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Wie Pinochet Chile übernahm

Veröffentlicht 2026-06-02·5 Min. Lesezeit

Ein Morgen, der alles veränderte

Am 11. September 1973 bombardierten chilenische Militärflugzeuge den Präsidentenpalast La Moneda in Santiago. Salvador Allende, der demokratisch gewählte Präsident, weigerte sich zu fliehen. Er starb in diesem Gebäude, während Soldaten die Treppen stürmten. Die offizielle Version sprach von Selbstmord. Viele bezweifelten das bis heute.

Was an diesem Tag geschah, war kein spontaner Aufstand. Es war eine sorgfältig geplante Operation, die Monate im Voraus vorbereitet wurde, mit Beteiligung chilenischer Militärs, Teilen der Wirtschaftselite und aktiver Unterstützung der US-amerikanischen Regierung unter Richard Nixon und seinem Sicherheitsberater Henry Kissinger.

Wer war Salvador Allende?

Allende gewann die Präsidentschaftswahl 1970 mit 36,6 Prozent der Stimmen. Das war eine knappe Mehrheit in einem Drei-Parteien-Rennen, aber es war legitim. Er war der erste offen marxistische Präsident, der in einer freien Wahl in Lateinamerika an die Macht kam. Sein Programm: Verstaatlichung der Kupferminen, Landreform, staatliche Kontrolle über Schlüsselindustrien.

Die Kupferminen gehörten damals weitgehend amerikanischen Konzernen wie Anaconda und Kennecott. Als Allende sie verstaatlichte, ohne die erhoffte Entschädigung zu zahlen, reagierten Washington und die betroffenen Unternehmen mit offenem Feindseligkeit.

Nixon ordnete an, Chiles Wirtschaft "schreien zu lassen". Die CIA begann, Allendes Gegner finanziell zu unterstützen, Medien zu finanzieren und die Opposition zu stärken. Die Wirtschaftskrise, die Chile in den folgenden Jahren traf, war teilweise hausgemacht, teilweise von außen befeuert.

Der Aufbau der Verschwörung

Das chilenische Militär hatte eine lange Tradition politischer Neutralität. Armeekommandeur René Schneider verteidigte die Verfassung offen. Das war ein Problem für diejenigen, die einen Putsch planten. Im Oktober 1970 wurde Schneider bei einem Entführungsversuch erschossen. Spätere Ermittlungen belegten CIA-Verbindungen zu den Tätern.

Augusto Pinochet war bis kurz vor dem Putsch kein auffälliger Verschwörer. Er galt als loyaler, unpolitischer General. Das war entweder wahr oder eine sehr gute Tarnung. Er übernahm erst in den letzten Wochen vor dem 11. September eine aktive Rolle in den Planungen, oder so behauptete er es später selbst.

Die eigentlichen Drahtzieher im Militär waren Admiral José Toribio Merino und General Gustavo Leigh. Zusammen mit Pinochet und dem Chef der Carabineros bildeten sie die Junta, die Chile nach dem Putsch regierte. Pinochet setzte sich innerhalb dieser Gruppe als Anführer durch, schneller und entschlossener als die anderen erwartet hatten.

Der Tag des Putsches

In den frühen Morgenstunden des 11. September 1973 begannen Marineeinheiten in Valparaiso mit der Übernahme der Hafenstadt. Das war das vereinbarte Signal. Gleichzeitig riegelten Armeeeinheiten in Santiago strategische Punkte ab.

Allende wurde telefonisch informiert. Er fuhr zur La Moneda, begleitet von seiner Leibwache und einer Gruppe loyaler Berater. Er lehnte mehrere Angebote ab, das Land zu verlassen. Am Mittag feuerten Hawker Hunter-Kampfjets Raketen auf den Palast. Bodentruppen stürmten das Gebäude am frühen Nachmittag.

Allendes letzte Radioansprache, kurz vor dem Sturm aufgezeichnet, wurde zu einem historischen Dokument: Er sprach von seiner Überzeugung, dass die Wege der Geschichte sich öffnen würden, und dass ein freier Mensch die Geschichte schreibe, nicht derjenige, der die Geschichte mit Gewalt umbiegen will. Dann wurde das Radio abgeschaltet.

Was Pinochet dann tat

Die Junta handelte sofort und brutal. Stadien wurden zu Lagern umfunktioniert. Das Nationalstadion in Santiago fasste Tausende Verhaftete. In den ersten Wochen wurden Anhänger Allendes, Gewerkschaftsführer, Lehrer, Journalisten und Studenten verhaftet, gefoltert und ermordet.

Die offizielle Zahl der Todesopfer, die Chiles Wahrheitskommission nach dem Ende der Diktatur feststellte, liegt bei etwa 3.000 Toten und "Verschwundenen". Menschenrechtsorganisationen schätzen die Dunkelziffer höher. Mindestens 28.000 Menschen wurden gefoltert.

Pinochet baute sein persönliches Regime systematisch auf. Er drängte die anderen Junta-Mitglieder aus entscheidenden Positionen, schuf den Geheimdienst DINA unter dem berüchtigten Manuel Contreras, der direkt ihm unterstand, und ließ politische Parteien verbieten. Die Verfassung wurde außer Kraft gesetzt.

Die wirtschaftliche Richtung

Pinochet holte eine Gruppe junger chilenischer Ökonomen, die in Chicago unter Milton Friedman studiert hatten, als Berater in seine Regierung. Diese "Chicago Boys" setzten radikale Marktliberalisierung durch: Privatisierungen, Abbau von Zöllen, Kürzungen bei Sozialausgaben.

Das chilenische Wirtschaftsmodell wurde international als "Wunder" diskutiert, vor allem von konservativen Ökonomen. Die Wirklichkeit war komplizierter. Die Armut stieg zunächst stark an. Ende der 1970er Jahre gab es Wachstum, aber es verteilte sich extrem ungleich. Die Bankenkrise von 1982 ließ die Wirtschaft kollabieren, und der Staat musste eingreifen, um das Finanzsystem zu retten, was dem Narrativ des freien Marktes widersprach.

Das Ende der Diktatur

1988 schrieb Pinochets eigene Verfassung ein Plebiszit vor, in dem die Chilenen entscheiden sollten, ob er weitere acht Jahre regieren dürfe. Er verlor. Mit 55 Prozent stimmten die Chilenen gegen eine Verlängerung seiner Herrschaft. Pinochet akzeptierte das Ergebnis, behielt aber noch bis 1998 den Oberbefehl über die Armee.

1998 reiste er nach London und wurde dort auf Betreiben des spanischen Richters Baltasar Garzon festgenommen. Spanien wollte ihn wegen Verbrechen gegen spanische Staatsbürger in Chile anklagen. Er verbrachte 503 Tage unter Hausarrest in England, bevor er aus gesundheitlichen Gründen nach Chile zurückkehren durfte.

Er starb 2006 in Santiago, ohne dass ein chilenisches Gericht ihn jemals rechtskräftig verurteilt hatte. Hunderte Verfahren liefen gegen ihn, als er starb. Manche seiner Anhänger trauerten öffentlich. Viele Familien der Opfer sahen seinen Tod als einen weiteren Schmerz, da sie keine Gerechtigkeit erhielten.

Was bleibt

Die Debatte über Pinochet ist in Chile bis heute nicht abgeschlossen. Das Land beschloss 2022 eine neue Verfassung auszuarbeiten, verwarf den Entwurf dann in einem Referendum und begann erneut. Die politischen Risse, die 1973 sichtbar wurden, existieren weiter.

International bleibt der Putsch ein Lehrbeispiel dafür, wie demokratische Systeme zusammenbrechen: durch das Zusammenspiel von innenpolitischer Polarisierung, wirtschaftlichem Druck, institutionellem Verrat und externer Einmischung. Kein einzelner Faktor reichte allein aus. Es brauchte alle gleichzeitig.

Allendes letzte Worte über die Geschichte sind bekannt. Weniger bekannt ist, was danach in den Verhörkellern geschah. Beides gehört zur Geschichte Chiles, und beide Seiten dieser Geschichte zu kennen, ist die Voraussetzung dafür, sie zu verstehen.

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