Wie das Wikingerzeitalter begann
Am 8. Juni 793 griffen Männer aus dem Norden das Kloster Lindisfarne auf einer kleinen Insel vor der englischen Küste an. Sie töteten Mönche, plünderten den Kirchenschatz und verschwanden wieder auf dem Meer. Zeitgenossen sahen es als Zeichen des Jüngsten Gerichts. Historiker sehen es als den Beginn des Wikingerzeitalters. Aber warum gerade jetzt? Und wer waren diese Menschen wirklich?
Wer die Wikinger waren
Das Wort "Wikinger" bezeichnet keine Ethnie und kein Volk. Es bezeichnet eine Tätigkeit: auf Wikingfahrt gehen bedeutete, auf Raub- oder Handelszug gehen. Nicht jeder Skandinavier war ein Wikinger, und nicht jede skandinavische Expansion war ein Wikingerüberfall.
Die Menschen, die im 8. und 9. Jahrhundert aus Skandinavien in die Welt drängten, kamen aus dem Gebiet des heutigen Norwegen, Schweden und Dänemark. Sie sprachen verwandte Sprachen, teilten kulturelle Grundlagen wie die Mythen um Odin, Thor und die Asen, und waren auf das Meer spezialisiert wie kaum eine andere Kultur ihrer Zeit.
Ihr Schiffbau war das entscheidende Technologievorteil. Das Langschiff, entwickelt über Jahrhunderte, konnte sowohl auf dem offenen Ozean segeln als auch in flachen Flüssen manövrieren. Es war schnell, wendig, brauchte keinen Hafen, konnte an jedem Strand anlegen. Das machte überraschende Angriffe möglich, die vor der Entwicklung dieser Schiffe undenkbar gewesen wären.
Warum 793? Die Faktoren hinter dem Beginn
Lindisfarne war nicht der allererste skandinavische Überfall. Britische Quellen erwähnen vereinzelte Angriffe bereits in den 780er Jahren. Aber 793 wurde das Datum, das in das kollektive Gedächtnis einging, weil Lindisfarne eines der wichtigsten religiösen Zentren des christlichen Nordens war und weil zeitgenössische Chronisten die Bedeutung des Angriffs so eindringlich beschrieben.
Warum begannen die Überfälle in dieser Periode? Historiker nennen mehrere zusammenwirkende Faktoren.
Bevölkerungsdruck: Skandinavien im 8. Jahrhundert hatte eine wachsende Bevölkerung und begrenztes landwirtschaftliches Potenzial. Das Erbrecht, das nur dem ältesten Sohn den Hof hinterließ, zwang jüngere Söhne, sich anderswo Lebensunterhalt zu suchen. Die See war der naheliegende Weg.
Politische Fragmentierung: Skandinavien war im 8. Jahrhundert in viele kleine Königreiche und Häuptlingstümer zersplittert. Mächtige Männer suchten nach Ressourcen, um ihre Position zu festigen. Beute aus Überfällen und Tributzahlungen von bedrohten Küstengemeinden waren ein direkter Weg dazu.
Reiche, unverteidigte Ziele: Die Klöster des christlichen Westens waren reich und vergleichsweise schutzlos. Sie lagen oft an der Küste oder an Flüssen, verfügten über keine Befestigungen und wurden von Männern bewohnt, die keine Kämpfer waren. Für erfahrene Seefahrer und Krieger waren sie einfache Ziele.
Handelsrouten: Skandinavien war schon vor den Überfällen in Handelsnetzwerke eingebunden. Mit zunehmender Macht und Schiffskapazität konnten Skandinavier aggressiver an diesen Netzwerken teilnehmen, oder sie erzwingen.
Die drei Wege der Expansion
Das Wikingerzeitalter verlief nicht als einheitliche Bewegung, sondern in drei grob unterscheidbaren Richtungen, die unterschiedliche Charaktere hatten.
Die Norweger drängten nach Westen und Norden. Sie besiedelten die Shetland- und Orkney-Inseln, die Hebriden, Teile Irlands (Dublin wurde von Wikingern gegründet), Island und schließlich Grönland. Um 1000 erreichte Leif Eriksson Nordamerika, fast 500 Jahre vor Kolumbus.
Die Dänen richteten sich vor allem gegen England und das Frankenreich. Sie überfielen systematisch englische Küstenstädte und klöster, erpressten "Danegeld", Schutzgeld in Silber, und besiedelten schließlich große Teile Ostenglands, das "Danelaw". 1066 war der normannische Eroberer Wilhelm der Bastard selbst Nachkomme von Wikingern, die sich in der Normandie niedergelassen hatten.
Die Schweden zogen vor allem nach Osten. Sie beherrschten die Flussrouten durch das heutige Russland und die Ukraine, gründeten oder kontrollierten Städte wie Nowgorod und Kiew und handelten mit Byzanz und dem Abbasidenkalifat. Die Rus, die der heutigen Bezeichnung "Russland" zugrunde liegt, geht auf diese schwedischen Händler und Krieger zurück.
Nicht nur Plünderer
Das Bild der Wikinger als bloße Plünderer ist falsch. Es ist ein Bild, das größtenteils von ihren Opfern überliefert wurde, den christlichen Mönchen, die die einzigen Schreibkundigen der Zeit waren und verständlicherweise wenig Sympathie für ihre Angreifer empfanden.
Wikinger waren Händler, Siedler, Entdecker und Diplomaten. Sie bauten blühende Handelsplätze auf. Hedeby in Schleswig und Birka in Schweden waren wichtige Knotenpunkte des nordeuropäischen Handels. In Island, wo sie ohne vorhandene Bevölkerung siedelten, schufen sie eine der frühesten parlamentarischen Traditionen der Welt: das Thing, eine Versammlung freier Männer, die über Gesetze und Streitigkeiten entschied. Das Althing auf Island, gegründet 930, gilt als eines der ältesten Parlamente der Welt, das noch heute existiert.
Die Götter und die Weltanschauung
Die religiöse Welt der Wikinger war von einer tiefen Akzeptanz von Tod und Schicksal geprägt. Das Schicksal, die Nornen, spann den Lebensfaden jedes Menschen. Dem Schicksal konnte man nicht entgehen, aber man konnte ihm mit Würde begegnen. In Valhall, dem Himmel der Krieger, wartete Odin auf die im Kampf Gefallenen.
Diese Weltanschauung hatte praktische Konsequenzen. Ein Krieger, der glaubt, dass sein Tod bereits festgelegt ist, kämpft ohne Todesfurcht. Das machte die Wikinger zu besonders gefährlichen Gegnern. Berserker, Krieger, die in einen rauschhaften Kampfzustand verfielen, wurden von Zeitgenossen mit Schrecken beschrieben.
Das Ende des Wikingerzeitalters
Das Wikingerzeitalter endete nicht abrupt. Es löste sich auf. Die skandinavischen Reiche zentralisierten sich im 10. und 11. Jahrhundert. König Harald Blauzahn einigte Dänemark. Hakon der Gute versuchte Norwegen zu christianisieren. Die Christianisierung des Nordens, die im 10. und 11. Jahrhundert abgeschlossen war, veränderte die Kultur grundlegend. Das Kloster wurde nicht mehr Feind, sondern Verbündeter.
Die skandinavischen Siedlergemeinschaften in England, Frankreich und Russland assimilierten sich. Aus Wikingern wurden Normannen, Engländer, Russen. Zurück blieben Ortsnamen, Wörter, Gene und eine Mythologie, die heute mehr Menschen kennen als je zuvor.
Thor ist heute ein Kinoheld. Das sagt mehr über unsere Zeit als über die Wikinger.