Nero: Das wahre Bild des römischen Kaisers
Kein römischer Kaiser ist so fest mit Grausamkeit und Wahnsinn verbunden wie Nero. Er soll Rom angezündet haben, während er Geige spielte. Er soll Christen verbrannt und seine eigene Mutter ermordet haben. Das Bild, das in unseren Köpfen existiert, wurde vor allem von seinen Feinden gezeichnet. Die Realität ist komplizierter, und in mancher Hinsicht überraschender.
Frühe Jahre: Ein vielversprechender Anfang
Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus wurde 37 n. Chr. geboren und kam mit siebzehn Jahren an die Macht. Seine ersten Regierungsjahre galten als außerordentlich gut. Seneca, der Philosoph und Neros Berater, und Burrus, der Prätorianerpräfekt, führten eine effiziente Verwaltung. Der Senat wurde respektiert, Steuerpolitik war moderat, öffentliche Bauprojekte wurden gefördert.
Die antiken Historiker selbst, die Nero später scharf kritisieren, räumen ein, dass die ersten fünf Jahre seiner Herrschaft, das sogenannte Quinquennium Neronis, als musterhaft galten. Kaiser Trajan soll später gesagt haben, dass Neros erste fünf Jahre die besten der Kaiserzeit gewesen seien. Das wird gelegentlich angezweifelt, aber die Aussage steht.
Die Quellen und ihre Probleme
Das grundlegende Problem bei Nero ist, was wir über ihn wissen und woher wir es wissen. Die drei Hauptquellen sind Tacitus, Sueton und Cassius Dio. Alle drei schrieben Jahrzehnte bis über ein Jahrhundert nach Neros Tod. Alle drei hatten Zugang zu kaiserlicher Propaganda, Senatsmemoiren und mündlicher Überlieferung, die bereits verzerrt war.
Tacitus schrieb unter Trajan und Hadrian, Dynastien, die ihre Legitimität auf dem Kontrast zur julisch-claudischen Familie aufbauten. Sueton schrieb populäre Biographien, die auf Skandale ausgerichtet waren. Cassius Dio schrieb noch später und hatte die wenigste direkte Quellennähe.
Das bedeutet nicht, dass alles erfunden ist. Aber es bedeutet, dass jede Aussage über Nero methodisch mit der Frage zu beginnen hat: Wer hatte ein Interesse daran, ihn so darzustellen?
Der Brand Roms: Was wirklich passierte
Der große Brand von 64 n. Chr. ist die bekannteste Episode in Neros Herrschaft. Er vernichtete zehn der vierzehn Stadtbezirke Roms. Nero soll gefidelt haben, während die Stadt brannte. Das Wort "Geige" ist bereits eine Anachronismus: das Instrument existierte im 1. Jahrhundert nicht. Die antiken Quellen sprechen von einer Kithara, und einige berichten, er habe von einem hohen Punkt aus das Feuer betrachtet und ein Lied gesungen.
Tacitus, der kritischste der antiken Autoren, schreibt: Nero befand sich zum Zeitpunkt des Ausbruchs in Antium (heute Anzio), seiner Heimatstadt, etwa 50 Kilometer von Rom entfernt. Er kehrte zurück, als das Feuer sich ausweitete, und öffnete seine Gärten und öffentlichen Gebäude für Obdachlose. Er organisierte Lebensmittellieferungen und ließ den Getreidpreis senken.
War Nero für den Brand verantwortlich? Keine antike Quelle kann das belegen. Tacitus selbst hält sich offen: "Ob das Feuer durch Zufall oder durch Neros Bosheit entstand, bleibt ungewiss, denn beides wird überliefert." Die spätere Behauptung, er habe Christen für den Brand verantwortlich gemacht und sie massenweise verfolgt, stammt aus christlicher Hagiographie, nicht aus zeitgenössischen Zeugnissen.
Der Mord an Agrippina
Dass Nero seine Mutter Agrippina die Jüngere töten ließ, ist kaum strittig. Tacitus beschreibt es ausführlich, und die Episode ist von mehreren Quellen belegt. Was die Quellen weniger betonen, ist der Kontext: Agrippina war eine außerordentlich machthungrige Frau, die ihren Sohn als Instrument ihrer eigenen politischen Ambitionen benutzt hatte. Sie hatte ihren Onkel Claudius geheiratet, um Neros Thronfolge zu sichern, und soll ihn vergiftet haben.
Agripinna versuchte offenbar, Einfluss auf Nero zu behalten, als er erwachsen wurde, und stieß dabei auf Widerstand. Die antiken Quellen, von Tacitus bis Sueton, berichten von eskalierenden Konflikten. Was Neros Handlung nicht rechtfertigt, aber erklärt, warum er sie als Bedrohung wahrnahm.
Nero als Künstler
Nero liebte Musik, Poesie und Theater. Das war für einen römischen Kaiser scandalös. Die römische Aristokratie verachtete öffentliche künstlerische Auftritte als unwürdig für einen Mann seines Standes. Nero trat trotzdem auf, auf Theaterbühnen, bei Wettbewerben, als Wagenlenker. Er konnte gut singen, wie selbst kritische Quellen zugeben.
In Griechenland, wohin er 66-67 n. Chr. reiste, wurde er begeistert empfangen. Er nahm an den Olympischen, Pythischen und Isthmischen Spielen teil, in Wettbewerben, die normalerweise für professionelle Athleten und Künstler gedacht waren. Er gewann sie alle, was zumindest teilweise mit seinem Status zu tun hatte, aber auch mit seinem tatsächlichen Talent.
Die Griechen verehrten ihn. Als er 67 n. Chr. die Freiheit Griechenlands ausrief, also die Steuerbefreiung für die Provinz Achaia, reagierten die Griechen mit aufrichtigem Enthusiasmus. Das änderte sich, als sein Nachfolger Vespasian die Maßnahme rückgängig machte.
Innenpolitik und Wirtschaft
Neros Wirtschaftspolitik war ambivalent. Er reorganisierte das Steuersystem, senkte die Zölle für bestimmte Waren und versuchte, die Steuererhebung transparenter zu machen. Gleichzeitig entwertete er die Münze in seinen späteren Regierungsjahren, ein Mittel, das spätere Kaiser regelmäßig einsetzen würden und das langfristig inflationär wirkte.
Sein Bauprogramm nach dem Brand war beeindruckend. Die Domus Aurea, der "Goldene Palast", war ein architektonisches Experiment von enormem Ausmaß: ein Palastkomplex, der weite Teile des Stadtzentrums einnahm. Das machte ihn bei der Plebs unbeliebt, die ihr Land verloren hatte, auch wenn er angeblich Entschädigungen zahlte.
Das Ende: Aufstand und Tod
68 n. Chr. brach der Aufstand los. Galba, Statthalter in Spanien, erklärte sich zum Gegenkaiser. Der Senat stellte sich auf seine Seite und erklärte Nero zum Staatsfeind. Die Prätorianer, seine Leibwache, ließen ihn fallen.
Nero floh aus dem Palatin, fand Zuflucht in der Villa eines Freigelassenen außerhalb Roms und tötete sich selbst, als er die Verfolgung hörte. Seine letzten überlieferten Worte laut Sueton: "Qualis artifex pereo" ("Was für ein Künstler geht mit mir verloren"). Ob er das wirklich sagte, ist unbekannt. Es passt aber zu dem, was wir über seine Persönlichkeit wissen.
Die Legende nach dem Tod
Nero starb mit 30 Jahren. Seine Herrschaft war chaotisch, seine späteren Jahre von Paranoia geprägt. Er ließ politische Feinde exekutieren, darunter Seneca und Lucan. Er heiratete dreimal und soll eine Freigelassene als Scheinfrau behandelt haben. Das ist historisch. Die Geige, der Vatermord (er tötete seine Mutter, nicht seinen Vater), der Christen-Massenmord: hier ist historische Vorsicht angebracht.
Nach seinem Tod entstanden in den östlichen Provinzen des Reiches mehrere "falsche Neros", Männer, die behaupteten, er habe überlebt. In der Provinz Judäa, im parthischen Reich und anderswo fanden sie Anhänger. Das zeigt, dass Neros Reputation im Osten eine andere war als die, die die senatorische Aristokratie und die christliche Kirche von ihm zeichneten.
Nero war kein Monster und kein guter Kaiser. Er war ein begabter Künstler auf einem Thron, der eine andere Art von Mensch verlangte. Er war impulsiv, grausam in bestimmten Momenten, unfähig zur nüchternen Machtpolitik seiner Nachfolger. Aber das Bild, das die Nachwelt von ihm kennt, ist das Bild seiner Feinde. Und das sollte man immer mitdenken.