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Wie der Erste Weltkrieg begann

Veröffentlicht 2026-06-02·5 Min. Lesezeit

Ein Mord und seine Folgen

Am 28. Juni 1914 schoss Gavrilo Princip auf Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este und dessen Frau Sophie in Sarajevo. Beide starben. Sechs Wochen später befanden sich die größten Mächte Europas im Krieg. Vier Jahre und über 17 Millionen Tote später war die europäische Weltordnung irreversibel zerstört.

Wie erklärt man das? Wie führt ein einzelner Mord zu einem Krieg dieser Dimension? Die kurze Antwort: Er tat es nicht allein. Die Ermordung Franz Ferdinands war der Funke. Das Pulverfass war seit Jahrzehnten aufgebaut worden.

Das Bündnissystem: Eine Falle für alle

Europa 1914 war von einem Netz gegenseitiger Bündnisversprechen überzogen, das ursprünglich der Abschreckung dienen sollte. Der Dreibund verband Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien. Die Triple Entente verband Frankreich, Russland und Großbritannien. Serbien hatte enge Beziehungen zu Russland. Belgien war neutral, aber durch Verträge geschützt.

Das Problem mit Abschreckungssystemen ist, dass sie voraussetzen, dass keine Seite wirklich kämpfen will. Sobald eine Partei entschieden hat, den Krieg zu riskieren, verwandelt sich die Abschreckung in eine Eskalationsmaschine. Österreich-Ungarn beschloss nach dem Attentat, Serbien zu bestrafen. Russland beschloss, Serbien zu unterstützen. Deutschland beschloss, Österreich-Ungarn zu unterstützen und dabei Russland anzugreifen, bevor Frankreich eingreifen konnte. Frankreich mobilisierte. Deutschland marschierende durch Belgien, um Frankreich anzugreifen. Großbritannien erklärte Deutschland wegen der belgischen Neutralitätsverletzung den Krieg.

Innerhalb von sechs Wochen war aus einem regionalen Balkankonflikt ein kontinentaler Krieg geworden. Die Bündnisse hatten ihren Zweck ins Gegenteil verkehrt.

Der Schlieffenplan: Krieg als Mathematik

Deutschland hatte ein spezifisches Kriegsplan-Problem: Es lag zwischen zwei potenziellen Feinden, Frankreich im Westen und Russland im Osten. Ein Zweifrontenkrieg war nach militärischer Doktrin nicht zu gewinnen. Der Schlieffenplan, entwickelt zwischen 1897 und 1905, war die Lösung: Russland mobilisierte langsam, also schlug Deutschland erst Frankreich nieder (geplant in sechs Wochen), dann wandte es sich Russland zu.

Das Problem: Der Plan erforderte, Frankreich durch Belgien anzugreifen, weil die französisch-deutsche Grenze zu befestigt war. Belgien war neutral. Das bedeutete, dass Deutschland entweder seinen Kriegsplan aufgeben oder Belgien verletzen musste, was Großbritannien in den Krieg zog.

Als die Krise im Juli 1914 eskalierte, hatten deutsche Militärplaner faktisch keine Alternative mehr, die nicht die gesamte Kriegsplanung zunichte gemacht hätte. Die Logik des Plans hatte ihre eigene Dynamik entwickelt. Kaiser Wilhelm II. soll, als er versuchte, die Mobilmachung im Westen zu stoppen und nur gegen Russland zu kämpfen, von seinem Generalstabschef erklärt bekommen haben, das sei unmöglich: Man könne eine Armee nicht wie einen Zug umdirigieren.

Warum Österreich-Ungarn Krieg wollte

Das Attentat auf Franz Ferdinand war kein isoliertes Ereignis. Es war das Werk der "Schwarzen Hand", eines serbischen Geheimbundes, der das Ziel hatte, alle Südslawen unter serbischer Führung zu vereinigen. Österreich-Ungarn, das erhebliche südslawische Bevölkerungen in Bosnien-Herzegowina und Kroatien hatte, sah in diesem Nationalismus eine existenzielle Bedrohung.

Für viele österreichisch-ungarische Entscheidungsträger war das Attentat keine Katastrophe, sondern eine Gelegenheit. Ein Krieg gegen Serbien, so das Kalkül, würde den serbischen Nationalismus zerstören oder zumindest dauerhaft schwächen. Ohne deutschen Rückhalt hätte Österreich-Ungarn vielleicht gezögert. Mit dem deutschen "Blankoscheck" (der bedingungslosen Unterstützungszusage vom 5. Juli 1914) entschied es sich für einen Krieg.

Das Ultimatum, das Österreich-Ungarn an Serbien schickte, war bewusst so gestaltet, dass es nicht vollständig akzeptiert werden konnte. Als Serbien neun von zehn Punkten akzeptierte, erklärte Österreich-Ungarn trotzdem den Krieg. Der Wille zur Eskalation war vorhanden.

Die Julikrise: 37 Tage, die die Welt veränderten

Die Periode zwischen dem 28. Juni und dem 4. August 1914 ist als "Julikrise" bekannt. Diplomatische Archive aus allen beteiligten Ländern zeigen eine fieberhafte Abfolge von Telegrammen, Audienzen und Beratungen. Was sie auch zeigen: Es gab Momente, in denen der Krieg hätte vermieden werden können.

Zar Nikolaus II. von Russland und Kaiser Wilhelm II. von Deutschland tauschten in diesen Wochen direkte Telegramme aus (die "Willy-Nicky"-Korrespondenz). Sie nannten sich Cousins, denn sie waren tatsächlich entfernt miteinander verwandt, ebenso wie mit König Georg V. von Großbritannien. Drei Cousins, die über Diplomaten und Generäle hinweg miteinander telegraphierten, während ihre Länder in den Krieg taumelten.

Der britische Außenminister Edward Grey schlug mehrfach internationale Konferenzen vor. Deutschland lehnte ab. Hätte eine Konferenz den Krieg verhindert? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Was sicher ist: Die Option wurde nicht wirklich versucht.

Wer war schuldig?

Der Versailler Vertrag von 1919 enthielt den berüchtigten Artikel 231, die "Kriegsschuldklausel", die Deutschland und seine Verbündeten für "alle Verluste und Schäden" des Krieges verantwortlich machte. Das entsprach dem damaligen Sieger-Narrativ und schuf die wirtschaftlichen Bedingungen, die zum Aufstieg des Nationalsozialismus beitrugen.

Historiker des 20. Jahrhunderts haben unterschiedliche Schuldverteilungen vorgeschlagen. Der deutsche Historiker Fritz Fischer argumentierte in den 1960er Jahren, Deutschland habe den Krieg bewusst angestrebt. Andere betonen die geteilte Verantwortung aller Großmächte. Neuere Analysen, besonders Christopher Clarks "Die Schlafwandler" (2012), betonen, wie alle Akteure in die Katastrophe "schlafwandelten", ohne die Konsequenzen zu überblicken.

Die Wahrheit ist wahrscheinlich eine Mischung. Deutschland trug erhebliche Verantwortung durch den Blankoscheck an Österreich-Ungarn. Österreich-Ungarn wollte Krieg. Russland mobilisierte zu früh und zu umfassend. Frankreich ließ seinen russischen Verbündeten nicht zur Mäßigung drängen. Großbritannien sendete bis zum letzten Moment unklare Signale über seine Bereitschaft, einzutreten.

Der Krieg, den niemand erwartete

Einer der beklemmendsten Aspekte des Sommers 1914 ist die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität. Auf beiden Seiten dominierte die Überzeugung, der Krieg werde kurz sein. Deutsche Soldaten schrieben auf ihre Waggons "Zu Weihnachten wieder zu Hause". Französische und britische Soldaten erwarteten ähnliches.

Was sie vorfanden, war industrialisierter Massenkrieg: Maschinengewehre, Artillerie, Giftgas, Schützengräben. Taktiken des 19. Jahrhunderts gegen die Waffen des 20. Jahrhunderts. In der ersten Marne-Schlacht im September 1914 verloren beide Seiten zusammen über 500.000 Soldaten in wenigen Wochen. Der Bewegungskrieg erstarrte zum Grabenkrieg.

Das Erbe

Der Erste Weltkrieg war nicht nur ein Krieg. Er war der Beginn des 20. Jahrhunderts als politischer Katastrophenära: Er destabilisierte Russland und schuf die Bedingungen für die Oktoberrevolution. Er zerstörte das Osmanische Reich und schuf die instabilen Grenzen des modernen Nahen Ostens. Er demütigte Deutschland so vollständig, dass der Nährboden für Weimar und Hitler entstand.

Churchill nannte ihn den "unnecessary war". Ob das stimmt, lässt sich nicht wissen. Was stimmt: Er war vermeidbar. Nicht unvermeidlich, nicht schicksalhaft. Entscheidungen von Menschen in wenigen Wochen im Sommer 1914 töteten 17 Millionen. Das ist die beklemmendste Lektion dieser Geschichte.

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