Die Psychologie von Jeffrey Dahmer
EIN MANN LÄDT FREMDE MÄNNER in seine Wohnung ein. Er betäubt sie, tötet sie, führt sexuelle Handlungen mit den Leichen durch, und verzehrt Teile von ihnen. Über 13 Jahre. 17 Opfer. In einer Wohnung in Milwaukee, Wisconsin. Die Nachbarn beschweren sich über seltsame Gerüche. Ein Opfer flieht benommen und nackt auf die Straße. Die Polizei gibt ihn zurück.
Jeffrey Dahmer wurde 1991 verhaftet. Was in den Monaten danach durch Verhöre, psychiatrische Gutachten, und den Prozess ans Licht kam, ist eine der am intensivsten dokumentierten Studien über die Entwicklung schwerer psychopathologischer Störungen, die die forensische Psychiatrie kennt.
Die frühe Entwicklung
Jeffrey Dahmer wurde 1960 in Milwaukee geboren. Seine Kindheit war äußerlich unauffällig, obwohl Zeugnisse aus seiner Familie auf frühe Schwierigkeiten hindeuten. Seine Mutter Joyce litt an ernsthaften psychischen Problemen, die die Familienatmosphäre belasteten. Sein Vater Lionel war oft abwesend.
In der Grundschule war Dahmer ein aufgewecktes, wenn auch eher stilles Kind. Lehrer beschrieben ihn als intelligent, aber zunehmend zurückgezogen. Mit der Pubertät begannen Probleme, die in der Rückschau als frühe Warnsignale gelten.
Dahmer entwickelte eine intensive Faszination für tote Tiere. Er sammelte Tierkadaver, skelettierte sie, konservierte sie in Formaldehyd. Sein Vater, selbst Chemiker, sah darin zunächst wissenschaftliches Interesse und half ihm, die Technik zu verfeinern. Diese Faszination für Zerlegung, für das Innenleben von Körpern, blieb ein Kernthema seines späteren Verhaltens.
Mit 14 Jahren erkannte Dahmer nach eigenem Bericht seine Homosexualität. In einer Kleinstadt Ohio der 1970er Jahre war das eine Erfahrung der totalen Isolation. Er unterdrückte diese Erkenntnis, hatte keine gleichaltrigen Freunde, die er einweihen konnte, und keinen Zugang zu Unterstützung oder Gemeinschaft.
Die erste Tat und der Kontext
Dahmers erste Tötung erfolgte 1978, kurz nach seinem Abschluss von der High School, in einem Moment familiärer Desorganisation. Sein Vater war ausgezogen, seine Mutter war mit seinem jüngeren Bruder zu Verwandten gezogen. Dahmer war allein im Haus.
Er nahm einen jungen Mann per Anhalter mit, Steven Hicks, der auf dem Weg zu einem Konzert war. Sie tranken Bier, redeten. Als Hicks gehen wollte, schlug Dahmer ihn von hinten mit einer Hantel. Er tötete ihn, zerlegte die Leiche, und vergrub die Überreste im Garten.
Danach folgten über neun Jahre ohne weitere Tötungen. Dahmer studierte kurz, brach ab, trat in die Armee ein, wurde wegen Alkoholmissbrauchs entlassen. Er lebte bei seinen Großeltern. 1987 tötete er wieder.
Forensische Psychiater sehen in dieser Pause keinen Beweis für Kontrollfähigkeit, sondern für situative Einschränkungen. Dahmer hatte weniger Gelegenheiten und möglicherweise weniger ausgeprägten Drang in Perioden, in denen er in strukturierten Umgebungen lebte.
Die psychologischen Diagnosen
Im Zuge des Prozesses 1992 wurde Dahmer von mehreren Psychiatern und Psychologen auf beiden Seiten der Verteidigung und Anklage untersucht. Die Diagnosen differierten in Details, aber es kristallisierten sich einige Kernbefunde heraus.
Alle Gutachter stimmten in der Diagnose einer schweren Persönlichkeitsstörung überein. Die genaue Klassifikation variierte: manche diagnostizierten eine antisoziale Persönlichkeitsstörung, andere eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, wieder andere eine schizoide Persönlichkeitsstörung.
Der für Dahmer charakteristischste psychologische Befund war eine spezifische Form des Sadismus verbunden mit Nekrophilie: die sexuelle Anziehung zu toten oder bewusstlosen Körpern. Dahmer hat in Verhören erklärt, was ihn trieb: Er wollte Kontrolle, er wollte Nähe, und er hatte Angst vor Verlassenwerden. Ein toter Körper würde ihn nicht verlassen.
Diese Aussage ist psychiatrisch aufschlussreich. Sie beschreibt eine extreme, pathologische Ausprägung eines menschlichen Grundbedürfnisses: Bindung und Kontrolle über Verlust. Die meisten Menschen entwickeln gesunde Strategien für dieses Bedürfnis. Dahmer entwickelte keine.
Alkohol, Dissoziation und Rituale
Alkohol spielte eine bedeutende Rolle in Dahmers Entwicklung und in seinen Taten. Er begann schon in der High School stark zu trinken und beschrieb Alkohol später als Mittel, den ständigen Druck seiner Fantasien zu dämpfen.
Seine späteren Verbrechen folgten einem ritualisierten Muster. Er lockte Männer, häufig schwarze oder asiatische Männer aus marginalisierten Verhältnissen, in seine Wohnung mit dem Versprechen von Geld für Fotos oder einfach mit Alkohol und Gesellschaft. Er betäubte sie mit Schlafmitteln, die er in Getränke mischte. Dann tötete er sie, fotographierte die Leichen, führte sexuelle Handlungen durch, und zerlegte die Körper.
Teile von Opfern bewahrte er auf. Köpfe im Kühlschrank. Organe in der Tiefkühltruhe. Er aß Teile von Opfern, was er damit erklärte, dass er so das Gefühl hatte, sie seien dauerhaft bei ihm, ein Teil von ihm.
Diese Rituale zeigen eine schwere Dissoziation von sozialen Normen, aber keine Psychose im klassischen Sinne. Dahmer plante, täuschte, handelte strategisch. Er verstand, was er tat, und wusste, dass es falsch war. Das war der Kern des Prozessarguments über seine Zurechnungsfähigkeit.
Der Prozess und die Frage der Zurechnungsfähigkeit
Dahmers Verteidigung plädierte auf nicht schuldig aufgrund von Geisteskrankheit. Die Argumentation war: Dahmer konnte seine Handlungen nicht kontrollieren, weil er an einer schweren Paraphilie und Persönlichkeitsstörung litt, die sein Urteilsvermögen aufhoben.
Die Anklage argumentierte, Dahmer sei zurechnungsfähig: Er plante seine Taten, er räumte auf, er entsorgte Beweise, er log Behörden an. Als ein Opfer, der junge Konerak Sinthasomphone, blutend und benommen auf der Straße gefunden wurde, überredete Dahmer die Polizisten, ihn zurückzugeben, mit der falschen Behauptung, es handele sich um seinen volljährigen Freund. Die Polizisten übergaben den 14-Jährigen. Dahmer tötete ihn kurz danach.
Die Jury entschied nach 57 Stunden Beratung: Dahmer war zurechnungsfähig. Er wurde zu 15 aufeinanderfolgenden lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Ein 16. Opfer wurde nach dem Prozess entdeckt.
Das Versagen der Institutionen
Was den Dahmer-Fall über eine individuelle Tragödie hinaushebt, ist das Versagen mehrerer institutioneller Sicherheitsnetze.
Die Polizei übergab ein Opfer zurück an seinen Mörder, obwohl Nachbarn bereits Alarmzeichen gemeldet hatten. Es gibt Hinweise, dass rassistische Vorurteile eine Rolle spielten: Die Nachbarin, eine schwarze Frau, die die Polizisten warnte, der Junge sei nicht Dahmers Freund, wurde nicht ernst genommen.
Dahmer war 1988 wegen sexueller Belästigung eines Minderjährigen verurteilt worden, zu einem Jahr Haft auf Bewährung. Er war auf Bewährung, als er fortfuhr zu töten. Sein Bewährungshelfer besuchte ihn nie in seiner Wohnung.
Psychiater, die Dahmer für seinen 1988er-Fall untersuchten, empfahlen keine intensive Behandlung. Es ist schwer zu sagen, ob eine Intervention damals geholfen hätte. Aber die Mechanismen, die hätten eingreifen können, versagten auf mehreren Ebenen.
Das Ende und die bleibenden Fragen
Jeffrey Dahmer wurde im November 1994 in einem Gefängnisreinigungsraum von einem Mitgefangenen erschlagen. Sein Tod beendete die Möglichkeit weiterer Verhöre und weiterer psychiatrischer Untersuchungen.
Was bleibt, ist ein Fall, der die Grenzen psychiatrischen Verstehens zeigt. Wir können beschreiben, was Dahmer tat. Wir können Diagnosen stellen und frühe Risikofaktoren benennen. Aber eine vollständige Erklärung, die den Schritt von einem isolierten Teenager zu einem Serienmörder kausal nachzeichnet, gibt es nicht.
Das ist keine Bescheidenheit der Wissenschaft, es ist Ehrlichkeit. Menschliches Verhalten, auch in seinen extremsten Ausprägungen, ist das Ergebnis einer komplexen Wechselwirkung aus Biologie, Psychologie, Familiengeschichte, Gesellschaft und Zufall. Dahmer ist ein Extremfall, der zeigt, wohin diese Wechselwirkung gehen kann, wenn alles in eine bestimmte Richtung läuft. Mehr als das lässt sich seriös nicht behaupten.