Jack the Ripper: Neue Theorien
Whitechapel, 1888
Im Herbst 1888 herrschte in Whitechapel, einem der ärmsten Viertel Londons, eine Angst, die sich durch alle Gassen zog. Fünf Frauen wurden innerhalb von zehn Wochen ermordet. Alle waren Prostituierte. Alle wurden auf bestialische Weise verstümmelt. Der Täter wurde nie gefasst.
Mehr als 135 Jahre später ist Jack the Ripper immer noch ein Name, der Gänsehaut erzeugt. Nicht wegen der Opfer, an die kaum noch gedacht wird, sondern wegen des Rätsels. Wer war dieser Mann? Warum hörten die Morde plötzlich auf? Und warum konnte ihn die Polizei trotz intensiver Ermittlungen nicht fassen?
Die fünf kanonischen Opfer
Ermittler und Historiker sind sich weitgehend einig, dass Jack the Ripper für fünf Morde verantwortlich war, die sogenannten kanonischen Fünf. Mary Ann Nichols am 31. August, Annie Chapman am 8. September, Elizabeth Stride und Catherine Eddowes in der Nacht vom 29. auf den 30. September, und Mary Jane Kelly am 9. November 1888.
Die Brutalität der Angriffe, vor allem bei den späteren Opfern, ließ darauf schließen, dass der Täter über anatomische Kenntnisse verfügte. Die Eingeweide wurden entfernt, bestimmte Organe mitgenommen. Das löste wilde Spekulationen über Chirurgen, Fleischer und sogar Mitglieder des Königshauses aus.
Es gab auch Briefe, die angeblich vom Ripper stammten. Der berühmteste begann mit "From Hell" und enthielt ein abgeschnittenes Stück einer Niere, die vom Absender als Kelly-Niere identifiziert wurde. Die meisten dieser Briefe gelten heute als Fälschungen von Journalisten, die Auflage machen wollten. Aber einige Ermittler halten zumindest einen Brief für authentisch.
Warum war er so schwer zu fassen?
Die Polizei war den Herausforderungen des Falls nicht gewachsen. Forensische Wissenschaft im modernen Sinne existierte nicht. DNA-Analyse lag fast hundert Jahre in der Zukunft. Fingerabdrücke wurden noch nicht systematisch erfasst. Die Tatortfotos, die existieren, sind für heutige Verhältnisse primitiv.
Dazu kam die Struktur des Viertels. Whitechapel war ein Labyrinth enger Gassen, übervölkerter Mietskasernen und dunkler Durchgänge. Der Täter konnte in Sekunden in der Menge verschwinden. Augenzeugenberichte widersprachen einander. Die Bevölkerung misstraute der Polizei grundsätzlich.
Es gab auch politischen Druck. Der Polizeipräfekt Charles Warren trat im November 1888 zurück, teilweise wegen Kritik an seinem Umgang mit dem Fall. Dieser Wechsel an der Spitze störte die Ermittlungen zusätzlich.
Die Verdächtigen: Ein langer Schatten
Über die Jahrzehnte wurden mehr als hundert Namen als mögliche Täter ins Spiel gebracht. Einige sind historisch besser belegt als andere.
Aaron Kosminski, ein polnisch-jüdischer Friseur, der in Whitechapel lebte, steht ganz oben auf der Liste vieler Ripperologen. Er wurde 1891 in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, wo er 1919 starb. Zeitgenössische Ermittler hielten ihn für den Hauptverdächtigen. 2014 behauptete der Autor Russell Edwards, er habe mithilfe von DNA-Analysen an einem Schal, der angeblich von einem Tatort stammt, Kosminski als Täter identifiziert. Diese Behauptung ist wissenschaftlich umstritten. Die Provenienz des Schals ist fraglich, und die Methodik wurde von forensischen Experten kritisiert.
Montague John Druitt, ein Anwalt und Lehrer, der Ende 1888 im Fluss ertrank, war ein weiterer früher Hauptverdächtiger. Sein Tod fiel zeitlich mit dem Ende der Morde zusammen. Aber es gibt keine direkten Belege, die ihn mit den Taten verbinden.
Francis Tumblety, ein amerikanischer Quacksalber mit einer Vorgeschichte von Verhaftungen wegen Sittlichkeitsdelikten, wurde 1888 in London verhaftet und floh dann in die USA. Scotland Yard schickte einen Detektiv, um ihm zu folgen. Er ist einer der wenigen Verdächtigen, für die transatlantisches Polizeiinteresse belegt ist.
Die Royal Conspiracy
Keine Ripper-Diskussion kommt ohne die Königshaus-Theorie aus. Sie besagt, dass Prinz Albert Victor, Enkel von Königin Victoria, der Ripper war oder dass ein Komplott existierte, um einen royalen Skandal zu vertuschen. In einer Version dieser Geschichte heiratete der Prinz heimlich eine Katholikin und zeugte ein uneheliches Kind. Die Morde sollten Wissende zum Schweigen bringen.
Diese Geschichte wurde durch den Film "From Hell" von 2001 populär gemacht. Sie ist historisch unhaltbar. Albert Victors Aufenthalte lassen sich für die Tatzeiten an anderen Orten nachweisen. Die Theorie ist attraktiv, weil sie Macht, Sex und Mord verbindet, aber Historiker betrachten sie als Fantasie.
Neue wissenschaftliche Ansätze
Moderne Kriminologie nähert sich dem Fall anders. Psychologen haben Profile erstellt, die auf einen weißen Mann mittleren Alters hindeuten, der im Viertel selbst lebte oder arbeitete. Das passt auf mehrere Verdächtige, schränkt die Liste aber auch ein.
Computerprogramme wurden verwendet, um Verbrechensmuster zu analysieren. Die Tatorte lagen alle in einem relativ engen Radius. Das deutet auf jemanden hin, der das Gebiet gut kannte, nicht auf einen reisenden Fremden. Der Täter handelte schnell und zog sich ohne Auffallen zurück. Das legt eine Persönlichkeit nahe, die sozial unauffällig war, zumindest nach außen.
Eine neuere Studie des University College London aus dem Jahr 2019 analysierte die geografische Verteilung der Tatorte mit Methoden der modernen Kriminalgeografie. Sie kam zu dem Schluss, dass der Täter wahrscheinlich in der Nähe der Flower and Dean Street lebte, einem Gebiet, in dem Kosminski tatsächlich wohnte.
Was wir nie wissen werden
Die Akten der Polizei aus dem Jahr 1888 sind größtenteils erhalten und öffentlich zugänglich. Nichts darin führt zu einem abschließenden Beweis. Die forensischen Spuren sind nach 135 Jahren vernichtet. DNA aus einem möglicherweise kontaminierten Schal reicht nicht für eine Verurteilung, nicht einmal für eine historisch belastbare Identifizierung.
Was bleibt, ist ein kulturelles Phänomen. Jack the Ripper hat mehr Bücher, Filme und Podcasts inspiriert als fast jedes andere ungeklärte Verbrechen der Geschichte. London bietet "Ripper Walks" an, bei denen Touristen durch Whitechapel geführt werden. Das Viertel hat sich völlig verändert, aber die Adressen der Tatorte werden immer noch besucht.
Die vergessenen Opfer
Während die Debatte über die Identität des Killers weitergeht, verdienen die fünf Frauen mehr Aufmerksamkeit. Mary Ann Nichols, 43 Jahre alt, Mutter von fünf Kindern, getrennt von ihrem Mann. Annie Chapman, 47, die trotz schwerer Krankheit auf der Straße lebte. Catherine Eddowes, die an dem Abend, als sie ermordet wurde, gerade aus der Polizeiverhaftung wegen Trunkenheit entlassen worden war. Elizabeth Stride, Einwanderin aus Schweden. Mary Jane Kelly, die jüngste der fünf, 25 Jahre alt.
Diese Frauen waren keine Randnotizen. Sie hatten Leben, Familien und Geschichten. Die Obsession mit dem Täter hat sie zu Nebenrollen in ihrer eigenen Tragödie gemacht. Das ist vielleicht das unbehaglichste Erbe des Falls.