Wie die Wikinger Amerika entdeckten
Eine Entdeckung vor der Entdeckung
1492 gilt als das Jahr, in dem Amerika entdeckt wurde. Das stimmt, wenn man "entdecken" im Sinne von "dem europäischen Mainstream bekannt machen" versteht. Doch es stimmt nicht als historische Tatsache. Rund 500 Jahre zuvor hatten nordische Seefahrer, die wir heute als Wikinger kennen, den nordamerikanischen Kontinent betreten, Siedlungen errichtet und Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung aufgenommen. Das ist kein Mythos, das ist archäologisch belegt.
Die Geschichte dieser Reisen ist in zwei isländischen Sagas überliefert: der Grönländersaga und der Eirikssaga. Beide wurden im 13. Jahrhundert aufgeschrieben, beschreiben aber Ereignisse, die um das Jahr 1000 stattfanden. Sagas galten lange als literarische Übertreibungen. Dann wurde L'Anse aux Meadows entdeckt, und die Historiker mussten ihre Skepsis revidieren.
Leif Eriksson und die erste Fahrt
Leif Eriksson war der Sohn von Erik dem Roten, der Grönland kolonialisiert hatte. Um 1000 segelte er nach Westen, angelockt von den Berichten eines Händlers namens Bjarni Herjolfsson, der Land gesichtet hatte, aber nicht angelandet war. Leif folgte der Route in umgekehrter Reihenfolge.
Er landete an drei Küstenabschnitten, die er Helluland, Markland und Vinland nannte. Helluland ("Flachsteinland") entspricht wahrscheinlich Baffin Island. Markland ("Waldland") ist vermutlich Labrador. Vinland ("Weinland" oder "Weideland", die Übersetzung ist umstritten) liegt irgendwo an der Küste des heutigen Kanadas oder der nördlichen USA. Leif überwinterte in Vinland, baute Häuser und kehrte im Frühling zurück.
L'Anse aux Meadows: Der Beweis
1960 machten der norwegische Entdecker Helge Ingstad und seine Frau Anne Stine Ingstad eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. An der Nordspitze von Neufundland, am Ort namens L'Anse aux Meadows, fanden sie Überreste von Gebäuden, die eindeutig nicht indigenen Ursprungs waren. Die Ausgrabungen enthüllten acht Gebäude, eine Eisenschmiede, Werkzeuge und organisches Material.
Radiokarbone Datierung ergab: die Gebäude entstanden um 1000 n. Chr. Die Eisenschmiede war entscheidend, denn die indigenen Völker Neufundlands zu jener Zeit kannten keine Eisenverarbeitung. Die Gegenstände passten zu skandinavischen Werkzeugen dieser Epoche. L'Anse aux Meadows ist heute UNESCO-Weltkulturerbe und der einzige archäologisch belegte nordische Kontakt mit Amerika vor Kolumbus.
Thorfinn Karlsefni: Der Versuch einer dauerhaften Siedlung
Ein isländischer Händler namens Thorfinn Karlsefni unternahm um 1009 einen ernsthafteren Versuch. Er reiste mit drei Schiffen, etwa 160 Menschen, Vieh und der Absicht, eine dauerhafte Siedlung zu gründen. Laut Saga gedieh die Kolonie zunächst. Die Siedler erkundeten die Küste, tauschten mit den einheimischen Bewohnern, die sie "Skraelingar" nannten, Waren aus.
Der Kontakt verschlechterte sich. Die Sagas berichten von zunehmenden Spannungen, einem Angriff der Skraelingar und schließlich dem Entschluss, Vinland aufzugeben. Nach drei Jahren kehrte Karlsefni zurück. Die genaue Ursache des Scheiterns ist unbekannt. Manche Historiker vermuten, dass die kleine Siedlerzahl keine dauerhafte Verteidigung ermöglichte. Andere betonen, dass die Versorgungslinien über den Atlantik schlicht zu lang waren.
Wer waren die Skraelingar?
Die Sagas beschreiben die Skraelingar als kleine, dunkelhäutige Menschen, die in Booten aus Tierhäuten fuhren. Das passt zum Bild der Beothuk oder der Algonkin-Völker, die Neufundland und die umliegenden Küsten bevölkerten. Neuere DNA-Analysen an indigenen Skeletten haben keine nordischen Gene gefunden, was darauf hindeutet, dass der Kontakt kurzfristig war und zu keiner dauerhaften genetischen Vermischung führte.
2021 veröffentlichte ein Forschungsteam unter Margot Kuitems und Patricia Sutherland eine Studie, die durch dendrochronologische Analyse von Holzfunden in L'Anse aux Meadows das genaue Jahr der Anwesenheit auf 1021 n. Chr. datierte. Das war eine wissenschaftliche Sensation: Ein präzises Datum für den ersten belegten Kontakt zwischen der Alten und der Neuen Welt.
Wie weit reichten die Wikinger?
L'Anse aux Meadows ist der einzige archäologisch gesicherte Fundort. Doch die Suche geht weiter. Einige Forscher glauben, dass die Wikinger auch weiter südlich vorstiessen, vielleicht bis zur heutigen Küste von New England oder New Brunswick. Funde von Butternutschalen in L'Anse aux Meadows deuten darauf hin, dass die Siedler Handel mit Völkern trieben, die weiter südlich lebten, denn Butternussbäume wachsen in Neufundland nicht.
Der sogenannte Vinland-Codex, eine mittelalterliche Karte, die Nordamerika zeigen soll, gilt heute als Fälschung des 20. Jahrhunderts. Er hat das öffentliche Bild der Wikingerentdeckungen lange verzerrt. Seriöse Historiker stützen sich auf Sagas und archäologische Befunde, nicht auf diese Karte.
Warum die Entdeckung keine Folgen hatte
Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Wikinger Amerika entdeckten, sondern warum ihre Entdeckung keine dauerhaften Folgen hatte. Die Antwort liegt in der Geographie, der Demographie und der Technologie. Die Wikinger hatten keine Schusswaffen. Die indigene Bevölkerung war zahlreich und gut organisiert. Die Distanz zwischen Grönland und Vinland war gewaltig, die Versorgung schwierig. Grönland selbst war eine fragile Kolonie, die von Island abhing.
Als Kolumbus 1492 Amerika "entdeckte", standen ihm Schusswaffen, Metall-Rüstungen, Pferde und, entscheidender als alles andere, Krankheitserreger zur Verfügung, gegen die die indigene Bevölkerung keine Immunität besaß. Die Wikinger hatten keinen dieser Vorteile. Ihr Kontakt war daher ein kurzes, folgenlos gebliebenes Aufeinandertreffen zweier Welten.
Das Erbe der Wikingerentdeckung
In Skandinavien ist Leif Eriksson ein Nationalheld. Norwegen und Island streiten bis heute darum, wer das Recht hat, ihn als "ihren" Entdecker zu reklamieren. In den USA gibt es seit 1964 einen offiziellen Leif-Eriksson-Tag am 9. Oktober, einen Tag vor Kolumbus-Tag. Das ist mehr als historische Kuriosität: Es ist ein Zeichen dafür, dass die Frage, wer Amerika "entdeckte", nie nur historisch war, sondern immer auch politisch.
Was bleibt, ist ein archäologisch gesicherter Fakt: Um das Jahr 1000 betraten nordische Seefahrer den amerikanischen Kontinent, bauten Häuser, schmolzen Eisen und kehrten dann zurück. Amerika blieb ihnen fremd.