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Wie Lenin Russland transformierte

Veröffentlicht 2026-06-02·5 Min. Lesezeit

EIN MANN, EIN ZIEL, EIN ZERSPLITTERTES LAND. Als Lenin im April 1917 in den versiegelten Eisenbahnwaggon stieg, den Deutschland bereitgestellt hatte, um ihn aus dem Schweizer Exil nach Russland zu transportieren, war er ein weitgehend unbekannter Revolutionär, der jahrelang im Exil theoretische Texte geschrieben hatte. Sieben Monate später kontrollierte seine Partei den russischen Staat. Sechs Jahre danach lag er im Sterben. Was er in dieser kurzen Zeit erreichte und anrichtete, veränderte das 20. Jahrhundert.

Das Russland vor Lenin

Das Russische Reich war 1917 ein Land am Ende seiner Kräfte. Der Erste Weltkrieg hatte Millionen von Soldaten das Leben gekostet. Die Versorgung brach zusammen. Zar Nikolaus II., ungeeignet für die Herausforderungen des modernen Krieges und der modernen Verwaltung, hatte seine Autorität bei praktisch allen politischen Kräften verspielt. Im Februar 1917 zwangen Massendemonstrationen und der Aufstand des Militärs ihn zur Abdankung.

Was folgte, war eine provisorische Regierung, die eine Parlamentsmonarchie anstrebte, den Krieg weiterführte und Landreformen aufschob. Das war politisch tödlich. Die Bauern wollten Land jetzt. Die Soldaten wollten nach Hause jetzt. Die Fabrikarbeiter wollten bessere Bedingungen jetzt. Die provisorische Regierung bot Versprechen auf später.

Die Bolschewiki und ihre Taktik

Die Bolschewiki, die Partei Lenins, waren eine Minderheitspartei. Sie hatten nicht die Mehrheit der Bevölkerung oder auch nur der Linken hinter sich. Was sie hatten, war eine klare Botschaft (Frieden, Land, Brot), eiserne Parteidisziplin und die Bereitschaft zu handeln, während andere diskutierten.

Lenin, der am 3. April in Petrograd ankam, hielt seine berühmten Aprilthesen: keine Unterstützung für die provisorische Regierung, sofortiger Frieden, Übergabe der Macht an die Sowjets, Arbeiterräte, in denen Fabrikarbeiter und Soldaten vertreten waren. Das war radikal und stieß zunächst auch in seiner eigenen Partei auf Widerstand. Im Laufe des Jahres gewann die Botschaft an Anziehungskraft, weil die provisorische Regierung jede ihrer zentralen Anforderungen enttäuschte.

Oktober 1917: Der Staatsstreich

In der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober 1917 (nach dem damals in Russland gültigen julianischen Kalender) übernahmen bolschewistische Einheiten Schlüsseleinrichtungen in Petrograd: Bahnhöfe, Telegrafenämter, Brücken, Banken. Der Winterpalast, Sitz der provisorischen Regierung, wurde eingenommen. Die Regierung wurde verhaftet.

Das Ereignis war weniger dramatisch, als spätere sowjetische Geschichtsschreibung es darstellte. Der Sturm auf den Winterpalast war kein epischer Kampf, sondern eine nächtliche Aktion gegen eine Regierung, die kaum noch Unterstützung hatte. Aber das Ergebnis war real: Die Bolschewiki hatten die Macht.

Die Ausschaltung der Demokratie

Im November 1917 fanden Wahlen zur Konstituierenden Versammlung statt, die noch die provisorische Regierung angesetzt hatte. Die Bolschewiki erhielten etwa 24 Prozent der Stimmen. Die Sozialrevolutionäre, eine Bauernpartei, wurden mit etwa 40 Prozent stärkste Kraft. Als die Versammlung im Januar 1918 zum ersten Mal zusammentrat, ließ Lenin sie nach einem Tag durch Matrosen mit Gewehren auflösen.

Das war das Ende der parlamentarischen Demokratie in Russland für mehr als sieben Jahrzehnte. Lenin begründete es mit der Theorie der Avantgarde: Die Partei repräsentiere die historischen Interessen der Arbeiterklasse besser als ein Parlament, das durch bürgerliche Wahlprozesse korrumpiert sei. Es war die theoretische Grundlage für jede spätere kommunistische Diktatur.

Der Rote Terror

Ein Attentat auf Lenin im August 1918 durch eine Sozialrevolutionärin war der Auslöser für den institutionalisierten Terror. Die Tscheka, die Geheimpolizei, die Lenin im Dezember 1917 gegründet hatte, erhielt umfangreiche Befugnisse. Der "Rote Terror" war kein unkontrollierter Ausbruch von Gewalt, sondern eine staatliche Politik.

Tausende von Gegnern, darunter Politiker anderer Parteien, ehemals adlige Familien, Geistliche und einfach Verdächtige, wurden verhaftet und erschossen. Geiselnahmen waren gängige Praxis: Für jeden getöteten Bolschewiki wurden Geiseln hingerichtet. Der genaue Umfang der Toten des Roten Terrors ist umstritten, aber Historiker schätzen Zehntausende innerhalb weniger Monate.

Der Bürgerkrieg und seine Kosten

Von 1918 bis 1922 wütete ein Bürgerkrieg zwischen den Roten, den Bolschewiki, und den Weißen, einem heterogenen Bündnis aus zaristischen Offizieren, demokratischen Sozialisten, nationalistischen Bewegungen und ausländischen Interventionskräften. Großbritannien, Frankreich, Japan und die USA schickten Truppen oder unterstützten die Weißen.

Der Bürgerkrieg und die damit verbundene Hungersnot von 1921/22 kosteten mehr Menschenleben als der gesamte Erste Weltkrieg in Russland. Schätzungen reichen von sieben bis zwölf Millionen Toten durch Kampf, Hunger, Epidemien und Terror von beiden Seiten. Auch die Weißen begingen massive Gräueltaten, darunter Pogrome an jüdischen Bevölkerungen in der Ukraine.

Die Neue Wirtschaftspolitik

1921 erlebte Russland eine verheerende Hungersnot, teilweise verursacht durch die Kriegswirtschaftspolitik, die die Getreideernte der Bauern zwangsabführte. Lenin reagierte mit einer taktischen Kehrtwende: die Neue Wirtschaftspolitik (NEP) erlaubte wieder kleinen privaten Handel, Landwirtschaft und Unternehmen. Es war eine pragmatische Rückkehr zu Marktelementen, um die Wirtschaft zu stabilisieren.

Die NEP war politisch unpopulär bei den Hardlinern in der Partei, die darin einen Verrat an der Revolution sahen. Lenin betrachtete sie als zeitlich begrenzten Rückzug, um Kräfte zu sammeln. Er erlebte die Debatte über ihre Zukunft nicht mehr. Im Mai 1922 erlitt er den ersten von drei Schlaganfällen.

Der Aufbau des Staates und sein Erbe

Lenin schuf die institutionellen Grundlagen des sowjetischen Staates, auch wenn er kaum Zeit hatte, sie zu vollenden. Die Einparteiherrschaft. Die Tscheka als politische Polizei. Die Komintern zur Steuerung internationaler kommunistischer Parteien. Das System der Sowjets als Parallelstruktur zur normalen Verwaltung. Den Roten Terror als Instrument der Herrschaft.

Er ließ in seinen letzten bewussten Monaten ein politisches Testament verfassen, in dem er vor Stalin warnte und dessen Entfernung aus dem Amt des Generalsekretärs empfahl. Stalin war, so Lenin, zu grob und zu sehr an persönlicher Macht interessiert. Diese Warnung wurde von den Parteiführern nach Lenins Tod im Januar 1924 unterdrückt. Stalin konsolidierte seine Macht. Was folgte, war bekannt.

Wie Lenin heute bewertet wird

Lenin ist eine gespaltene historische Figur. Für manche war er ein Befreier, der ein rückständiges imperialistisches Regime stürzte und eine neue Gesellschaftsordnung schuf. Für andere war er der Gründer eines totalitären Systems, das in der Sowjetunion Stalins, in China, in Nordkorea und in anderen Ländern zu Massenverbrechen führte.

Beides lässt sich nicht einfach voneinander trennen. Die Einparteiherrschaft, die Lenin schuf und theoretisch begründete, war nicht Stalins Erfindung. Der Einsatz politischer Polizei zur Unterdrückung von Gegnern begann unter Lenin. Die Bereitschaft, demokratische Entscheidungen rückgängig zu machen, wenn sie nicht dem gewünschten Ergebnis entsprachen, war eine Haltung, die Lenin explizit formulierte.

Lenins Leiche liegt bis heute im Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau. Die Frage, ob er begraben werden soll, ist in Russland eine politische Debatte, keine museale. Das sagt viel darüber aus, wie unabgeschlossen die Geschichte der russischen Revolution ist.

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