Wie Alexander der Große wirklich starb
Babylon, Juni 323 v. Chr.
Alexander der Große lag zwölf Tage lang sterbend in Babylon. Er hatte gerade Pläne für neue Feldzüge gemacht, nach Arabien und vielleicht nach Westen. Dann begannen Fieber und Schwäche, die nicht nachließen. Am 10. oder 11. Juni 323 v. Chr. starb er. Er war 32 Jahre alt. Sein Reich, das von Griechenland bis Nordwestindien reichte, zerbrach innerhalb weniger Jahrzehnte, weil es keinen klaren Erben gab.
Was Alexander tötete, ist eine der beständigsten Fragen der antiken Geschichte. Die Antworten reichen von natürlicher Krankheit über Alkohol bis zu geplanter Vergiftung. Jede Theorie hat Argumente. Keine ist abschließend bewiesen.
Was die antiken Quellen sagen
Keine zeitgenössischen Quellen haben überlebt. Alles, was wir wissen, stammt aus Texten, die Jahrhunderte nach Alexanders Tod geschrieben wurden und auf früheren, nicht erhaltenen Quellen beruhen. Arrian schrieb im 2. Jahrhundert n. Chr. Plutarch ebenfalls. Diodor von Sizilien ist etwas früher, aber immer noch drei Jahrhunderte nach den Ereignissen.
Die Hauptquellen, auf die sie sich stützten, waren unter anderem die "Königlichen Tagebücher", offizielle Aufzeichnungen des Hofes, und Berichte von Alexanders Generälen und Begleitern. Diese Originale sind verloren. Ob die Tagebücher echt oder nachträglich erstellt wurden, ist unter Historikern umstritten.
Die antiken Quellen beschreiben Folgendes: Alexander nahm an einem langen Bankett teil, trank exzessiv, und begann danach zu fiebern. Das Fieber stieg über Tage. Er verlor die Sprache. Am Ende konnte er sich kaum noch bewegen. Seine Soldaten wurden einer nach dem anderen an seinem Bett vorbeigeführt, weil Gerüchte kursierten, er sei bereits tot. Er war noch am Leben, erkannte sie, gab aber kaum Zeichen.
Die Krankheitstheorien
Die plausibelste natürliche Erklärung ist Typhusfieber, möglicherweise kompliziert durch eine Lungenentzündung. Der Medizinhistoriker David Oldach und sein Team veröffentlichten 1998 in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine eine Analyse der Symptombeschreibungen. Ihre Schlussfolgerung: Das klinische Bild passt gut auf Salmonella typhi, den Erreger des Typhus.
Babylon hatte im Sommer eine ungesunde Umgebung. Die Stadt lag nah an Sümpfen, Stechmücken verbreiteten Krankheiten, und die Wasserversorgung war nicht modern hygienisch. Typhus war in der Antike endemisch. Alexander lebte in dieser Zeit intensiv, reiste viel, trank viel und belastete seinen Körper dauerhaft.
Eine andere Theorie nennt West-Nil-Fieber. 2018 veröffentlichten Forscher um John Marr und Charles Calisher eine Hypothese, die auf einem Detail in den Quellen basiert: Kurz bevor Alexander krank wurde, sollen in Babylon massenhaft Raben tot vom Himmel gefallen sein. Raben sind empfindlich gegenüber West-Nil-Virus. Wenn das stimmt und keine Legende ist, könnte ein Stechmückenausbruch sowohl Vögel als auch Menschen getroffen haben.
Die Vergiftungstheorie
Die Idee, dass Alexander vergiftet wurde, ist nicht neu. Sie tauchte bereits in der Antike auf. Die plausibelsten Verdächtigen wären seine eigenen Generäle, die Diadochen, die sein Reich unter sich aufteilen würden.
Antipatros, der Regent Makedoniens, hatte Konflikte mit Alexander gehabt. Sein Sohn Kassandros war in Babylon anwesend. Der Mundschenk Iolaos war Kassandros' Bruder. Die Verdächtigungskette ist da, aber sie bleibt spekulativ.
Ein Problem für die Vergiftungstheorie ist die Länge des Sterbeprozesses. Zwölf Tage ist lang für einen Giftanschlag in einer Zeit, in der schnell wirkende Gifte schwer zu dosieren waren. Allerdings schlug die Forscherin Adrienne Mayor in ihrem Buch "The Poison King" vor, dass Strychnin aus der Pflanze Veratrum album als mögliches Gift infrage käme. Es wirkt langsam, passt zu einigen der beschriebenen Symptome und war in der Antike bekannt.
Die Alkoholtheorie
Alexander trank viel. Das ist in den Quellen gut belegt. Er hatte bereits mindestens einen Freund in betrunkenem Streit getötet, Kleitos den Schwarzen, und das hatte ihn tief erschüttert. In den letzten Jahren seines Lebens berichteten Zeitgenossen von mehrtägigen Trinkgelagen.
Chronischer schwerer Alkoholkonsum schädigt die Leber, schwächt das Immunsystem und macht den Körper anfälliger für Infektionen. Es ist möglich, dass Alexanders Körper nach Jahren des Trinkens, des Reisens, der Verletzungen, der physischen Belastung einfach nicht mehr widerstandsfähig genug war, eine Infektion zu überstehen, die ein gesünderer Mann überlebt hätte.
Das ist keine dramatische Theorie. Aber die Geschichte bietet nicht immer dramatische Erklärungen.
Der merkwürdige Zustand nach dem Tod
Ein Detail der Überlieferung hat Aufmerksamkeit erregt. Nach Alexanders Tod soll sein Körper sechs Tage lang in der Sommerhitze Babylons gelegen haben, ohne zu verwesen. Die Quellen beschreiben ihn als makellos aussehend. Das wurde religiös gedeutet: als Zeichen seiner Göttlichkeit.
Die Medizinhistorikerin Katherine Hall von der Dunedin School of Medicine schlug 2019 eine andere Erklärung vor: Alexander könnte an einem neurologischen Syndrom namens Guillain-Barre gelitten haben, das zu einer aufsteigenden Lähmung führt. Er wäre dann nicht zwölf Tage nach Beginn der Symptome gestorben, sondern in Wirklichkeit komatös gelegen und wäre sechs Tage nach der offiziellen Todeserklärung gestorben. Das würde erklären, warum kein Verwesungsprozess eingesetzt hatte. Er war noch nicht tot.
Diese Theorie, so gut sie klingt, hat ihrerseits Probleme. Das klinische Bild des Guillain-Barre-Syndroms stimmt nicht in allen Punkten mit den überlieferten Symptomen überein.
Was bleibt offen
Alexander der Große starb im Alter von 32 Jahren in Babylon. Die genaue Todesursache ist unbekannt und wird es wahrscheinlich bleiben. Was wir haben, sind Symptombeschreibungen aus Quellen, die Jahrhunderte nach dem Ereignis geschrieben wurden, politisch motivierte Gerüchte aus einer Zeit brutaler Machtkämpfe, und medizinische Rückdeutungen aus der Gegenwart.
Die Frage, ob er ermordet wurde, ob er an einer Infektionskrankheit starb, oder ob er seinen eigenen Körper mit jahrelangem Exzess zerstört hatte, lässt sich nicht sicher beantworten. Was sicher ist: Sein Tod veränderte die Welt. Das Vakuum, das er hinterließ, führte zu Jahrzehnten blutiger Kriege zwischen seinen Generälen und formte die politische Landschaft der Alten Welt neu.
Für einen Mann, dessen Leben so außergewöhnlich war, ist es vielleicht passend, dass auch sein Tod mehr Fragen hinterlässt als Antworten.