Karthago und die Punischen Kriege: Der lange Weg zur Vernichtung
Cato der Ältere beendete angeblich jede seiner Reden im römischen Senat mit demselben Satz, egal welches Thema gerade diskutiert wurde: "Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss." Das ist wahrscheinlich eine spätere Übertreibung. Aber der Kern stimmt: Rom und Karthago konnten nicht beide existieren. Am Ende hatte einer recht.
Was Karthago war
Karthago lag an der Küste des heutigen Tunesiens, an einem der strategisch besten Punkte des westlichen Mittelmeers. Gegründet von phönizischen Siedlern aus Tyros, wahrscheinlich im 9. Jahrhundert v. Chr., entwickelte sich die Stadt zu einem der reichsten Handelszentren der Antike. Ihr Reichtum kam nicht aus Landwirtschaft, sondern aus Handel und Ressourcenausbeutung: Silber aus Spanien, Elfenbein aus Afrika, Purpur aus phönizischen Werkstätten.
Karthago war keine militaristische Gesellschaft wie Rom. Es war eine Kaufmannsrepublik, die ihre Kriege meistens durch Söldner führte, da die bürgerliche Elite keine militärischen Ambitionen hatte, die über die Sicherung von Handelsrouten hinausgingen. Das war eine Schwäche, die sich in allen drei Punischen Kriegen bemerkbar machen sollte.
Die karthagische Gesellschaft war oligarchisch. Zwei Suffeten, Richter vergleichbar mit den römischen Konsuln, führten die Stadt. Der Rat der Hundert war das mächtige Kontrollgremium. Die Volksversammlung spielte eine untergeordnete Rolle. Innenpolitische Spannungen zwischen Handelsfraktionen und Militärführern zogen sich durch die gesamte Geschichte der Stadt.
Der Erste Punische Krieg: Sizilien als Auslöser
Sizilien war die Insel, an der beide Mächte zuerst aneinandergerieten. Sie lag zwischen Nordafrika und dem italischen Festland und war Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. in verschiedene Interessenssphären aufgeteilt. Karthago kontrollierte den Westteil, griechische Städte hielten den Osten, und Syrakus war die mächtigste Stadt der Insel.
264 v. Chr. riefen die Mamertiner, eine Söldnertruppe, die Messana kontrollierte, gleichzeitig Karthago und Rom um Hilfe. Karthago kam zuerst. Rom entschied sich trotzdem einzugreifen, aus welchen Gründen genau, ist historisch nicht vollständig geklärt. Das Ergebnis war der erste direkte Konflikt zwischen den beiden Mächten.
Der Erste Punische Krieg dauerte 23 Jahre, von 264 bis 241 v. Chr., und fand hauptsächlich auf See statt. Das war neu für Rom, das keine Seetradition hatte. Die Römer kopierten angeblich ein gestrandetes karthagisches Schiff, bauten innerhalb von 60 Tagen eine Flotte und entwickelten den Corvus, eine Enterhaken-Konstruktion, die Seeschlachten in Bodenkämpfe verwandelte, eine Stärke der römischen Infanterie.
Nach mehreren Siegen und Niederlagen auf beiden Seiten endete der Krieg mit einem römischen Sieg. Karthago verlor Sizilien und musste eine schwere Kriegskontribution zahlen. Die Folge der finanziellen Belastung war ein Söldneraufstand, der fast die Stadt selbst zerstört hätte, bekannt als Libyerkrieg.
Hamilkar, Hannibal und der Weg zum zweiten Krieg
Hamilkar Barkas war einer der fähigsten karthagischen Feldherren des Ersten Punischen Krieges. Die Niederlage Karthagos akzeptierte er nicht als endgültig. Er entwickelte eine Strategie, Spanien militärisch und wirtschaftlich so weit zu erschließen, dass Karthago genug Ressourcen für einen neuen Krieg gegen Rom hätte.
Sein Sohn Hannibal begleitete ihn dabei von Kindheit an. Die Geschichte, dass Hannibal seinen Vater als Kind bat, mitkommen zu dürfen, und schwören musste, ewiger Feind Roms zu sein, ist möglicherweise eine spätere Legende. Aber der Hass war real. Hannibal wuchs als Soldat auf und lernte die Kunst der Kriegsführung direkt in den Feldzügen seines Vaters in Spanien.
Hannibal überquerte 218 v. Chr. mit einer Armee von etwa 50.000 Mann und mehreren Dutzend Elefanten die Alpen. Das war einer der spektakulärsten Feldzüge der Antike, nicht wegen der Elefanten, von denen die meisten den Winter in den Alpen nicht überlebten, sondern wegen der Logistik und der Kühnheit des Plans.
Hannibal in Italien
Was folgte, war eine Reihe von Siegen, die bis heute in Militärakademien gelehrt werden. Am Trebia-Fluss, am Trasimenischen See, und am deutlichsten bei Cannae im Jahr 216 v. Chr., vernichtete Hannibal römische Armeen, die zum Teil doppelt so groß waren wie seine eigene.
Cannae ist die klassische Lehrstunde in Einkreisung. Hannibal stellte seine schwächeren Truppen in der Mitte auf, lockte die römischen Legionen in die Mitte vor, ließ die Flanken nachgeben und umschloss dann die gesamte römische Armee. Etwa 70.000 Römer starben an einem einzigen Tag. Kein Krieg in der Geschichte Roms hatte so viele Verluste in einer einzigen Begegnung gefordert.
Aber Hannibal nahm Rom nicht ein. Er hatte die Truppen, um weite Teile Italiens zu verwüsten, nicht aber die Belagerungsausrüstung, eine befestigte Hauptstadt zu stürmen. Und er bekam die Unterstützung aus Karthago nicht, die er angefordert hatte. Die Handelsfraktion in der Regierung zögerte, Ressourcen für einen Krieg bereitzustellen, dessen Ende ungewiss war.
Scipio Africanus und die Wende
Rom verlor Schlachten, aber nicht den Willen. Publius Cornelius Scipio, später Africanus genannt, erkannte, was Hannibal falsch gemacht hatte: Statt in Italien zu bleiben und zu versuchen, das Imperium von innen heraus zu destabilisieren, sollte man Karthago direkt bedrohen.
Scipio landete 204 v. Chr. in Nordafrika. Karthago rief Hannibal aus Italien zurück. Die Entscheidungsschlacht fand 202 v. Chr. bei Zama statt. Scipio wandte Hannibals eigene Taktiken gegen ihn an, nutzte numidische Kavallerie, um Hannibals Flanken zu überrollen, und besiegte den Mann, der Rom mehr als jeden anderen zuvor in Bedrängnis gebracht hatte.
Karthago verlor Spanien, seine Flotte und die meisten seiner verbliebenen Ressourcen. Es durfte keine eigenständige Außenpolitik mehr betreiben. Es war technisch gesehen noch eine Stadt, aber keine Macht mehr.
Der Dritte Punische Krieg und das Ende
Etwa 50 Jahre nach Zama hatte sich Karthago wirtschaftlich erholt. Das reichte, um in Rom Alarm zu schlagen. Die Stadt war kein militärisches Problem mehr, aber sie war reich. Und Reichtum ist Potential.
Rome erfand einen Vorwand. Als Karthago auf numidische Angriffe militärisch reagierte, was technisch gegen den Friedensvertrag verstieß, erklärte Rom 149 v. Chr. den Krieg. Dann stellte es eine Forderung: Die Karthager sollten ihre Stadt verlassen und zehn Meilen landeinwärts neu ansiedeln. Das war keine Verhandlungsposition. Das war eine Todesurteil für eine Handelsstadt ohne Hafen.
Karthago lehnte ab und begann, sich zu verteidigen. Drei Jahre lang hielt die Stadt einer römischen Belagerung stand, mit selbst gefertigten Waffen und extremem Einfallsreichtum. Im Jahr 146 v. Chr. brachen die Römer durch. Es folgten sieben Tage ununterbrochener Straßenkämpfe. Dann wurden die verbliebenen Überlebenden versklavt, und die Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht.
Die Geschichte, dass Rom das Land mit Salz bestreute, um nichts mehr wachsen zu lassen, ist wahrscheinlich eine späte Erfindung. Aber das Ergebnis war real: Karthago existierte nicht mehr. Nordafrika wurde zur römischen Provinz.
Was das bedeutete
Der Fall Karthagos war der Moment, in dem die Mittelmeerwelt aufhörte, mehrpolig zu sein. Rom hatte keinen ebenbürtigen Rivalen mehr im Westen. Das ermöglichte die Expansion, die das Imperium formte. Aber es nahm auch den Druck, der die Republik zusammengehalten hatte. Ohne äußere Bedrohung explodierten die innenpolitischen Widersprüche. Weniger als ein Jahrhundert nach Karthagos Zerstörung begann die Krise, die die Republik in die Monarchie trieb.
Cato hatte gewünscht, dass Karthago zerstört wird. Er bekam, was er wollte. Ob es Rom gut getan hat, ist eine andere Frage.