Wie Napoleon an die Macht kam
Ein Korse in Frankreich
Napoleone di Buonaparte wurde 1769 auf Korsika geboren, kaum ein Jahr nachdem die Insel von Genua an Frankreich verkauft worden war. Er war also technisch Franzose, aber der Sohn einer italofonischen Adelsfamilie mittleren Ranges. Sein Franzosisch hatte zeitlebens einen Akzent. In seinen Kindheitsjahren war er kein Franzose, sondern ein Korse, der Frankreich als Besatzungsmacht betrachtete.
Dass dieser Mann zwanzig Jahre spater Kaiser der Franzosen sein wurde und Europa nach seinem Willen umformte, war nicht vorherbestimmt. Es war das Ergebnis von Talent, Gelegenheit und einer Welt in Aufruhr.
Die Franzosische Revolution als Startplattform
Ohne die Revolution von 1789 ware Napoleon ein mittelmassiger Artillerieoffizier geblieben. Das Ancien Regime hatte feste Karrieregrenzen: Wer nicht von hohem Adel war, kam nur bis zu einem bestimmten Dienstgrad. Napoleon war zwar adeliger Herkunft, aber nicht angesehen genug fuer die Spitzenpositionen.
Die Revolution zerschmetterte dieses System. Pluetzlich wurden Generale nach Verdienst befoerdert, nicht nach Geblut. Tausende altgediente Offiziere emigrierten oder wurden hingerichtet. Die Armee brauchte Fuhrer. Schnell. Napoleon stand bereit.
Sein erster grosser Moment kam 1793 in Toulon. Die Stadt war in royalistischen Handen und wurde von britischen Kriegsschiffen unterstuetzt. Napoleon, damals erst 24 Jahre alt, uberzeugte die revolutionare Kommandantur, eine Artilleriestellung auf einem strategischen Hugel zu errichten. Die Position machte den britischen Hafen unhaltbar. Toulon fiel. Napoleon wurde zum Brigadegeneral befoerdert.
Die Italienfeldzuge: Genie oder Glueck?
1796 erhielt Napoleon das Kommando uber die Armee Italiens, eine erschopfte, unterversorgte Truppe. Was folgte, war eine der bemerkenswertesten Militarkampagnen der Geschichte. Innerhalb eines Jahres schlug er die osterreichischen und sardischen Armeen in einer Reihe von schnellen, beweglichen Gefechten. Er zwang Osterreich in den Frieden von Campo Formio und bestimmte selbst die Friedensbedingungen, weit uber seine offizielle Vollmacht hinaus.
Kriegshistoriker diskutieren noch immer, ob Napoleon ein militarisches Genie war oder ob er einfach gegen schwache Feinde antrat und aus Situationen lernte. Beides ist wahr. Er hatte echte Fahigkeiten: Geschwindigkeit des Entschlusses, Fahigkeit zur Konzentration von Kraften am entscheidenden Punkt, psychologische Beherrschung seiner Gegner. Aber er hatte auch Gluck und stand manchmal vor Feinden, die seine Keckheit nicht ernst genug nahmen.
Aegypten und die Kunst der Propaganda
1798 fuhrte Napoleon eine Expedition nach Aegypten. Das strategische Ziel war, Britanniens Verbindung nach Indien zu unterbrechen. Das Unternehmen war militarisch ein Desaster: Die britische Flotte vernichtete die franzosische bei der Seeschlacht von Abukir. Napoleon und seine Armee sassen fest.
Was Napoleon rettete, war nicht das Schlachtfeld. Es war Propaganda. Er liess sich von Aegypten faszinieren und brachte Wissenschaftler, Kunstler und Ingenieure mit, die das alte Aegypten dokumentierten. Die "Description de l'Egypte" wurde zu einem wissenschaftlichen Meilenstein. In den franzosischen Zeitungen, die Napoleon beeinflusste, wurden die Schlachten als Siege beschrieben.
Als Napoleon 1799 nach Frankreich zurueckkehrte, liess er seine Armee in Aegypten zuruck. Was ankam, war ein Held. Das Direktoriatsregime war unpopular und korrupt. Die Zeit war reif.
Der 18. Brumaire: ein Staatsstreich
Am 18. Brumaire des Jahres VIII (9. November 1799) fuhrte Napoleon einen Staatsstreich durch. Es war kein eleganter Vorgang. Er sollte vor dem Rat der Funfhundert sprechen und wurde von aufgebrachten Abgeordneten korperlich bedroht. Sein Bruder Lucien rettete die Situation: Als Prasident des Rates rief er die Truppen herbei und erklarte, bewaffnete Jakobiner bedrohten den Rat. Die Soldaten lichteten das Parlament.
Das Ergebnis war das Konsulat. Napoleon wurde Erster Konsul, formell einer von dreien. In der Praxis hatte er die Macht. Die Verfassung des neuen Systems war, wie Napoleon selbst sagte, "kurz und dunkel". Genau das wollte er.
Konsul und dann Kaiser
Als Erster Konsul zeigte Napoleon eine Seite, die seine reinen Militarkarriere nicht ahnen liess: Er war ein fahiger Staatsmann und Verwaltungsorganisator. Der Code Napoleon, das franzosische Burgerliche Gesetzbuch von 1804, ist sein dauerhaftestes legales Vermaechtnis. Es systematisierte das Recht, schaffte feudale Privilegien ab und legte Rechtsgrundsatze fest, die noch heute in Frankreich, Belgien, Quebec und Louisiana gelten.
Er schloss Frieden mit der Kirche durch das Konkordat von 1801, fuhrte die Zentralbank Frankreichs ein und modernisierte das Bildungssystem. Das alles in wenigen Jahren. Ob man Napoleon bewundert oder verabscheut, sein Talent zur Staatsorganisation ist nicht zu leugnen.
1804 kroente er sich selbst zum Kaiser. Er nahm dem Papst die Krone aus der Hand und setzte sie sich selbst auf, ein Zeichen, dass seine Macht von niemand verliehen wurde. Jacques-Louis Davids Gemaelde davon zeigt Napoleon in vollem Ornat, wahrend der Papst im Hintergrund sitzt.
Die Grundlagen des Aufstiegs: was wirklich zaehlt
Napoleons Aufstieg war die Verbindung von vier Faktoren. Erstens: ein aussergewoehnliches Individuum mit echter militarischer und administrativer Begabung. Zweitens: eine Revolution, die alle alten Hierarchien zerstorte und Platz fuer Talent schuf. Drittens: ein Europa in Dauerkrise, das immer neue militarische Gelegenheiten bot. Und viertens: die Fahigkeit, das eigene Image zu formen und die Erzahlung zu kontrollieren.
Kein einzelner dieser Faktoren hatte genugt. Zusammen schufen sie die Bedingungen fur einen Aufstieg, der in der Geschichte ohnegleichen ist. Von korsischem Kleinadel zum Kaiser Europas in weniger als funfzehn Jahren. Das ist kein Marchenstoff. Das ist Geschichte, die man kaum glauben kann, bis man die Quellen liest.