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Sumerische Mythologie und Gotter: Die altesten Geschichten der Menschheit

Veröffentlicht 2026-06-02·6 Min. Lesezeit

Zwischen dem Tigris und dem Euphrat, im heutigen Irak, entstand vor uber 5.000 Jahren die erste Hochzivilisation der Welt: Sumer. Die Sumerer erfanden das Rad, die Schrift und das Biertrinken als gesellschaftliches Ritual. Sie schufen auch die altesten erhaltenen Mythen der Menschheit, Geschichten von Schopfung, Flut, Unsterblichkeit und Gotter, die den Menschen formten und ihn pruften.

Was diese Mythen faszinierend macht: Viele Motive sind aus der Bibel und der griechischen Mythologie bekannt. Die Sintflut, der paradiesische Garten, der Kampf des Helden gegen Monster, der Abstieg in die Unterwelt. Die Sumerer waren zuerst da.

Das sumerische Pantheon

Die sumerische Gotterwelt war komplex und hierarchisch. An der Spitze stand die "Versammlung der Gotter", An (Himmelsgott), Enlil (Gott des Windes und der Luft), Enki (Gott des Wassers und der Weisheit) und Ninhursag (Erdgottin und Schopferin).

An war der Vater der Gotter, thronte im fernen Himmel und mischte sich wenig in menschliche Angelegenheiten. Enlil war machtiger im praktischen Sinne: Er kontrollierte das Wetter, bestimmte uber Ernte und Zerstorung, konnte Sturme senden und Fluten auslosen. Die Sumerer sahen Enlil sowohl als Schutzgott als auch als furchtbare Kraft.

Enki war der Gott der Weisheit, des sussen Wassers und der Handwerkskunste. Er war Schutzer der Menschheit und trickreich wie kein anderer. In vielen Mythen ist es Enki, der die Menschen vor den harschen Entscheidungen der anderen Gotter bewahrt, manchmal durch offene Argumentation, manchmal durch Listen.

Inanna (spater in Babylon als Ishtar bekannt) war die Gottin der Liebe, des Krieges und des Himmels. Sie ist eine der faszinierendsten Gestalten der antiken Mythologie: gleichzeitig Liebesgottin und Kriegerin, verletzte Frau und ruchlose Machthaberin. Der Mythos ihres Abstiegs in die Unterwelt ist ein literarisches Meisterwerk.

Die Schopfung des Menschen

Wie entstand der Mensch? Die sumerische Antwort ist pragmatisch: Die Gotter hatten genug vom Arbeiten. Sie mussten Kanale graben, Felder bewassern, Nahrung produzieren. Das war muhsam. Also schufen sie eine niedere Schopfung, die diese Arbeit ubernahm: den Menschen.

Im Mythos "Enki und Ninmah" forme Enki Menschen aus Ton, gemischt mit dem Blut eines getoteten Gottes. Ninmah, die Erdgottin, gab ihnen Form. Dann tranksten beide Bier, wurden betrunken und begannen eine Art Wettbewerb: Ninmah formte unvollkommene Menschen, Blinde, Lahme, Schwachsinnige, und Enki musste fur jeden eine Rolle in der Gesellschaft finden. Er schaffte es jedes Mal, was die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in der sumerischen Gesellschaft mythologisch rechtfertigte.

Das ist eine andere Schopfungsgeschichte als die biblische. Der Mensch wurde nicht aus Liebe erschaffen, sondern aus Nutzlichkeit. Die Gotter brauchten Arbeitskrafte. Das ist ernuchternd, aber ehrlicher als viele spatere Schopfungsnarrative.

Gilgamesch: Der erste Held der Weltliteratur

Das Gilgamesch-Epos ist das alteste erhaltene literarische Werk der Menschheit, geschrieben auf Keilschrifttafeln, die etwa 4.000 Jahre alt sind. Es handelt von Gilgamesch, dem Konig von Uruk, der zwei Drittel Gott und ein Drittel Mensch ist, and von seinem Freund Enkidu, einem wilden Menschen, der aus der Natur kommt.

Gilgamesch ist kein einfacher Held. Er ist tyrannisch, schlafarend, unangemessen in seinem Machtmissbrauch. Die Gotter schicken Enkidu als Gegenkraft. Die beiden kampfen, werden Freunde, ziehen gemeinsam aus, besiegen Humba, den Wachter der Zedernwaler. Dann stirbt Enkidu, von den Gottern gestraft.

Der Tod des Freundes ist der Wendepunkt des Epos. Gilgamesch, mit der Verganglichkeit konfrontiert, sucht nach Unsterblichkeit. Er reist ans Ende der Welt und findet Utnapischtim, den einzigen Menschen, der Unsterblichkeit erlangt hat. Utnapischtim erzahlt ihm, wie es dazu kam: Er hatte die Menschheit durch eine grosse Flut gerettet, war von den Gottern belobt worden.

Die Flutgeschichte in Gilgamesch ist der Sintflutgeschichte der Bibel erschreckend ahnlich: Ein Gott warnt einen frommen Mann, ein Schiff zu bauen, Tiere mitzunehmen, die Flut abzuwarten. Das Schiff setzt auf einem Berg auf. Ein Vogel wird ausgesandt. Die Parallelen sind so deutlich, dass die meisten Historiker annehmen, die biblische Geschichte sei beeinflusst durch sumerische und babylonische Vorlagen.

Inanna steigt in die Unterwelt

Der Mythos von Inannas Abstieg in die Unterwelt ist einer der schonsten und merkwurdigsten Texte der Antike. Inanna beschliesst, die Unterwelt zu besuchen, das Reich ihrer Schwester Ereschkigal. Sieben Tore muss sie passieren, an jedem Tor legt sie ein Kleidungsstuck oder einen Schmuckstuck ab, bis sie nackt und machtlos vor Ereschkigal steht.

Ereschkigal totert sie mit dem "Blick des Todes" und hangt ihren Leichnam an einen Haken. Drei Tage und drei Nachte hangt Inanna da. Dann schickt Enki Gesandte, die die Unterwelt beschwichtigen und Inanna zum Leben zuruckbringen.

Der Mythos hat viele Interpretationen. Manche sehen darin einen Naturzyklus: Inanna als Gottin der Fruchtbarkeit, die im Winter in die Unterwelt geht und im Fruhling zuruckkehrt. Andere sehen eine psychologische Geschichte uber Transformation durch Verlust. Dass eine Gottin stirbt und wiedergeboren wird, findet sich spater in vielen Religionen wieder, von Osiris bis Christus.

Sintflut: Bevor Noah da war

Die Sintflutgeschichte taucht in sumerischen Texten auf, die alter sind als jede biblische Aufzeichnung. Im "Atrahasis-Epos" beschliest Enlil, die Menschheit durch eine Flut zu vernichten, weil sie zu laut ist. Die Menschheit stort den Schlaf der Gotter durch ihren Larmen, eine erstaunlich mundane Motivation fur eine Apokalypse.

Enki, der heimliche Freund der Menschheit, warnt Atrahasis (dessen Name "der Sehr Weise" bedeutet) und tragt ihm auf, ein Schiff zu bauen. Atrahasis uberlebt die Flut, opfert nach der Flut den Gottern. Die Gotter, die seit der Flut keinen Opferrauch mehr gerochen haben, kommen begierig herbei. Enlil ist wutend, dass jemand uberlebt hat. Enki gesteht seinen Regelbruch.

Das ist eine ehrlichere Version als die biblische: Die Gotter sind nicht einig. Sie haben Eigeninteressen. Der "gute" Gott bricht Regeln, um die Menschheit zu retten. Die Moral ist nicht eindeutig.

Warum sumerische Mythologie wichtig ist

Die sumerischen Mythen zeigen, dass die Grundfragen der Menschheit seit Jahrtausenden dieselben sind: Warum gibt es Schmerz? Warum sterben Menschen? Kann man gegen den Tod ankampfen? Warum haben Gotter manchmal keine Kontrolle uber das Chaos?

Die Antworten der Sumerer unterscheiden sich von spateren monotheistischen Antworten. Ihre Gotter sind fehlbar, eigennuzig, sterblich in gewissem Sinne. Es gibt kein gutes und boses Prinzip, nur Krafte mit unterschiedlichen Interessen. Das ist polytheistisches Denken: Die Welt ist komplex, und die uberirdische Welt spiegelt diese Komplexitat wider.

Das Gilgamesch-Epos endet ohne Triumph. Gilgamesch findet die Pflanze der ewigen Jugend, verliert sie an eine Schlange und kehrt nach Uruk zuruck, ohne die Unsterblichkeit erlangt zu haben. Die letzte Botschaft des Epos ist seine Stadtmauer: Du wirst sterben, aber das, was du gebaut hast, bleibt. Das ist kein trotziger Trost. Das ist Realismus, 4.000 Jahre alt.

Keilschrift und Entschlusselung

Die sumerischen Texte existieren, weil in Mesopotamien Ton uberall verfugbar war. Schreiber druckten Zeichen in feuchten Ton, der dann trocknete oder gebrannt wurde. Tontafeln uberstehen Jahrtausende, wo Papyrus und Pergament vermodern.

Die Entschlusselung der Keilschrift begann im 19. Jahrhundert. Henry Rawlinson kopierte in den 1830er-Jahren eine dreisprachige Inschrift vom Fels von Behistun im Iran, uber 100 Meter uber dem Boden, indem er sich an Seilen uber den Fels hing. Diese Inschrift enthielt persische, elamische und babylonische Keilschrift, und ermoglichte die Entschlussselung.

Was die Entschlussselung enthullte, war fur das 19. Jahrhundert ein Schock: Texte, die alter als die Bibel waren und erstaunliche Parallelen enthielten. George Smith, ein britischer Assyriologe, entdeckte 1872 die Gilgamesch-Sintflutstory, las sie und verlieb aufgeregt seinen Schreibtisch, lief durch das British Museum und begann, Kleidungsstucke auszuziehen, angeblich aus purer Aufregung. Die Entdeckung war ein Erdbeben fur das religiose Weltbild des viktorianischen England.

Wer die altesten Geschichten der Menschheit verstehen will, muss bei Sumer beginnen. Alles andere kommt spater.

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