Wie Mao Zedong China veränderte: Macht, Massenmord und Mythos
Maos Gesicht hängt noch heute über dem Tiananmen-Tor in Peking. Die Kommunistische Partei Chinas erklärt ihn offiziell zu 70 Prozent richtig und 30 Prozent falsch. Das ist eine politische Formel, die vor allem eines zeigt: Die Partei, die er gründete, kann seine Verbrechen nicht vollständig anerkennen, ohne ihre eigene Legitimität zu beschädigen. Das macht eine nüchterne Bilanz seiner Herrschaft besonders notwendig.
Die Ausgangslage: ein zersplittertes China
Das China, in das Mao Zedong 1893 geboren wurde, war tief gespalten. Die Qing-Dynastie war verfault, von außen durch imperialistische Mächte geschwächt und von innen durch Korruption und militärische Unfähigkeit. Die Revolution von 1911 brachte zwar die Republik, aber keine Stabilität. Regionale Kriegsherren kontrollierten weite Teile des Landes. Die japanische Invasion ab 1931, vollständig ab 1937, verwüstete große Teile des Landes. Und nach dem japanischen Rückzug 1945 brach sofort der Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Nationalisten wieder auf.
Als Mao am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China ausrief, war er ein Sieger. Er hatte Chiang Kai-sheks Nationalisten auf Taiwan gedrängt. Er hatte ein Land von 500 Millionen Menschen vereint, das seit Jahrzehnten im Krieg oder Bürgerkrieg gelebt hatte. Das wird von manchen als seine bleibende Leistung beschrieben. Es ist der Kontext, der nötig ist, um die Folgekatastrophen zu verstehen.
Die Landreform und die ersten Massenmorde
In den ersten Jahren der Volksrepublik führte Mao eine Landreform durch, die an sich ein legitimes Ziel hatte: Die extreme Ungleichheit im ländlichen China, wo Landlords riesige Flächen besaßen, während Bauern unter Pachtverträgen verarmten, war ein reales soziales Problem.
Die Durchführung war ein Massaker. Landlords wurden in öffentlichen Versammlungen angeklagt, von Nachbarn und Pächtern beschuldigt und meistens direkt erschossen oder totgeschlagen. Die Zahlen sind unsicher, aber Historiker schätzen, dass zwischen 1949 und 1953 zwischen 1 und 2 Millionen Menschen im Zuge der Landreform getötet wurden. Mao kommentierte das lapidar: Revolution ist kein Abendessen.
Gleichzeitig liefen Kampagnen gegen "Konterrevolutionäre", "Kapitalisten", "Imperialisten" und sonstige Feinde der Partei. Schätzungen über die Todesopfer der frühen Repressionskampagnen variieren erheblich, liegen aber meist zwischen 500.000 und 2 Millionen.
Der Große Sprung nach vorn
Von 1958 bis 1962 leitete Mao den "Großen Sprung nach vorn" ein, ein Programm zur schnellen Industrialisierung und kollektiven Landwirtschaft, das in der größten von Menschen verursachten Hungersnot der Geschichte endete.
Die Grundidee war, China durch Massenmobilisierung innerhalb weniger Jahre zu industrialisieren. Bauern sollten in Volkskommune arbeiten, Stahl in Hinterhofhochöfen schmelzen und Getreideproduktion vervielfachen, durch revolutionären Willen, nicht durch Technologie oder Kapital. Das war ideologisches Wunschdenken, aber wer Zweifel äußerte, riskierte Verhaftung oder Schlimmeres.
Die Ernte wurde übertrieben gemeldet, weil lokale Funktionäre Angst hatten, die Planzahlen nicht zu erfüllen. Der Staat konfiszierte Getreide auf Basis der gemeldeten, fiktiven Zahlen. Die Bauern, die das Getreide produziert hatten, verhungerten, während staatliche Lagerhäuser voll waren. Die Informationskette, die Mao hätte informieren können, war durch politischen Terror gebrochen: Niemand meldete schlechte Nachrichten.
Zwischen 15 und 55 Millionen Menschen starben zwischen 1959 und 1961. Historiker wie Frank Dikötter, der Zugang zu Provinzarchiven hatte, sprechen von mindestens 45 Millionen. Das ist die wahrscheinlich größte Hungersnot der aufgezeichneten Geschichte.
Die Kulturrevolution
Nach dem Scheitern des Großen Sprungs verlor Mao innerhalb der Partei an Einfluss. Pragmatiker wie Liu Shaoqi und Deng Xiaoping begannen, die Wirtschaft zu reparieren, mit marktorientierteren Ansätzen. Das interpretierte Mao als Bedrohung seiner Macht und der revolutionären Ideologie.
1966 rief er die Kulturrevolution aus. Ihre erklärten Ziele waren die Beseitigung alter Kultur, alter Sitten, alter Gewohnheiten und alter Ideen. Ihr tatsächlicher Zweck war Maos Rückkehr zur absoluten Macht und die Beseitigung seiner politischen Rivalen.
Die Roten Garden, Millionen junger Menschen, die Maos Kleines Rotes Buch schwangen, zerstörten Tempel, Bibliotheken, Kunstwerke und Kulturstätten. Lehrer, Wissenschaftler, Parteifunktionäre, Intellektuelle und alle, die als ungenügend revolutionär galten, wurden verfolgt, gedemütigt, in Arbeitslager verschleppt oder getötet. Liu Shaoqi, der Staatspräsident, starb 1969 in Haft, krank und ohne Behandlung. Deng Xiaoping wurde mehrfach verfolgt und überlebte.
Die Schulen waren jahrelang geschlossen. Eine ganze Generation erhielt keine formale Bildung. Hunderttausende wurden ermordet, Millionen durch Haft und Arbeitslager geschädigt. Die genauen Opferzahlen der Kulturrevolution sind unklar. Schätzungen reichen von 500.000 bis 2 Millionen Toten, dazu kommen Millionen dauerhaft Geschädigte.
Die Gesamtbilanz
Maos Herrschaft kostete, abhängig von der Methode der Berechnung und dem historischen Konsens, zwischen 40 und 80 Millionen Menschenleben, wobei die Hungertoten des Großen Sprungs den größten Teil ausmachen. Das macht ihn zum Verantwortlichen der größten Menschentötung durch eine Einzelregierung in der Geschichte, vor Stalin und Hitler.
Das ist keine politische Aussage. Das sind die Zahlen, zu denen Historiker auf Basis zugänglicher Archivmaterialien gelangt sind. China selbst hat keine vollständige Untersuchung dieser Periode gestattet.
Maos Erbe in China heute
Die Kommunistische Partei hat eine selektive Erinnerungskultur aufgebaut. Die Einigung Chinas, der Sieg über die Nationalisten, die frühe Industrialisierung werden betont. Der Große Sprung und die Kulturrevolution werden als "Fehler" eingeräumt, aber nicht als Verbrechen definiert, und ihre Opferzahlen werden nicht öffentlich diskutiert.
Dieses Schweigen ist politisch funktional. Die Partei, die Mao führte, ist noch an der Macht. Wenn Maos Herrschaft als verbrecherisch eingestuft würde, stellte das die Legitimität der Partei grundsätzlich in Frage. Stattdessen lebt Mao als Nationalheld weiter, sein Bild auf den Banknoten, sein Mausoleum auf dem Platz des Himmlischen Friedens besucht von Millionen Touristen.
Was bleibt
Mao veränderte China grundlegend und dauerhaft. Er schuf einen zentralisierten Einparteienstaat, der bis heute existiert. Er zerstörte die traditionelle Klassenstruktur, die Grundbesitzeraristokratie, und ersetzte sie durch eine Parteinomenklatura. Er trieb Industrialisierung und Bildung voran, wenn auch mit enormen Kosten. Er scheiterte wirtschaftlich und verursachte dabei Millionen Tote, hielt seine Macht aber durch Gewalt und ideologischen Terror.
China ist heute eine der größten Volkswirtschaften der Welt. Das hat wenig mit Mao und viel mit Deng Xiaopings Wirtschaftsreformen ab 1978 zu tun, Reformen, die Mao bekämpft hatte. Die Frage, ob China seinen gegenwärtigen Wohlstand trotz Mao oder wegen ihm erreicht hat, hat eine klare Antwort: trotz.