Wie Karl der Große Europa formte
Ein Kontinent in Trümmern
Als Karl der Große 768 die Herrschaft über das Frankenreich übernahm, war Westeuropa ein politisches Mosaik aus rivalisierenden Stämmen, Kleinkönigreichen und kirchlichen Gebieten, die kaum miteinander verbunden waren. Das weströmische Reich war seit fast drei Jahrhunderten untergegangen. Bildung, Handel und Verwaltung lagen weitgehend brach. Die meisten Menschen lebten in subsistenzwirtschaftlichen Dörfern, ohne Zugang zu einer übergeordneten Ordnung.
Karl, den die Geschichte "der Große" nannte, erbte ein Frankenreich, das sich über das heutige Frankreich und Teile Deutschlands erstreckte. Er hinterließ ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe, von Dänemark bis nach Süditalien und bis an die Grenzen des byzantinischen Reiches reichte. Wie er das schaffte, was er dabei zerstörte und was er aufbaute, das ist die Geschichte des europäischen Mittelalters.
Die Kriege: Dreißig Jahre gegen die Sachsen
Karls Expansion war kein Spaziergang. Die Sachsen, die nordgermanischen Stämme zwischen Rhein und Elbe, widerstanden ihm über dreißig Jahre. Von 772 bis 804 führte Karl insgesamt 18 Feldzüge gegen sie. Die Sachsenkriege waren von außerordentlicher Brutalität geprägt. Nach dem Aufstand von Verden im Jahr 782 ließ Karl 4500 sächsische Gefangene hinrichten. Spätere Historiker diskutieren bis heute, ob diese Zahl stimmt und wie sie zu bewerten ist.
Der Widerstand der Sachsen wurde durch ihren Anführer Widukind verkörpert. Widukind kämpfte jahrzehntelang gegen Karl, tauchte unter, organisierte neue Aufstände und wurde schließlich 785 in Attigny getauft, mit Karl als Taufpaten. Ob das freiwillig oder unter Druck geschah, ist nicht überliefert. Mit seiner Taufe brach der organisierte sächsische Widerstand zusammen. Die Sachsen wurden in das Frankenreich integriert und zwangsweise christianisiert.
Die Kaiserkrönung von 800: Ein Akt mit langen Folgen
Am Weihnachtstag des Jahres 800 krönte Papst Leo III. Karl in der Peterskirche in Rom zum Kaiser. Nach der Überlieferung Einhards, Karls Biographen, war Karl von dieser Krönung überrascht und hätte sie lieber vermieden. Das ist schwer zu glauben. Karl hatte Leo III. kurz zuvor gewaltsam in seinem Amt stabilisiert, als römische Adlige ihn abzusetzen versuchten. Die Krönung war das politische Resultat dieser Abhängigkeit.
Die Bedeutung der Krönung war enorm. Sie schuf die Idee, dass es ein christliches Kaisertum im Westen gebe, unabhängig von Konstantinopel. Byzanz erkannte den Titel zunächst nicht an. Die byzantinische Kaiserin Irene heiratete Karl sogar kurz danach, um einen Kompromiss zu finden, aber der Plan scheiterte. Das Verhältnis zwischen dem östlichen und westlichen Christentum blieb dauerhaft gespannt.
Die karolingische Renaissance: Bildung als Staatsaufgabe
Karl selbst konnte kaum schreiben. Er lernte es als Erwachsener, mit mäßigem Erfolg. Trotzdem oder gerade deshalb legte er außerordentlichen Wert auf Bildung. Er holte die besten Gelehrten seiner Zeit an seinen Hof in Aachen: Alkuin aus England, Theodulf aus Spanien, Einhard aus dem Frankenreich. Diese Gruppe bildete die "Hofschule", die nicht nur die Kinder des Adels unterrichtete, sondern auch versuchte, ein einheitliches schriftliches Latein zu standardisieren.
Das Ergebnis war die karolingische Minuskel, eine vereinfachte Schriftart, die das unleserliche spätantike Latein ablöste. Viele der antiken Texte, die wir heute kennen, wurden in der karolingischen Zeit abgeschrieben. Ohne diese Kopieraktivität in den Klosterskriptorien wären Werke von Cicero, Vergil und anderen Autoren nicht überliefert worden. Die karolingische Renaissance rettete die Antike für die Nachwelt.
Die Verwaltung: Grafen und Missi Dominici
Ein Reich von Karls Größe konnte man nicht von Aachen aus regieren. Karl teilte das Reich in Grafschaften auf, die von Grafen verwaltet wurden. Das war nicht neu. Neu war das Kontrollinstrument: die Missi Dominici, wörtlich "Gesandte des Herrn". Sie reisten paarweise durch das Reich, ein Laie und ein Geistlicher, und kontrollierten die Grafen, nahmen Beschwerden auf und ersetzten unzuverlässige Amtsträger.
Dieses System war pragmatisch, aber nicht dauerhaft. In Abwesenheit guter Kommunikationsmittel war die Kontrolle über das Reich begrenzt. Grafen wurden zunehmend lokal verwurzelt, ihre Ämter wurden erblich, die Kontrolle durch die Zentrale schwächer. Diese Tendenz zur Dezentralisierung war der Keim des mittelalterlichen Feudalsystems, das nach Karls Tod die politische Ordnung Europas dominierte.
Das Erbe der Reichsteilung
Karl der Große starb 814. Sein Sohn Ludwig der Fromme erbte ein Reich, das er nicht zusammenhalten konnte. Ludwigs Söhne stritten um das Erbe und teilten das Reich 843 im Vertrag von Verdun in drei Teile: das westliche Frankenreich (der Vorläufer Frankreichs), das östliche Frankenreich (der Vorläufer Deutschlands) und einen mittleren Streifen, der von Lothringen bis Norditalien reichte.
Diese Teilung legte die politische Grundkarte Europas fest. Die heutige deutsch-französische Grenze folgt in Teilen noch immer den Grenzen, die 843 gezogen wurden. Die Sprachengrenze zwischen Französisch und Deutsch entstand in dieser Zeit. Europa wurde nicht geeint, sondern geteilt, und diese Teilung erwies sich als dauerhafter als das Reich selbst.
Was Karl wirklich hinterließ
Karl der Große hinterließ kein stabiles Reich. Das, was er aufgebaut hatte, zerfiel innerhalb einer Generation nach seinem Tod. Was er hinterließ, war etwas anderes: eine Idee. Die Idee, dass Europa eine politische Einheit sein könnte, verbunden durch gemeinsamen Glauben, gemeinsame Verwaltungsformen und gemeinsame Bildung. Diese Idee überlebte das karolingische Reich um Jahrhunderte.
Das Heilige Römische Reich, das 962 entstand, berief sich ausdrücklich auf Karl. Die Kirche kanonisierte ihn 1165, auf Druck Kaiser Friedrich Barbarossas. Frankreich und Deutschland beanspruchten beide, seine legitimen Erben zu sein. Das ist paradox und sinnvoll zugleich: Karl der Große war der letzte Herrscher, der beide Seiten des Rheins unter einer Krone vereinte. Was nach ihm kam, war Europa in seiner uns vertrauten Form.