Was wirklich in Pompeji passierte
Ein Tag, der eine Stadt auslöschte
Am 24. August 79 n. Chr. explodierte der Vesuv. Innerhalb von Stunden war Pompeji verschwunden. Das weiß jedes Schulkind. Aber was wirklich in diesen Stunden passierte, ist dramatischer, physikalisch faszinierender und in manchen Details überraschend anders als das vertraute Bild.
Die Geschichte der Stadt, die unter Asche begraben wurde und 1700 Jahre später wiederentstand, ist eine der bekanntesten der Altertumswissenschaft. Und sie wird durch neue archäologische und vulkanologische Erkenntnisse ständig neu geschrieben.
Pompeji vor dem Ausbruch
Pompeji war keine kleine Stadt. Schätzungen gehen von 11.000 bis 20.000 Einwohnern aus. Die Stadt lag an einer strategisch wichtigen Handelsroute zwischen Neapel und Herculaneum. Sie hatte ein Amphitheater, das etwa 20.000 Zuschauer fasste, mehrere Thermen, ein Forum, Dutzende Tempel und Gaststätten. Auf den Straßen liefen Maultiere, Händler riefen ihre Waren aus, in den Thermopolien (Fast-Food-Läden der Antike) köchelte Eintopf.
17 Jahre vor dem katastrophalen Ausbruch hatte ein schweres Erdbeben die Stadt schwer beschädigt. 62 n. Chr. begannen die Reparaturarbeiten. Als der Vesuv 79 n. Chr. ausbrach, waren viele Gebäude noch im Wiederaufbau. Das ist kein Zufall: Das Erdbeben war wahrscheinlich ein Vorläufer vulkanischer Aktivität. Die Bewohner Pompejis lebten auf einem Pulverfass und wussten es nicht.
Der Ausbruch: Phase für Phase
Der Ausbruch des Vesuvs 79 n. Chr. war eine sogenannte plinianische Eruption, benannt nach Plinius dem Jüngeren, der ihn aus sicherer Entfernung beobachtete und in zwei Briefen an Tacitus beschrieb. Plinius beschreibt eine Wolke, die "wie eine Pinie" aufstieg, in großer Höhe in der Breite zunahm und sich über die Region erstreckte.
In der ersten Phase, die viele Stunden dauerte, schleuderte der Vesuv Asche und Bimsstein in die Luft. In Pompeji, südöstlich des Vulkans, regnete es Bimsstein. Die Bimssteinschicht wuchs auf 1,4 Meter an. Wer in dieser Phase geflohen war, hatte gute Überlebenschancen. Wer blieb, wurde von Bimssteinbrocken erschlagen oder begrub sich unter dem Gewicht der Dächer.
Dann kam die zweite Phase: pyroklastische Ströme. Das ist das, was Pompeji wirklich vernichtete. Pyroklastische Ströme sind Gemische aus heißem Gas, Asche und Gesteinsbrocken, die mit Geschwindigkeiten von 100 bis 700 Kilometern pro Stunde den Hang herunterrauschen. Temperaturen können 300 bis 800 Grad Celsius erreichen. Kein Mensch, der in ihrem Weg steht, überlebt.
Wie die Menschen starben
Die berühmten Abgüsse der Pompejier, die in Gips gegossenen Hohlräume, die Körper hinterlassen haben, zeigen Menschen in Todeshaltungen: zusammengekauert, die Arme schützend vors Gesicht gehalten. Lange interpretierte man das als langsames Ersticken unter Asche.
Neuere Forschung, insbesondere von Vulkanologen um Pierpaolo Petrone, zeigt ein anderes Bild. Analysen von Knochen der Pompejier ergaben Hinweise auf extrem schnelle Hitzeeinwirkung: Glassphären aus verdampften Körperflüssigkeiten wurden in Schädelknochen gefunden. Das deutet darauf hin, dass viele Pompejier nicht erstickten, sondern innerhalb von Sekunden starben: Der pyroklastische Strom heizte die Luft so schnell auf, dass das Blut in den Gehirnen buchstäblich verdampfte.
Das ist physiologisch präziser und für die Opfer paradoxerweise schneller als langsames Ersticken. Aber es ist auch eine andere Geschichte als die vertraute.
Herculaneum: Das andere Opfer
Pompeji bekommt die meiste Aufmerksamkeit, aber die Nachbarstadt Herculaneum wurde auf andere Weise vernichtet. Sie lag näher am Vesuv und wurde nicht primär von Bimsstein begraben, sondern von pyroklastischen Strömen überrollt. Dadurch sind die organischen Materialien in Herculaneum besser erhalten als in Pompeji: Holzmöbel, Papyrusrollen, Lebensmittel.
An den Stränden Herculaneums fanden Archäologen in den 1980er Jahren etwas Erschreckendes: Hunderte von Skeletten in Bootshäusern. Diese Menschen hatten offenbar auf eine Evakuierung gewartet. Sie kamen nie. Analysen der Skelette zeigen dieselben Zeichen schneller Hitzeeinwirkung wie in Pompeji.
Die Entdeckung: Wiedergeburt einer Stadt
Pompeji verschwand nicht vollständig aus dem Gedächtnis. Mittelalterliche Texte erwähnen ein Gebiet namens "Civita" über der begrabenen Stadt. Gelegentliche zufällige Funde von Fresken oder Skulpturen gab es immer wieder. Aber die systematische Ausgrabung begann erst 1748, unter dem Auftrag von König Karl III. von Neapel.
Was die ersten Ausgräber fanden, schockierte und faszinierte Europa. Pompeji war eine Zeitkapsel der Antike: Fresken in leuchtenden Farben, Inschriften an Wänden, Graffiti, Wahlplakate, Bordell-Inschriften. Eine Stadt, gefangen im Moment ihres Todes.
Die frühen Ausgrabungen waren nach modernen Standards katastrophal. Schätze wurden ohne Kontext geborgen und in Museen gebracht. Empfindliche Fresken wurden freigelegt und zerfielen an der Luft. Ganze Bereiche wurden ausgegraben und dann nicht gesichert. Was die Römer nicht zerstört hatten, drohten die Ausgräber zu vernichten.
Was das Graffiti verrät
Zu den aufregendsten Funden in Pompeji gehört nicht Gold oder Skulpturen, sondern das Graffiti. Über 11.000 Inschriften wurden dokumentiert, von denen viele an Wänden, Ladentheken und öffentlichen Gebäuden geritzt oder gemalt sind. Sie sind ein direktes Fenster in den Alltag der Stadt.
Wahlkampagnen finden sich: "Die Mulihändler bitten euch, Gaius Julius Polybius zum Duumvir zu wählen." Liebeserklärungen: "Ich war hier." Warnungen: "Wer hier pisst, soll Pech haben." Wirtshauswerbung, Drohungen, Rechnungen. Das Graffiti zeigt eine Stadt mit funktionierender Zivilgesellschaft, Humor und politischem Leben.
Die jüngsten Entdeckungen
Seit 2018 läuft das "Große Pompeji-Projekt", das mit moderner Technologie unausgegrabene Bereiche untersucht. Die Ergebnisse sind bemerkenswert. 2019 wurde ein "Thermopolium" vollständig ausgegraben: ein Fast-Food-Laden mit bemalten Theken, in denen die Töpfe noch in situ lagen. Analyse des Inhalts ergab: ente-artige Knochen, Schwein, Rind, Schnecken, Fisch. Die Pompejer aßen gut, vielfältig und schnell.
2020 fanden Archäologen das Skelett eines Mannes, dem kurz nach dem Ausbruch der Kopf von einem Felsblock abgetrennt wurde. Er war wohl verwundet und konnte nicht fliehen. Der Stein hatte ihn mitgerissen.
2021 wurde ein vollständiger Streitwagen mit Metallverzierungen und organischen Resten ausgegraben, der wahrscheinlich für rituelle Umzüge benutzt wurde. Er ist einer der am besten erhaltenen seiner Art.
Was Pompeji über uns sagt
Pompeji fasziniert nicht nur als archäologische Fundstätte. Es fasziniert, weil es zeigt, wie normal das Leben war, das so plötzlich aufhörte. Menschen kauften Brot. Studenten kratzten Hausaufgaben an Wände. Trinker schrieben ihre Vorlieben auf Schanktheken. Verliebte ritzten ihre Namen ein.
Und dann war alles vorbei. Innerhalb von Stunden. Das macht Pompeji zu einem Denkmal nicht nur für eine einzelne Stadt, sondern für die Zerbrechlichkeit aller Zivilisation.