Die dunkle Geschichte der Operation Paperclip
DER KRIEG WAR NOCH NICHT VORBEI. Während alliierte Truppen 1945 durch Deutschland vordrangen, folgte eine andere Gruppe dicht dahinter: Teams aus amerikanischen Wissenschaftlern und Geheimdienstoffizieren, deren Auftrag nicht die Jagd auf Kriegsverbrecher war, sondern die Jagd auf Wissen. Sie suchten Raketeningenieure, Chemiker, Aerodynamiker und Waffenspezialisten. Was diese Männer in den Jahren zuvor getan hatten, interessierte Washington weniger als das, was sie in Zukunft für Amerika tun konnten.
Der Ursprung des Programms
Operation Paperclip begann offiziell im Sommer 1945, obwohl vorbereitende Aktivitäten früher einsetzten. Das Ziel war klar formuliert: Deutschland sollte nach dem Krieg nicht in der Lage sein, seine wissenschaftliche und technologische Kapazität zu nutzen, um erneut zur Gefahr zu werden. Gleichzeitig sollten die USA diese Kapazität für sich gewinnen, vor der Sowjetunion.
Das Office of Strategic Services, Vorläufer der CIA, koordinierte die Aktion gemeinsam mit dem Kriegsministerium. Rekrutierungsteams, bekannt als "T-Forces", durchkämmten Labors, Forschungszentren und Produktionsanlagen. Sie sicherten Dokumente, Blaupausen und vor allem Menschen.
Das ursprüngliche Programm hatte eine Bedingung: Personen, die als aktive Nationalsozialisten oder Kriegsverbrecher eingestuft wurden, durften nicht rekrutiert werden. Diese Bedingung wurde systematisch umgangen.
Wernher von Braun und die Raketen
Der bekannteste Fall ist Wernher von Braun. Er leitete das Raketenprogramm in Peenemünde, wo die V-2-Rakete entwickelt wurde, die auf London und Antwerpen abgefeuert wurde und Tausende von Zivilisten tötete. Die V-2 wurde in einem Untertagebetrieb namens Mittelwerk unter schrecklichen Bedingungen produziert. Zwangsarbeiter aus dem KZ Dora-Mittelbau, einem Außenlager von Buchenwald, schufteten dort bis zum Tod. Schätzungen zufolge starben mehr Menschen bei der Produktion der V-2 als durch den Einsatz der Waffe.
Von Braun war NSDAP-Mitglied und SS-Sturmbannführer. Er besuchte das Lager Mittelwerk persönlich. Was er dort sah und was er über die Bedingungen wusste, ist belegt. Nach dem Krieg wurde er als "unverzichtbar" eingestuft. Seine Akte bekam ein Paperclip, das Zeichen dafür, dass er für die USA wertvoll war. Er ging nach Texas, später nach Alabama, leitete die Entwicklung der Saturn-V-Rakete und wurde zum öffentlichen Gesicht der amerikanischen Raumfahrt.
Walter Schreiber und die Medizinversuche
Von Braun ist bekannt. Andere Fälle sind weniger prominent, aber nicht weniger problematisch. Walter Schreiber war Generalleutnant und Sanitätsoffizier der Wehrmacht. Er war in medizinische Experimente an Häftlingen in Konzentrationslagern verwickelt, darunter Versuche mit Fleckfieber, Malaria und Erfrierungen. Er wurde im Nürnberger Ärzteprozess als Zeuge vernommen, aber nicht angeklagt.
Die USA holten ihn nach Texas. Als seine Vergangenheit durch eine Journalistin ans Licht kam, wurde er 1952 still nach Argentinien ausgeflogen, wo er unter dem Schutz des dortigen Militärregimes lebte.
Hubertus Strughold und die Weltraummedizin
Hubertus Strughold gilt als "Vater der Raumfahrtmedizin". Er entwickelte Lebenserhaltungssysteme und Raumanzüge für die NASA. Sein Name stand lange auf einer Auszeichnung der amerikanischen Luftfahrtmedizin. 2006 entfernte die Schule seinen Namen, nachdem Dokumente auftauchten, die zeigten, dass er an einem Treffen teilgenommen hatte, bei dem Ergebnisse von Experimenten an Dachau-Häftlingen besprochen wurden. Kälteexperimente, Unterdruckkammern, Ertränkungsversuche unter wissenschaftlicher Beobachtung.
Ob Strughold direkt an Verbrechen beteiligt war, ist bis heute umstritten. Dass er von ihnen wusste und die Ergebnisse nutzte, ist dokumentiert.
Wie die Akten gefälscht wurden
Der Mechanismus, durch den Paperclip funktionierte, war einfach: Sicherheitsüberprüfungen wurden entweder nicht durchgeführt oder ihre Ergebnisse wurden absichtlich verfälscht. Wenn eine Prüfung ergab, dass jemand ein aktiver Nazi war, wurde der Bericht umgeschrieben. "Aktiver Nationalsozialist" wurde zu "nominelles Parteimitglied". "An Kriegsverbrechen beteiligt" verschwand aus den Akten.
Der Geheimdienst, der die Überprüfungen durchführte, stand unter Druck, Rekruten zu liefern. Die Wissenschaftler galten als strategische Ressource in einem Krieg, der noch bevorstand, dem Kalten Krieg mit der Sowjetunion. Moralische Bedenken wurden als Luxus betrachtet, den man sich in der Realität des Machtkampfes nicht leisten konnte.
Was die Sowjetunion gleichzeitig tat
Die Sowjetunion betrieb ein ähnliches Programm. Sie holten ebenfalls deutsche Wissenschaftler, aber ihre Methoden waren direkter: Sie deportierten ganze Forschungsteams mitsamt Familien in die Sowjetunion. Wissenschaftler wurden gezwungen, nicht geworben. Das macht das sowjetische Vorgehen nicht besser als das amerikanische, aber es stellt Paperclip in einen Kontext: Es war Teil eines Rüstungswettbewerbs, bei dem beide Seiten moralische Grenzen überschritten.
Helmut Gröttrup, ein Raketenspezialist der zweiten Reihe, wurde 1946 zusammen mit hunderten anderer Deutschen in die UdSSR gebracht. Ihre Arbeit floss in das sowjetische Raketenprogramm ein, das schließlich den Sputnik und den Kosmos-Start ermöglichte.
Die Konsequenzen für Amerika
Paperclip hatte reale technologische Ergebnisse. Die Fortschritte im Raketenbau, in der Luft- und Raumfahrtmedizin und in der Waffenentwicklung wurden durch das importierte Wissen beschleunigt. Der Mond wurde 1969 mit einer Rakete erreicht, die von einem Team entwickelt wurde, das von einem ehemaligen SS-Offizier geleitet wurde.
Die moralische Rechnung wurde nie gezogen. Nur wenige der rekrutierten Wissenschaftler wurden je für ihre Vergangenheit zur Verantwortung gezogen. Die meisten lebten normale amerikanische Leben, zogen Kinder groß, wurden ausgezeichnet und geehrt. Einige schrieben Autobiografien, in denen ihre Zeit im nationalsozialistischen Deutschland entweder gar nicht oder als passive Beteiligung geschildert wurde.
Was die Entklärungs-Dokumente zeigen
In den 1990er Jahren begann die US-Regierung, Dokumente zu Paperclip zu declassifizieren. Die Historikerin Annie Jacobsen und andere Forscher werteten Tausende von Seiten aus. Was sie fanden, war keine Überraschung für Fachleute, aber erschreckend in seiner Direktheit: Entscheidungen, bekannte Kriegsverbrecher zu schützen und einzusetzen, wurden auf höchster Ebene getroffen und bewusst vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten.
Das Joint Intelligence Objectives Agency, das Paperclip verwaltete, hielt die Liste der Rekruten vom State Department und vom Einwanderungsamt fern. Präsident Truman hatte explizit angeordnet, dass keine überzeugten Nationalsozialisten eingebürgert werden sollten. Diese Anordnung wurde routinemäßig ignoriert.
Das Erbe, das bleibt
Operation Paperclip ist keine abgeschlossene Geschichte. Sie stellt Fragen, die bis heute relevant sind: Wie weit darf ein Staat gehen, um technologischen Vorteil zu sichern? Welchen moralischen Preis zahlt eine Demokratie, wenn sie Täter schützt, um von ihrer Kompetenz zu profitieren? Wie wirkt es sich auf die gesellschaftliche Verarbeitung von Kriegsverbrechen aus, wenn Täter nicht nur unbestraft bleiben, sondern als Helden gefeiert werden?
Die Überlebenden der Zwangsarbeit in Mittelwerk lebten größtenteils ohne Entschädigung in Osteuropa. Die Männer, die ihr Leiden ermöglicht hatten, wurden in den USA mit Forschungsmitteln und Auszeichnungen bedacht.
Das ist die Geschichte der Operation Paperclip. Kein Ruhmesblatt, sondern ein Zeugnis davon, wie pragmatische Staatsräson moralische Grundsätze beiseite schiebt, wenn die Kosten dafür unsichtbar bleiben.