Wie Pizarro das Inkareich eroberte
Im November 1532 standen 168 spanische Männer unter Francisco Pizarro auf dem Platz von Cajamarca. Ihnen gegenüber lagerte das Heer des Inka-Herrschers Atahualpa, Schätzungen reichen von 40.000 bis 80.000 Krieger. Was auf diesem Platz geschah, veränderte den Lauf der Geschichte eines ganzen Kontinents. Wie war das möglich?
Francisco Pizarro: Der Mann
Pizarro war kein Edelmann. Er war ein illegitimer Sohn eines kastilischen Offiziers, aufgewachsen in der Armut Extremaduras. Er konnte weder lesen noch schreiben. Er hatte keine militärische Ausbildung, keine Verbindungen, kein Kapital. Was er hatte, war eine außergewöhnliche physische Zähigkeit und ein vollständiger Mangel an Selbstzweifeln in Situationen, die normale Menschen zur Umkehr bewogen hätten.
Er hatte bereits zwei gescheiterte Expeditionen nach Südamerika hinter sich. Die zweite, 1527, lieferte genug Information, um sicher zu sein: Im Süden gab es ein Großreich mit immensem Reichtum. Er kehrte nach Spanien zurück, erhielt von Karl V. eine Genehmigung für eine dritte Expedition und kam 1531 zurück nach Amerika.
Die Verhandlung mit dem spanischen Hof zeigte Pizarros pragmatischen Charakter. Er brachte Goldproben mit, Textilmuster und zwei oder drei Inkas als lebende Beweisstücke. Er bekam, was er brauchte: Titel, Genehmigung und die Erlaubnis, zu landen und zu plündern, so lange er der Krone ihren Fünftel-Anteil zahlte.
Der Kontext: Ein Reich in der Krise
Pizarros Timing war katastrophal für die Inkas und perfekt für ihn. Der Erbfolgekrieg zwischen Huascar und Atahualpa hatte das Reich jahrelang gespalten. Atahualpa hatte gesiegt, aber zu einem Preis. Große Teile des Adels waren gegen ihn. Regionen, die Huascar unterstützt hatten, warteten auf die Gelegenheit zur Revanche. Das Reich war ein geeinigtes Gebilde auf dem Papier, aber innerlich tief gespalten.
Gleichzeitig hatten Seuchen, wahrscheinlich von der karibischen Küste aus durch Handelskontakte eingeschleppt, die Bevölkerung bereits dezimiert. Schätzungen zufolge starben in den Jahren vor Pizarros Ankunft durch Pocken, Masern und andere eingeschleppte Krankheiten zwischen 30 und 60 Prozent der andinen Bevölkerung. Die gesellschaftliche Ordnung war erschüttert.
Der Marsch nach Cajamarca
Pizarros 168 Mann marschierten von der Küste ins Hochland, durch Gebirge, die für europäische Soldaten in Rüstung physisch extrem belastend waren. Sie wurden nicht angegriffen. Atahualpa beobachtete sie kommen. Er ließ sie kommen.
Atahualpa verstand die Fremden nicht als existenzielle Bedrohung. Er hatte gerade ein riesiges Heer besiegt. Ein paar Dutzend fremde Männer mit seltsamen Tieren schienen keine ernste Gefahr zu sein. Er war neugierig. Er wollte sie sehen. Er schickte Boten zu Pizarro und arrangierte eine Begegnung in Cajamarca.
Das war sein entscheidender Fehler: die Fremden zu unterschätzen.
Die Falle von Cajamarca
Pizarro bereitete Cajamarca vor. Die Gebäude rund um den Hauptplatz wurden mit Soldaten gefüllt. Die Kanonen wurden positioniert. Die Kavallerie stand bereit. Die Spanier waren nervös, das bezeugen zeitgenössische Berichte, aber das System war aufgestellt.
Am 16. November 1532 betrat Atahualpa den Platz in Trägerportechaisen, umgeben von Tausenden von Gefolgsleuten. Pater Vicente de Valverde trat vor und präsentierte einen Kolonisationstext, das sogenannte Requerimiento, einen juristischen Unsinn, der die Ureinwohner aufforderte, das Christentum anzunehmen und sich der spanischen Krone zu unterwerfen. Atahualpa verstand kein Wort. Valverde gab ihm eine Bibel. Atahualpa warf sie auf den Boden.
Das war das Signal. Pizarro gab den Befehl. Kanonen feuerten in die dichte Menge. Die Kavallerie stürmte heraus. Die spanischen Fußsoldaten metzelten mit Schwertern. Atahualpas Gefolgsleute hatten keine Waffen und keine Möglichkeit, in dem engen Raum zu entkommen. Die Panik vollendete das Massaker.
Innerhalb von Stunden waren bis zu 6.000 Inkas tot. Kein einziger Spanier starb, obwohl Pizarro selbst verletzt wurde, als er Atahualpa schützend umfasste, um zu verhindern, dass seine eigenen Männer ihn töteten. Atahualpa war lebend wertvoller als tot.
Das Lösegeld und der Verrat
Atahualpa verstand, was die Spanier wollten. Er bot an, das Lösegeld zu zahlen: einen Raum von etwa 6,7 mal 5,2 Meter bis zu einer Höhe von über zwei Metern voll Gold, und zwei kleinere Räume voll Silber. Das war die größte Lösegeldsumme der Geschichte.
Das Gold und Silber kamen. Aus Tempeln, Palästen und Staatslagerhäusern wurden Objekte gebracht, eingeschmolzen und zu Barren verarbeitet. Der Gesamtwert in heutigen Preisen ist schwer zu schätzen, aber das Gold allein entsprach mehreren Tonnen reinen Goldes.
Die Spanier kassierten das Lösegeld. Dann ließen sie Atahualpa hinrichten. Der offizielle Vorwurf war, er habe seinen Bruder Huascar töten lassen, was stimmte, aber für Spanier eigentlich keine Jurisdiktion begründete. Atahualpa wurde am 26. Juli 1533 erdrosselt, nachdem er zum Christentum konvertiert war, was ihm ursprünglich das Versprechen einbrachte, nicht verbrannt zu werden. Die Verbrennung hätte in der inka-schen Weltanschauung die Auferstehung unmöglich gemacht. Selbst am Ende navigierte er in einem System, dessen Regeln er gerade erst lernte.
Der Zusammenbruch der Strukturen
Mit Atahualpas Tod zerbrach die Befehlskette des Reiches. Die Inkas hatten kein System, das unterhalb des Sapa Inca funktionieren konnte. Jede Entscheidung, jede Bewegung von Ressourcen, jede Koordination von Truppen ging durch die Person des Herrschers. Ohne ihn gab es keine Koordination.
Pizarro nutzte das aus. Er setzte einen kontrollierten Marionettenherrscher ein, Manco Inca, einen Bruder Atahualpas, der ursprünglich froh war, von den Spaniern gegen die Fraktion seines Bruders unterstützt zu werden. Das war ein klassischer Schachzug: die internen Konflikte des Feindes nutzen, um Kontrolle zu gewinnen.
Manco Inca erkannte die Falle, als es zu spät war. Als er 1536 einen Aufstand versuchte, war es bereits zu spät. Spanische Garnisonen kontrollierten die wichtigsten Städte. Epidemien hatten die Bevölkerung weiter dezimiert. Der Aufstand wurde niedergeschlagen.
Das Nachspiel: Spanier gegen Spanier
Das Ende des Inkareiches löste keinen Frieden aus. Es löste Bürgerkriege unter den Spaniern aus. Pizarros Kompagnon Diego de Almagro, der auf seine eigene Kosten an der Expedition beteiligt gewesen war, forderte seinen Anteil. Es gab Streit um Cusco und die Kontrolle über die reichsten Gebiete.
Almagro unternahm eine unglückliche Expedition nach Chile, fand dort kein Gold und kehrte verbittert zurück. 1538 ließ Pizarro ihn gefangen nehmen und hinrichten. 1541 wurde Pizarro selbst von Almagros Anhängern in seinem Palast in Lima ermordet.
Der Mann, der das größte Reich Südamerikas zerstört hatte, starb auf dem Boden seines eigenen Speisesaals, sein Blut mit den Fingern aufzeichnend. Was bleibt, ist eine Geschichte, die zeigt: Conquistadoren können ein Reich zerstören, aber das macht sie noch nicht zu Bauern der Zivilisation. Was nach dem Untergang der Inkas kam, war nicht Ordnung. Es war Gewalt auf anderen Grundlagen.
Das Erbe
Die Bevölkerung der Anden kollabierte nach der Konquista auf einen Bruchteil ihrer vorherigen Größe. Schätzungen reichen von 90 Prozent Bevölkerungsrückgang innerhalb eines Jahrhunderts. Das war in erster Linie die Wirkung von Krankheit, nicht von Schwertern. Aber Krankheit und Kolonialherrschaft sind nicht zu trennen: Die Kolonialisierung schuf die Bedingungen, unter denen Seuchen verheerend wirken konnten.
Quechua lebt, wie bereits gesagt. Das Inkareich lebt in seinen Ingenieursleistungen: Machu Picchu ist heute Weltkulturerbe und einer der meistbesuchten Orte der Welt. Ein Reich, das keine Schrift kannte, hinterließ Steine, die 500 Jahre Erdbeben überstanden haben. Das ist seine eigene Form von Erinnerung.