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Wie Julius Caesar verraten wurde

Veröffentlicht 2026-06-02·6 Min. Lesezeit

AM 15. MÄRZ 44 VOR CHRISTUS betrat Julius Caesar den Senat in einer Stimmung, die Zeitgenossen als entspannt beschrieben. Er hatte Warnungen erhalten, aber er ignorierte sie. Er vertraute den Männern, die ihn umgaben. Viele von ihnen hatte er begnadigt, befördert, mit Vertrauen und Titeln überhäuft. Wenige Minuten später lag er tot, mit 23 Stichwunden, am Fuß einer Statue seines größten Rivalen Pompeius.

Der Mord an Caesar ist eines der bestdokumentierten Ereignisse der antiken Geschichte. Er ist auch eines der am häufigsten missverstanden.

Caesar im Jahr 44: Macht und Feinde

Julius Caesar war im Frühjahr 44 vor Christus der mächtigste Mann Roms. Er hatte den Bürgerkrieg gegen Pompeius gewonnen. Er war dictator perpetuo ernannt worden, Diktator auf Lebenszeit, ein Titel ohne Präzedenz in der römischen Geschichte. Der Senat hatte ihm Ehren gehäuft, die an Vergöttlichung grenzten: seinen Geburtsmonat nach ihm benannt, sein Bildnis auf Münzen geprägt, Tempel in seinen Ehren errichten lassen.

All das machte ihn zu einer Bedrohung für die Ideologie der römischen Republik. Rom definierte sich über Jahrhunderte als System geteilter Macht: zwei Konsuln, die sich gegenseitig kontrollierten, ein Senat mit kollektiver Autorität, Gesetze, die über Einzelpersonen standen. Caesar verkörperte die Negation all dessen. Nicht weil er formal so agierte, er respektierte viele republikanische Formen, aber weil seine bloße Existenz zeigte, dass ein einzelner Mann alle Macht an sich reißen konnte.

Die Verschwörer und ihre Motive

Die Gruppe der Verschwörer, bekannt als die Liberatores, umfasste etwa 60 Männer. An ihrer Spitze standen Marcus Junius Brutus und Gaius Cassius Longinus.

Brutus ist die psychologisch interessanteste Figur des Dramas. Er war Caesars persönlicher Freund und möglicher Günstling, manche antiken Quellen deuten an, dass Caesar und Brutus' Mutter Servilia eine Liebschaft hatten, was zu Gerüchten führte, Brutus könnte Caesars Sohn sein. Caesar hatte Brutus nach dessen Niederlage auf der Seite von Pompeius begnadigt und ihn in hochrangige Ämter befördert.

Warum beteiligte sich Brutus trotzdem? Die antiken Quellen, besonders Plutarch, beschreiben ihn als Mann, der sich den Werten der Republik verpflichtet fühlte, der von Cassius mit philosophischen Argumenten und dem Verweis auf seine berühmten Vorfahren bearbeitet wurde. Brutus' Vorfahren hatten den letzten König Roms vertrieben. Ein Caesar-Mord war in dieser Erzählung ein Akt der Wiederherstellung, kein Verbrechen.

Cassius dagegen hatte persönliche Gründe. Er war Brutus an Ruhm und Status unterlegen, obwohl er sich für fähiger hielt. Er hasste Caesar auch aus direkten Reibereien: Caesar hatte bei einer Beförderungsfrage Brutus vor Cassius bevorzugt. Shakespeare hat diese Mischung aus Ideologie und Eigeninteresse in seinem Drama treffend eingefangen.

Die übrigen Verschwörer hatten unterschiedliche Motivationen. Einige, wie Decimus Brutus, waren Caesars enge Vertraute und hatten von ihm profitiert, handelten aber möglicherweise aus echten republikanischen Überzeugungen. Andere sahen ihre Machtpositionen durch Caesars Pläne bedroht. Wieder andere wurden von der Hoffnung auf persönlichen Gewinn nach Caesars Tod geleitet.

Die Warnungen, die Caesar ignorierte

Was die Geschichte des 15. März besonders dramatisch macht, ist die Anzahl der Warnungen, die Caesar erhielt und ignorierte.

Eine Wahrsagerin, überliefert unter dem Namen Spurinna, hatte Caesar gewarnt, er solle sich vor den Iden des März hüten. Der Ausdruck "Beware the Ides of March" stammt aus Shakespeares Verarbeitung dieser Überlieferung.

Caesars Frau Calpurnia hatte Alpträume und bat ihn, das Haus nicht zu verlassen. Ein Opfertier zeigte ungünstige Vorzeichen.

Am Morgen selbst wurde Caesar ein Schreiben übergeben, das die Namen der Verschwörer enthielt. Er steckte es ungelesen in die Toga.

Warum ignorierte Caesar alle Warnungen? Historiker diskutieren verschiedene Erklärungen: Er verachtete Angst als politisches Kalkül und wollte keine Furcht zeigen. Er glaubte an seine Unbesiegbarkeit. Er hatte vielleicht auch seinen Frieden damit gemacht, dass er in diesem Moment nicht mehr kontrollieren konnte, was kommt. Einige antike Quellen berichten, er habe Wochen vor dem Attentat gesagt, er wolle lieber einmal sterben als immer in Angst vor dem Tod leben.

Das Attentat

Die Sitzung des Senats war für die Iden des März einberufen, um Caesars Feldzug gegen Parthien zu beratschlagen. Caesar betrat die Porticus Pompei, ein öffentliches Gebäude beim Theater des Pompeius, wo der Senat an diesem Tag tagte.

Die Verschwörer hatten sich positioniert. Einer von ihnen, Tillius Cimber, trat vor und bat Caesar, seinen verbannten Bruder zurückrufen zu lassen. Als Caesar ablehnte, packte Cimber Caesars Toga und zog sie von seiner Schulter, das vereinbarte Signal.

Casca traf als erster mit einem Dolch. Der Stich ging an Caesars Schulter, nicht tödlich. Caesar griff nach Cascas Arm und rief aus. Dann stürzten alle gleichzeitig auf ihn ein.

Die antike Überlieferung durch Sueton besagt, dass Caesar bei der ersten Wunde aufschrie und versuchte zu fliehen, dann aber, als er sah, dass er von allen Seiten umringt war, die Toga über sein Gesicht zog, um würdevoll zu sterben. Er soll dabei seine Toga sorgfältig um seine Beine geordnet haben, damit er nicht nackt und ungehörig dalag.

Das berühmte letzte Wort "Et tu, Brute" ist Shakespeares Erfindung, nicht historisch belegt. Sueton schreibt, Caesar habe gar nichts gesagt. Plutarch überliefert, er habe auf Griechisch zu Brutus gesagt: "Und auch du, Kind?" Die Wahrheit ist unbekannt.

Er erhielt 23 Stiche, aber ein späterer Arzt untersuchte die Wunden und stellte fest, dass nur eine davon tödlich gewesen war.

Chaos nach dem Attentat

Die Verschwörer hatten keinen klaren Plan für die Zeit nach dem Mord. Sie zogen durch die Straßen Roms und riefen die Freiheit aus. Die Bevölkerung reagierte nicht mit Jubel, sondern mit Angst und Verwirrung. Die Senatoren flohen aus der Sitzung. Die Stadt schloss ihre Läden.

Marcus Antonius, Caesars engster Vertrauter und Konsul, entkam. Das war der entscheidende Fehler der Verschwörer: Sie hatten Antonius nicht in ihre Pläne einbezogen und ihn nicht getötet. Cassius hatte dafür plädiert, aber Brutus hatte es abgelehnt, er wollte keinen unnötigen Blutvergießen und wollte als Befreier, nicht als Mörder gelten.

Die Rede des Antonius

Drei Tage nach dem Attentat hielt Antonius eine Leichenrede auf Caesar. Plutarch und später Shakespeare haben diese Rede als rhetorikpolitisches Meisterwerk beschrieben. Antonius lobte Brutus und die anderen Verschwörer formal als Ehrenmänner, während er gleichzeitig durch die Schilderung von Caesars Wohltaten und durch die öffentliche Verlesung von Caesars Testament die Menge gegen die Verschwörer aufbrachte.

Caesars Testament enthielt eine Schenkung von 300 Sesterzen an jeden römischen Bürger. Das löste unmittelbare Trauer und Wut aus. Die Menge verbrannte Caesars Leichnam auf dem Forum und versuchte, die Häuser der Verschwörer in Brand zu stecken. Brutus und Cassius flohen aus Rom.

Das Gegenteil des Beabsichtigten

Die Liberatores hatten die Republik retten wollen. Sie beschleunigten ihren Untergang. Binnen weniger Jahre kam es zu einem neuen Bürgerkrieg. Octavian, Caesars Adoptivsohn, und Antonius schlugen die Verschwörer bei Philippi 42 vor Christus. Brutus und Cassius töteten sich selbst.

Octavian wurde Augustus, der erste römische Kaiser. Die Republik, die die Verschwörer zu schützen glaubten, existierte faktisch nicht mehr. Was folgte, war das Prinzipat, eine Monarchie in republikanischem Gewand, die Jahrhunderte Bestand haben würde.

Caesar selbst wurde nach seinem Tod offiziell vergöttlicht. Ein Komet, der kurz nach seinem Tod erschien, galt als sein in den Himmel aufgestiegener Geist. Er bekam Tempel, Priester, Kultverehrung. Die Verschwörer hatten einen Mann getötet. Sie schufen einen Gott.

Der Verrat an Caesar ist eine Geschichte über die Grenzen politischer Planung. Die Verschwörer handelten aus einer Mischung echter Überzeugungen und persönlicher Interessen. Sie hatten keine Vorstellung davon, was nach Caesar kommen würde, und keine Vorkehrungen dafür getroffen. Was sie für eine Befreiung hielten, war der Auftakt zur absoluten Monarchie, gegen die sie angeblich kämpften.

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