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Wie Mussolini an die Macht kam

Veröffentlicht 2026-06-02·5 Min. Lesezeit

Benito Mussolini wurde nicht durch eine Revolution Diktator. Er wurde gebeten, es zu werden. König Viktor Emanuel III. übergab ihm am 29. Oktober 1922 die Regierung, weil er glaubte, dass Mussolini das kleinere Übel sei. Das war ein Irrtum mit Konsequenzen, die Millionen Menschen das Leben kosten würden.

Das Italien nach dem Ersten Weltkrieg

Um Mussolinis Aufstieg zu verstehen, muss man das Italien von 1919 sehen. Das Land hatte auf der Seite der Alliierten gekämpft und dabei fast 700.000 Soldaten verloren. Doch bei den Pariser Friedensverhandlungen bekam Italien nicht, was es sich erhofft hatte. Dalmatien, Fiume, Teile des osmanischen Reichs: Die Versprechen, mit denen man Italien in den Krieg gelockt hatte, wurden gebrochen.

Nationalist Gabriele D'Annunzio prägte dafür den Begriff "vittoria mutilata", den verstümmelten Sieg. Diese Formulierung traf einen Nerv. Das nationale Demütigungsgefühl war real und tief. Hunderttausende Veteranen kehrten aus dem Krieg zurück, ohne Arbeit, ohne Anerkennung, ohne Perspektive.

Gleichzeitig erschütterte soziale Unruhe das Land. Arbeiterstreiks legten Fabriken und Eisenbahnen lahm. Bauern besetzten Latifundien in Süditalien. Die Bolschewistischen Revolution in Russland 1917 hatte die europäischen Eliten in Panik versetzt. Würde das Gleiche in Italien geschehen?

Mussolinis Wandlung

Mussolini selbst war in den Jahren vor dem Krieg ein radikaler Sozialist gewesen, Chefredakteur der Parteizeitung Avanti. Dann schwenkte er auf eine nationalistische Linie um, trat aus der Sozialistischen Partei aus und befürwortete Italiens Kriegseintritt. Nach dem Krieg gründete er 1919 in Mailand die Fasci di Combattimento, lose Kampfgruppen aus Veteranen und Nationalisten.

Das Programm der frühen Faschisten war ein Sammelsurium. Es enthielt sozialistische Elemente (Arbeiterzeitverkürzung, Progressivsteuer), nationalistische Forderungen und einen tiefen Hass auf die "Plutokratien" und den "Bolschewismus". Was es vor allem enthielt, war Gewalt als politisches Mittel.

Die Squadristen und der Blackshirt-Terror

Was die Faschisten von anderen Bewegungen unterschied, waren ihre bewaffneten Schlägertrupps, die Squadristen oder Schwarzhemden. Sie überfielen Gewerkschaftsbüros, Zeitungsredaktionen, Rathäuser, die von Sozialisten oder Kommunisten kontrolliert wurden. Sie töteten, folterten, schüchterten ein.

Zwischen 1920 und 1922 starben in diesen Auseinandersetzungen Hunderte Menschen. Aber die Squadristen operierten größtenteils ungestraft. Die lokale Polizei, das Militär, die Gerichte: Viele sahen in den Faschisten eine nützliche Waffe gegen die Linke. Industrielle, Großgrundbesitzer, konservative Politiker finanzierten und unterstützten die Bewegung.

Diese Allianz war entscheidend. Die Faschisten hatten Geld, hatten Schutz, hatten Lieferanten für Waffen und Lastwagen. Die Gewerkschaften und sozialistischen Parteien, die sie bekämpften, waren dagegen isoliert, von der bürgerlichen Öffentlichkeit zunehmend verteufelt.

Der Marsch auf Rom

Im Oktober 1922 entschied Mussolini, den Moment der Schwäche der Regierung zu nutzen. Er organisierte einen "Marsch auf Rom": Tausende Schwarzhemden sollten zur Hauptstadt marschieren und die Machtübergabe erzwingen.

Was oft dramatisch klingt, war in Wirklichkeit ein Bluff. Die versammelten Faschisten, schätzungsweise 25.000 bis 30.000 Mann, waren schlecht bewaffnet und schlecht organisiert. Das reguläre Militär hätte sie problemlos aufhalten können. Ministerpräsident Luigi Facta bat den König, den Belagerungszustand zu erklären, was die Armee berechtigt hätte einzugreifen.

König Viktor Emanuel III. weigerte sich zu unterschreiben. Er fürchtete einen Bürgerkrieg. Er glaubte, Mussolini sei kontrollierbar. Er vertraute den Versicherungen konservativer Politiker, dass Mussolini sich in eine parlamentarische Koalition einfügen lassen würde. Am 29. Oktober 1922 ernannte er Mussolini zum Ministerpräsidenten.

Mussolini reiste mit dem Schlafwagen nach Rom. Er war nie marschiert.

Der Umbau des Staates

In den ersten Jahren regierte Mussolini in einer Koalitionsregierung. Er war noch nicht Diktator. Aber er nutzte die Zeit, die staatlichen Strukturen systematisch zu unterwandern.

1923 wurde das Wahlrecht reformiert: Die Liste, die mehr als 25 Prozent der Stimmen errang, bekam automatisch zwei Drittel der Parlamentssitze. Bei den Wahlen 1924, die von massiver faschistischer Einschüchterung und Wahlbetrug begleitet wurden, gewann Mussolinis Liste 65 Prozent. Die Opposition war faktisch ausgeschaltet.

Als der sozialistische Abgeordnete Giacomo Matteotti im Juni 1924 öffentlich den Wahlbetrug dokumentierte, ließen ihn faschistische Schläger ermorden. Der Aufschrei war enorm. Für Wochen schien Mussolinis Herrschaft auf dem Spiel zu stehen. Oppositionsparteien verließen das Parlament. Aber Mussolini überstand die Krise, weil der König und das Militär ihn nicht fallen ließen.

Im Januar 1925 erklärte Mussolini im Parlament, er übernehme die volle politische Verantwortung für das, was in Italien geschehe. Das war seine offene Machtübernahme. In den folgenden Jahren wurden Pressefreiheit, Parteienvielfalt und lokale Selbstverwaltung abgeschafft. Italien war eine Diktatur.

Warum es möglich war

Mussolinis Aufstieg wurde durch eine Reihe von Fehlern ermöglicht, die andere machten.

Die liberalen Politiker unterschätzten ihn. Sie glaubten, ein populistischer Agitatoren sei handhabbar, wenn man ihm Regierungsverantwortung gibt. Diese Selbsttäuschung ist einer der verhängnisvollsten Irrtümer der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Die Linke war gespalten. Sozialisten und Kommunisten bekämpften sich gegenseitig so verbissen wie den gemeinsamen Feind. Eine einheitliche Gegenbewegung entstand nie.

Die Kirche verhielt sich neutral, später wohlwollend. Der Lateranvertrag von 1929, mit dem Mussolini den Kirchenstaat anerkannte und der Kirche erhebliche Privilegien einräumte, sicherte ihm die Unterstützung des Vatikans.

Und das Bürgertum sah in den Faschisten einen Schutzwall gegen den Kommunismus. Die Angst vor sozialistischer Revolution war so stark, dass viele bereit waren, eine andere Form von Unterdrückung zu akzeptieren.

Das Muster und seine Relevanz

Mussolinis Aufstieg folgt einem Muster, das sich später wiederholte. Es gibt keine dramatische Revolution, keinen einzelnen Putschmoment. Stattdessen gibt es eine schrittweise Erosion demokratischer Normen, begleitet von Gewalt, Einschüchterung und der aktiven Mitschuld derjenigen, die an der Macht festhalten wollen.

Die entscheidende Frage in jedem solchen Moment ist nicht, ob der Staat stark genug ist. In Italien 1922 war er es militärisch. Die entscheidende Frage ist, ob die Menschen an seiner Spitze bereit sind, ihn zu verteidigen. Viktor Emanuel III. war es nicht. Und damit begann alles.

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