu. Die "verlorene Stadt der Inka", 2.430 Meter uber dem Meeresspiegel in den peruanischen Anden gelegen, wurde von Hiram Bingham 1911 "wiederentdeckt", obwohl lokale Bauern naturlich wussten, dass sie dort war.
Die Frage, warum die Inka ausgerechnet an diesem schwer zuganglichen Bergkamm eine Stadt errichteten, ist noch immer nicht vollstaendig geklart. Die gangigste Theorie besagt, dass Machu Picchu eine konigliche Residenz des Sapa Inka Pachacuti war, der im 15. Jahrhundert das eigentliche Inkareich schuf. Eine Sommerresidenz, ein religioses Zentrum, ein Ort der astronomisc hen Beobachtung.
Was sicher ist: Die Stadt wurde mit enormem Aufwand erbaut und dann, nach der spanischen Invasion, verlassen. Die Spanier scheinen sie nie gefunden zu haben. Das erklart, warum sie so gut erhalten ist. Die Zerstorung, der Cuzco und andere Inkastaedte ausgesetzt waren, traf Machu Picchu nicht.
Das Wirtschaftssystem: Reziprozitat statt Markt
Das Inkareich kannte kein Geld. Handel in unserem Sinne existierte kaum. Stattdessen funktionierte das System uber Reziprozitat und mit'a, Arbeitsleistung als Steuer. Jeder Haushalt schuldete dem Staat eine bestimmte Anzahl von Arbeitstagen pro Jahr. Dafur erhielt man Essen, Kleidung und Schutz aus den staatlichen Lagerhausern.
Die Inka fuhrten eine Art Umverteilungswirtschaft: Uberproduktionen aus reichen Regionen wurden in staatlichen Lagern gestapelt und in Hungersnoten oder Kriegen verteilt. Das System war effizienter als viele moderne Beschreibungen vermuten lassen. Der spanische Chronist Cieza de Leon beschrieb die Lagerhauser als so vollgestopft, dass sie Nahrung fur Jahre enthielten.
Religion und das Ende
Der Sapa Inka, der konigliche Herrscher, galt als direkter Nachkomme des Sonnengottes Inti. Die Religion war staatsorganisiert, und Inti-Tempel standen im gesamten Reich. Das Coricancha in Cuzco, der wichtigste Sonnentempel, war mit Gold verkleidet, bis die Spanier alles einschmelzen liessen.
Als Francisco Pizarro mit etwa 180 Mannern im Jahr 1532 in Peru ankam, traf er auf ein Reich in politischer Krise. Zwei Halbbruder, Atahualpa und Huascar, hatten gerade einen Biirgerkrieg um den Thron beendet. Atahualpa hatte gewonnen und kontrollierte das Reich. Pizarro lud ihn zu einem Treffen in Cajamarca ein und hinterlegte einen Hinterhalt.
Was folgte, ist einer der faszinierendsten und bestialischsten Momente der Geschichte. Pizarros Manner, mit Pferden und Feuerwaffen, massakrierten Tausende unbewaffnete Inka-Hofleute in einem einzigen Nachmittag und nahmen Atahualpa gefangen. Atahualpa bot als Losegeld einen Raum voll Gold und zwei Raume voll Silber. Die Spanier nahmen das Gold, toeteten ihn trotzdem und zerstorten das Reich.
Was von den Inka ubrigbleibt
Uber 10 Millionen Menschen sprechen heute noch Quechua, die Sprache der Inka. Die Landwirtschaftstechniken der Inka, besonders die Terrassenfelder in den Anden, werden in manchen Regionen noch immer genutzt. Das Capac Nan ist teilweise UNESCO-Weltkulturerbe.
Die Inka-Zivilisation war in mancher Hinsicht weiter als ihre europaischen Zeitgenossen, in anderer Hinsicht verwundbar gegenuber Krankheiten und Waffen, die sie nie gesehen hatten. Pocken, die den Spaniern vorausreisten, hatten schon vor Pizarros Ankunft Millionen getotet, darunter den Vater von Atahualpa und Huascar, was den Burgerkrieg uberhaupt erst ausgeloest hatte.
Das Inkareich dauerte weniger als 200 Jahre in seiner vollen Ausdehnung. Was es hinterliess, ist trotzdem kaum zu uberschatzen.